STRIVE Redaktion

Tabuthema Fehlgeburt: „Viele trauern im Verborgenen“

Etwa jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens eine Fehlgeburt. Trotzdem wird darüber kaum gesprochen, erst recht nicht im Job. Bei STRIVE erzählen zwei Managerinnen von ihren Erfahrungen und davon, was Unternehmen besser machen können.

Tabuthema Fehlgeburt: „Viele trauern im Verborgenen“

STRIVE: Ihr beide habt mehrere Fehlgeburten erlebt. Was ist genau passiert und wie habt Ihr diese Zeit erlebt?

Tilanie Salvador: Ich habe das Glück, drei Töchter zu haben. Zwischen 2019 und 2025 habe ich jedoch vier Fehlgeburten erlebt, alle zwischen der 9. und 12. Schwangerschaftswoche. Die erste Fehlgeburt traf mich völlig unvorbereitet. Bis dahin hatte ich nie ernsthaft darüber nachgedacht, dass eine Schwangerschaft bei mir auch anders verlaufen könnte. Der Schock und die Trauer waren entsprechend groß.

Julia Carloff-Winkelmann: Mein Mann und ich haben uns sehr ein zweites Kind gewünscht. Unsere Tochter wurde 2011 geboren, 2014 hatte ich zwei Fehlgeburten, eine in der 14., die andere in der achten Schwangerschaftswoche.

Damals wart Ihr beide bereits in Führungsrollen tätig. Habt Ihr mit Euren Teams offen darüber gesprochen, was passiert ist?

Carloff-Winkelmann: Ich habe mit niemandem aus meinem beruflichen Kontext darüber gesprochen. Ich habe einfach „funktioniert“. Für mich war und ist Disziplin ein wichtiger Wert, auch Fleiß gehört zu meiner beruflichen Identifikation. Zudem hatte ich eine Führungskraft, die für mich keine Vertrauensperson war. Unsere Gespräche beschränkten sich ausschließlich auf den Job.

Salvador: Ich hatte mein Kernteam und meinen Vorgesetzten bereits früh über die Schwangerschaft informiert. Dadurch wusste mein engstes berufliches Umfeld, was passiert war, und ich hatte das Glück, viel Unterstützung zu erhalten. Ich konnte mich einige Tage vollständig dem Schock und der Trauer widmen. Die Reaktionen waren durchweg positiv. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie präsent Fehlgeburten in meinem Umfeld sind. Sogar Kolleg:innen aus anderen Ländern meldeten sich und erzählten von ihren Erfahrungen. Meine Offenheit hat andere ermutigt, ebenfalls ihre Geschichten zu teilen.

Warum ist das Thema Fehlgeburt gerade im professionellen Kontext insgesamt trotzdem noch immer tabuisiert?

Carloff-Winkelmann: Das Thema Kinderwunsch ist nach wie vor sehr intim und das, was nach außen dringt, sind meist nur die Baby-Fotos, nachdem alles gut verlaufen ist. Mir war vor meinen Schwangerschaften auch nicht bewusst, wie viele Frauen Fehlgeburten erleben. Erst nachdem ich in meinem privaten Kontext anfing, darüber zu sprechen, haben mir andere Frauen anvertraut, dass sie es ebenfalls erlebt haben. Das Thema ist nach wie vor tabuisiert, da es schambesetzt ist. Viele Frauen empfinden es als persönliches „Versagen", Fehlgeburten zu erleiden und haben Angst vor Vorurteilen gegenüber „körperlichen Einschränkungen”.

Salvador: Schätzungen zufolge ereignen sich über 80 Prozent der Fehlgeburten im ersten Trimester. Genau in dieser Phase bleiben Schwangerschaften aber häufig verborgen. Hinzu kommt: Viele suchen nach einer Ursache. Tatsächlich hat man nur sehr begrenzten Einfluss darauf, ob eine Fehlgeburt eintritt oder nicht. Trotzdem stellt man sich Fragen: Habe ich zu viel gearbeitet? Zu wenig geschlafen? Diese Selbstzweifel gehen häufig mit Scham einher, obwohl sie in den meisten Fällen unbegründet sind.

„Mir hat es enorm geholfen, dass mein Arbeitgeber wusste, was passiert war. Dadurch konnte ich für kurze Zeit geschützt werden und den Raum bekommen, den ich gebraucht habe.“

Tilanie Salvador

Warum ist es Euch wichtig, dieses Tabu zu brechen und selbst offen über Eure Erfahrungen zu sprechen?

