Warum ist es Euch wichtig, dieses Tabu zu brechen und selbst offen über Eure Erfahrungen zu sprechen?
Salvador: Mir hat es enorm geholfen, dass mein Arbeitgeber wusste, was passiert war. Dadurch konnte ich für kurze Zeit geschützt werden und den Raum bekommen, den ich gebraucht habe. Trauer nach einer Fehlgeburt kann ähnlich intensiv erlebt werden wie nach dem Verlust eines nahestehenden Angehörigen. Wer sich die Möglichkeit gibt zu trauern und sich zu erholen, kann häufig schneller wieder gesund zurückkehren. Unternehmen und Kolleg:innen können dabei eine wichtige Unterstützung sein.
Carloff-Winkelmann: Frauen, die Fehlgeburten erleiden, und auch ihre Partner oder Partnerinnen, sind traurig. Ich finde es wichtig, im beruflichen wie im privaten authentisch sein zu können. Trauer gehört zum Leben dazu.
Was wünscht Ihr Euch konkret von Unternehmen und Führungskräften?
Carloff-Winkelmann: Ich wünsche mir, dass Menschen auch im Arbeitskontext den Raum und die Zeit bekommen, zu trauern. Das kann während sie weiter arbeiten sein oder aber sie entscheiden sich, einige „Mental Health’“-Tage zu nehmen und trauern daheim. Als Arbeitgeberin biete ich schon lange Mental Health Support als Benefit an. Das sollten aus meiner Sicht alle Arbeitgeber:innen machen.
Salvador: Meiner Meinung nach kann der Dialog am besten von oben angestoßen werden. Wenn Führungskräfte offen über eigene Erfahrungen sprechen oder das Thema sichtbar machen, senkt das die Hemmschwelle für andere. Darüber hinaus könnten Unternehmen ein wichtiges Signal senden, indem sie die berufliche Entwicklung von Schwangeren konsequent weiterführen und bereits frühzeitig Perspektiven für die Zeit nach der Elternzeit schaffen. Das würde es vielen Mitarbeiterinnen erleichtern, früh über ihre Schwangerschaft zu sprechen. Wenn jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens eine Fehlgeburt erlebt, bedeutet das, dass in nahezu jedem Unternehmen Mitarbeiterinnen betroffen sind. Viele von ihnen erhalten in dieser schwierigen Zeit jedoch kaum berufliche Unterstützung.
Was möchtet Ihr Betroffenen mitgeben?
Salvador: Gerade in Ausnahmesituationen ist es wichtig, sich selbst Priorität einzuräumen und anzuerkennen, dass man nicht immer funktionieren muss. Mir persönlich hat Transparenz geholfen. Für andere kann ein anderer Weg der richtige sein. Wichtig ist vor allem, authentisch mit der eigenen Situation umzugehen. Vielleicht gibt es im beruflichen Umfeld jemanden, dem man vertraut und den man um Unterstützung bitten kann, auch ohne alle Details preiszugeben. Niemand sollte eine solche Erfahrung allein tragen müssen.
Carloff-Winkelmann: Es fällt mir schwer, einen allgemeinen Ratschlag zu geben. Es gibt sehr konservative Arbeitgeber:innen. Hier rate ich dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich selbst habe eine Therapie gemacht, um das Thema aufzuarbeiten. Ich wünsche mir, dass mehr Arbeitgeber:innen und Führungskräfte offen mit Fehlgeburten umgehen und Trauer zulassen, auch am Arbeitsplatz. Zum Muttertag bekam ich eine Nachricht von einer Mitarbeiterin, die mir schrieb, dass sie mir dankbar ist, dass ich vor Jahren meine Geschichte mit ihr geteilt habe. Das hat mich sehr berührt und in meiner Haltung bestärkt.