Dr. Barbara Studer

Use it or Loose it: Wie wir KI nutzen und unser Hirn schützen

KI spart Zeit und übernimmt lästige Aufgaben. Doch Studien zeigen: Wer sein Gehirn zu wenig nutzt, baut ab. Hier erklärt eine Neurowissenschaftlerin, wie sie selbst KI nutzt und was sie empfiehlt, damit das Gehirn leistungsfähig bleibt.

Use it or Loose it: Wie wir KI nutzen und unser Hirn schützen
Foto: Studertalk

Ich nutze KI täglich. Für Recherchen, für Textentwürfe, für die Vorbereitung meiner Lehre und Referate. Und ich bin ehrlich begeistert von dem, was möglich geworden ist. Wer heute mit den richtigen Tools arbeitet, kann in einer Stunde leisten, wofür er früher einen halben Tag gebraucht hätte. Und damit habe ich mehr Zeit für meine kreativen Entwicklungsarbeiten, für mein Team, für meine Live-Performances.

Aber als Neurowissenschaftlerin frage ich mich gleichzeitig: Was passiert eigentlich mit unserem Gehirn, wenn wir immer öfter auslagern, was es früher selbst leisten musste? Die Antwort, die erste Studien geben, ist ernüchternd und wichtig.

Bequemlichkeit und Stillstand führen zum Abbau

Eine aktuelle Untersuchung des MIT zeigt, dass Menschen, die KI für kognitive Aufgaben nutzen, messbar weniger eigene Hirnaktivität zeigen. Insbesondere in Bereichen, die für kritisches Denken, kreatives Problemlösen und das Verarbeiten komplexer Zusammenhänge zuständig sind. Zudem wird das Lernen, respektive die Erinnerung an das Gemachte, reduziert.

Aus vielen neurowissenschaftlichen Studien wissen wir: Was wir nicht benutzen, baut ab. Das Gehirn ist formbar, und es wächst durch Herausforderung. Bequemlichkeit und Stillstand, wo nicht mehr gelernt wird, führen zum Abbau. Damit kann KI zur bequemsten Abkürzung werden, die unser Denkvermögen je hatte.

Nutzen wir KI, aber behalten wir das Steuer!

Das bedeutet nicht, dass wir KI meiden sollen. Aber es bedeutet, dass wir sie klug einsetzen müssen, als Werkzeug, nicht als Ersatz für unser eigenes Denken. Das Gehirn, das Sie täglich mitbringen, ist lernfähig, kreativ, emotional intelligent und bedeutungsgebend. Es kann Dinge, die kein Algorithmus der Welt replizieren kann. Aber nur, wenn wir es weiterhin fordern, herausfordern und trainieren. Nutzen wir KI, aber behalten wir das Steuer.

„Das Gehirn kann Dinge, die kein Algorithmus der Welt replizieren kann. Aber nur, wenn wir es weiterhin fordern und trainieren.“

Dr. Barbara Studer

Hier sind meine fünf Strategien dafür:

1. Erst denken, dann fragen

Bevor Sie ChatGPT oder ein anderes Tool öffnen: Denken Sie selbst, auch wenn es nur zehn Minuten sind. Schreiben Sie auf, was Sie bereits wissen, was Sie vermuten, welche Lösung Sie sich vorstellen. Erst dann lassen Sie die KI ergänzen, prüfen oder erweitern.

Das Gehirn lernt durch Eigenleistung. Was wir selbst erarbeiten, verankert sich tiefer, bleibt länger und stärkt genau die kognitiven Netzwerke, die wir im Zeitalter der KI am dringendsten brauchen.

2. Ergebnisse aktiv hinterfragen, nicht einfach übernehmen

KI produziert Antworten, die überzeugend klingen, auch wenn sie falsch sind. Die Forschung zeigt, dass Menschen dazu neigen, maschinell generierte Texte unkritischer zu akzeptieren als menschlich verfasste. Das ist neurobiologisch erklärbar: Unser Gehirn sucht nach Bestätigung, nicht nach Widerspruch.

Trainieren Sie deshalb bewusst die Frage: Stimmt das wirklich? Prüfen Sie, hinterfragen Sie, ergänzen Sie aus eigenen Quellen. Kritisches Denken es ist die wichtigste menschliche Fähigkeit, die KI nicht ersetzen kann.

3. KI-freie Denkzeiten einplanen

Planen Sie täglich mindestens eine Phase ein, in der Sie ohne digitale Unterstützung denken, schreiben oder entscheiden. Nicht als Selbstbestrafung, sondern als gezieltes Hirntraining. Das muss keine Stunde sein. Zwanzig Minuten handschriftliches Aufschreiben, eine Entscheidung ohne Tool-Unterstützung, ein Problem selbst durchdenken. Dies aktiviert kognitive Netzwerke, vertieft das kreative Denken und das Lernen.

4. Kreativität und Eigensprache bewusst schützen

Wer KI-Texte unverändert übernimmt, verliert schleichend seine eigene Stimme. Was harmlos klingt, hat neurobiologische Konsequenzen: Schreiben ist Denken. Wer nicht mehr selbst formuliert, denkt auch weniger tief.

Meine persönliche Regel: KI darf Ideen liefern, strukturieren und prüfen. Den Text schreibe ich selbst oder überarbeite ihn so gründlich, dass er wirklich meiner ist. Das kostet mehr Zeit. Aber es hält das Gehirn in Form.

5. Den eigenen KI-Konsum bewusst wahrnehmen

Wie oft greifen Sie täglich auf KI zurück? Für welche Aufgaben? Und: Hätten Sie diese Aufgabe vor zwei Jahren noch selbst gelöst?

Diese Fragen sind ein Bewusstseinscheck. Denn was wir nicht wahrnehmen, können wir nicht steuern. Führen Sie eine Woche lang eine einfache Liste: Welche Aufgaben haben Sie mit KI gelöst, und welche bewusst ohne? Dieses kleine Experiment verändert die Art, wie Sie Ihre Werkzeuge einsetzen.

Portrait

Dr. Barbara Studer

Neurowissenschaftlerin und CEO der Hirncoach AG

Dr. Barbara Studer ist promovierte Neurowissenschaftlerin und Gründerin und CEO der Hirncoach AG. Das Unternehmen bietet verschiedene Programme zur mentalen Gesundheitsförderung an. Sie forscht und referiert zu den Themen Hirngesundheit, mentale Stärke und gehirngerechtes Arbeiten im digitalen Zeitalter. 2025 erschien ihr Buch „Hirnpower“ im Schweizer Beobachter-Verlag.

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