Salvador: Mir hat es enorm geholfen, dass mein Arbeitgeber wusste, was passiert war. Dadurch konnte ich für kurze Zeit geschützt werden und den Raum bekommen, den ich gebraucht habe. Trauer nach einer Fehlgeburt kann ähnlich intensiv erlebt werden wie nach dem Verlust eines nahestehenden Angehörigen. Wer sich die Möglichkeit gibt zu trauern und sich zu erholen, kann häufig schneller wieder gesund zurückkehren. Unternehmen und Kolleg:innen können dabei eine wichtige Unterstützung sein.

Carloff-Winkelmann: Frauen, die Fehlgeburten erleiden, und auch ihre Partner oder Partnerinnen, sind traurig. Ich finde es wichtig, im beruflichen wie im privaten authentisch sein zu können. Trauer gehört zum Leben dazu.

Was wünscht Ihr Euch konkret von Unternehmen und Führungskräften?

Carloff-Winkelmann: Ich wünsche mir, dass Menschen auch im Arbeitskontext den Raum und die Zeit bekommen, zu trauern. Das kann während sie weiter arbeiten sein oder aber sie entscheiden sich, einige „Mental Health’“-Tage zu nehmen und trauern daheim. Als Arbeitgeberin biete ich schon lange Mental Health Support als Benefit an. Das sollten aus meiner Sicht alle Arbeitgeber:innen machen.

Salvador: Meiner Meinung nach kann der Dialog am besten von oben angestoßen werden. Wenn Führungskräfte offen über eigene Erfahrungen sprechen oder das Thema sichtbar machen, senkt das die Hemmschwelle für andere. Darüber hinaus könnten Unternehmen ein wichtiges Signal senden, indem sie die berufliche Entwicklung von Schwangeren konsequent weiterführen und bereits frühzeitig Perspektiven für die Zeit nach der Elternzeit schaffen. Das würde es vielen Mitarbeiterinnen erleichtern, früh über ihre Schwangerschaft zu sprechen. Wenn jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens eine Fehlgeburt erlebt, bedeutet das, dass in nahezu jedem Unternehmen Mitarbeiterinnen betroffen sind. Viele von ihnen erhalten in dieser schwierigen Zeit jedoch kaum berufliche Unterstützung.

Was möchtet Ihr Betroffenen mitgeben?

Salvador: Gerade in Ausnahmesituationen ist es wichtig, sich selbst Priorität einzuräumen und anzuerkennen, dass man nicht immer funktionieren muss. Mir persönlich hat Transparenz geholfen. Für andere kann ein anderer Weg der richtige sein. Wichtig ist vor allem, authentisch mit der eigenen Situation umzugehen. Vielleicht gibt es im beruflichen Umfeld jemanden, dem man vertraut und den man um Unterstützung bitten kann, auch ohne alle Details preiszugeben. Niemand sollte eine solche Erfahrung allein tragen müssen.

Carloff-Winkelmann: Es fällt mir schwer, einen allgemeinen Ratschlag zu geben. Es gibt sehr konservative Arbeitgeber:innen. Hier rate ich dazu, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich selbst habe eine Therapie gemacht, um das Thema aufzuarbeiten. Ich wünsche mir, dass mehr Arbeitgeber:innen und Führungskräfte offen mit Fehlgeburten umgehen und Trauer zulassen, auch am Arbeitsplatz. Zum Muttertag bekam ich eine Nachricht von einer Mitarbeiterin, die mir schrieb, dass sie mir dankbar ist, dass ich vor Jahren meine Geschichte mit ihr geteilt habe. Das hat mich sehr berührt und in meiner Haltung bestärkt. 

Portrait

Tilanie Salvador

Headhunterin und Partnerin bei True Search

Tilanie Salvador ist Partnerin bei der Executive Search Beratung True Search und als Headhunterin spezialisiert auf C-Level- sowie Board-Besetzungen. Die Diplom-Kauffrau ist Mutter von drei Töchtern und lebt in Hamburg.

Foto: Inga Sommer

Portrait

Julia Carloff-Winkelmann

Chief Human Resources Officer bei Kleinanzeigen

Julia Carloff-Winkelmann ist Chief Human Resources Officer bei Kleinanzeigen und als Teil des Executive Teams verantwortlich für die Unternehmensführung von mehr als 300 Mitarbeitenden. Außerdem ist sie systemische Business Coach, hat eine Tochter und lebt in Berlin.

Foto: Caroline Pitzke