Alexandra Kammer

Wer 3 Bias kennt, trifft bessere Hiring-Entscheidungen

Wer ein Gehirn hat, ist voreingenommen, sagt Alexandra Kammer. Die Gründerin berät Unternehmen in Bezug auf unbewusste Bias. In ihrem STRIVE-Gastbeitrag verrät sie, welche unbewussten Denkmuster ihr am häufigsten begegnen und wie Du bessere Entscheidungen triffst.

Wer 3 Bias kennt, trifft bessere Hiring-Entscheidungen
Foto: Atma Portrait Studio

Personalabteilungen haben es wirklich nicht einfach und das schon seit Jahren: Wirtschaftskrise, Fachkräftemangel, demographischer Wandel. Und inmitten von alledem bleibt der Anspruch, dass Stellenbesetzungen möglichst erfolgreich und kostengünstig erfolgen. Fehleinstellungen sollen vermieden werden, der Prozess soll schnell gehen, daran wird die Leistung der Abteilung gemessen. 

Kurz gesagt: Die Zeit rennt und der Druck ist groß. Das sind die perfekten Voraussetzungen für die Aktivierung unserer unbewussten Denkmuster bzw. Unconscious Biases. Sie sind die Lösung unseres Gehirns für die Bewältigung eines von Komplexität geprägten Alltags: Um Entscheidungsmüdigkeit vorzubeugen, nehmen wir Abkürzungen und stecken Menschen in Schubladen. Das geschieht innerhalb von wenigen Sekunden.

Das Problem: So schaffen wir es schnell ein Gericht auf einer langen Speisekarte auszusuchen, Bewerbende objektiv einzuschätzen und wirklich „die Besten” einzustellen, gelingt so jedoch nicht. 

„Unser Gehirn stuft den Ist-Zustand als vorhersehbar und dadurch sicher ein. Das führt dazu, dass wir unbewusst immer wieder die gleiche Art Mensch einstellen, um den Status Quo zu erhalten.“

Alexandra Kammer

1. Status Quo Bias

Hier geht es um die Macht der Gewohnheit. Unser Gehirn stuft den bekannten Ist-Zustand als vorhersehbar und dadurch als sicher ein. Jede Form von Veränderung trifft daher auf große Ablehnung. Das führt dazu, dass wir unbewusst immer wieder die gleiche Art Mensch einstellen, um den Status Quo zu erhalten. Dabei kann es passieren, dass wir für die Stellenbesetzung relevante Kriterien außer Acht lassen oder uns für neue Ansätze verschließen.

2. Affinity Bias

Hier kommt unser Bauchgefühl ins Spiel. Das Gehirn tendiert dazu, sich mit Menschen wohlzufühlen, die uns ähnlich sind. Aus der Ähnlichkeit leitet das Gehirn ebenfalls Vorhersehbarkeit und Sicherheit ab. Das ist im Freundeskreis, wo geteilte Interessen Nähe schaffen, super praktisch, kann aber dazu führen, dass wir neben der Sympathie andere erfolgsentscheidende Kriterien außer Acht lassen.

3. Conformity Bias

In der Steinzeit bedeutete der Ausschluss aus der Gruppe Lebensgefahr. Heute empfinden wir weiterhin den Druck, in der Gruppe anerkannt zu werden, um uns sicher zu fühlen. Das kann dazu führen, dass wir dazu tendieren unserer Vorgesetzten oder dem Lieblingskollegen zuzustimmen und nicht die Person einzustellen, die auf unserer Liste die höchste Passung für die Stelle mitgebracht hätte.

Der erste Schritt ist getan, diese Biases sind jetzt bekannt. Doch wie geht es konkret weiter?

Hier gibt es zwei Ansätze:

Als Einzelperson kann man erstmal eine Gewohnheit aufbauen, die Zeitdruck rausnimmt und damit ermöglicht, Bewerbende bewusster einzuschätzen. Das kann ein kurzer Blocker von drei bis fünf Minuten vor einem Vorstellungsgespräch sein oder ein Reminder in der Agenda daran, die eigenen Gedanken kritisch zu betrachten.

Außerdem hilft es, eine Vertrauensperson heranzuziehen, einen Bias Buddy, mit der man die eigene Einschätzung nochmal besprechen kann. Das Einfachste zum Schluss: Das Diversifizieren der eigenen Social Media-Feeds hilft dabei, das Gehirn an einen anderen Status Quo zu gewöhnen.

Unternehmen können vor allem an ihren Auswahlprozessen schrauben. Hier ist Struktur und Objektivität gefragt: Alle Bewerbenden bekommen die gleichen Bedingungen und werden am gleichen Maß gemessen. Die Kriterienliste wird dabei am besten mit der Expertise mehrerer Fachleute erstellt, die diese unabhängig voneinander einfließen lassen. Die Basis von alledem ist das Herstellen von psychologischer Sicherheit, also einer Kultur, in der sich alle wohl genug fühlen, um Einschätzungen zu hinterfragen und neue Blickwinkel einzubringen.

Portrait

Alexandra Kammer

Gründerin und CEO

Alexandra Kammer ist Gründerin und CEO der Unternehmensberatung Beyond Bias Consulting. Bis 2025 war sie Co-Founder und Chief Diversity Officer bei der HR-Software Aivy. Seit 2023 lehrt sie außerdem als Dozentin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.

Foto: Atma Portrait Studio