Dr. Laura Wünsch

In Sekunden klarer denken: Diese 3 Gehirn-Tricks wirken wie ein Neustart

Manchmal ist alles zu viel: Du hetzt von Termin zu Termin, ständig will jemand etwas von Dir, Du kommt vor lauter Mails nicht mehr hinterher. Was dann hilft, erklärt Neurowissenschaftlerin Dr. Laura Wünsch in ihrem Gastbeitrag.

In Sekunden klarer denken: Diese 3 Gehirn-Tricks wirken wie ein Neustart
Foto: Klaudia Taday

Den Menschen scheint es immer schlechter zu gehen. Wir kennen die Statistiken: immer mehr Krankheitstage, die Einsamkeit und der Stresspegel steigen, die Resilienz sinkt und psychische Leiden sind allgegenwärtig.

Der Grund ist schlicht: Wir laufen als Steinzeitmenschen mit einem Gehirn 1.0 durch eine digitale Welt 4.0. Das kann nicht gut gehen. Doch der Hirnforschung sei Dank gibt es drei einfache Tricks für Ruhe und neue Energie.

Trick 1: Mehr Fokus mit dem KEN-Modell

Unser Hirn ist durch den Vagusnerv mit unserem Körper verbunden. Wenn wir viele angstvolle und depressive Gedanken haben, kann diese Information über Hormone an unseren Bauch weitergeleitet werden. Dadurch können unsere Entzündungswerte steigen. Wir können uns also wortwörtlich krank denken.

Die Frage ist also: Mit was füttern wir unsere Gedankenmaschine?

Was wir in einer Stunde in den a-sozialen Medien (ich nenne sie so, da sie uns nachweislich einsamer und unempathischer machen) sehen, ist mehr Information, als unsere Vorfahren im Mittelalter während ihres gesamten Lebens erhalten haben.

Viele dieser Informationen sind für uns und unsere Mitmenschen irrelevant: Es sind Push-Nachrichten vom Säbelzahntiger, da sie hauptsächlich dramatisch, negativ, aufregend und effekthascherisch sind. Sie wirken, weil unser Steinzeithirn Positives unwichtig findet und wir eine Faszination für das Defizit haben. Die Devise lautet: „Mehr Drama, Baby!“ oder es ist einfach leichter und sogar angenehmer zu leiden, als loszulassen. Das gilt nicht nur für die Flut an Nachrichten, sondern auch für so manche Beziehung.

Blöd nur, dass unser Hirn das nicht reflektiert. Wir drehen durch den Konsum von Push-Nachrichten unser Gedankenkarussell mit immer verrückteren Gefahren, Ängsten und Sorgen. Wir sind nun mal Gedankenriesen und Umsetzungszwerge. Dabei ist nachweislich niemandem geholfen, wenn wir stundenlang leidvolle Informationen konsumieren.

Hier hilft mein KEN-Model:

KEN steht für

• Kontrolle
• Einfluss und
• Nichts. 

Alles, was wir nicht kontrollieren und beeinflussen können, das lassen wir los und sein. Doomscrolling ist kein Aktivismus. Wir helfen niemandem und ändern nichts, wenn wir uns durch News in einen Stresszustand versetzen. Es nützt niemandem, wenn wir auf dem aktuellen Stand der derzeitigen Kriege sind, außer Sie sind eine zuständige Generalin.

Stattdessen können wir die Tricks zwei und drei umsetzen und wirklich etwas bewirken: Dadurch finden wir Ruhe, können arbeiten gehen und Geld verdienen - womit wir dann wirklich Einfluss generieren und beispielsweise Geld an Kriegsflüchtlinge spenden können. Das ist befriedigender und gesunder Aktivismus.

Ich persönlich begegne dem Säbelzahntiger nur einmal kontrolliert am Morgen. Ich schaue mir das Weltgeschehen an und kümmere mich für den Rest des Tages nur noch um das K und E. Übrigens macht Multitasking uns dumm: Wir verlieren im Schnitt zehn IQ-Punkte, wenn wir uns auf eine Sache fokussieren und uns dann durch den Säbelzahntiger ablenken lassen. Push-Nachrichten daher jetzt direkt mal abschalten.

„Wenn das Gehirn unter Stress steht, möchte unser Körper in Aktion treten: Flüchten oder Angreifen. Stattdessen bleiben wir meist sitzen, ziehen die Schultern hoch und fluten unseren Körper mit Stresshormonen.“

Dr. Laura Wünsch

Trick 2: Den Vagusnerv stimulieren

Wussten Sie, dass 70 Prozent der Erkrankungen hausgemacht sind, weil wir uns vor allem nicht mehr, wie unsere Vorfahren draußen, bewegen? Wenn unser Gehirn unter Stress steht und Gefahr wittert, möchte unser Körper in Aktion treten: Flüchten oder Angreifen. Stattdessen bleiben wir meist sitzen, ziehen die Schultern hoch und fluten unseren Körper mit Stresshormonen. Wir wissen, dass Sitzen krank macht und ähnlich negative Effekte auf den Körper hat wie das Rauchen. Ich halte es daher mit Dr. House: Work smart – not hard!

Wir verwechseln Aktionismus mit Produktivität. Videokonferenzen beispielsweise führen nachweislich zu Burnouts. Je mehr, desto schädlicher. Wir sind Raubtiere und haben unsere Augen nah beieinander. Wenn uns so viele Raubtiere in den Videokacheln den ganzen Tag anstarren, ist es kein Wunder, dass wir abends kraftlos sind.

Zudem starren wir fast die gesamte Zeit sowieso nur auf unsere Gesichtskachel und da zeigt sich wunderbar die Faszination am Defizit. Oder haben Sie schonmal in einen Vergrößerungsspiegel geschaut und sich immer schöner und unwiderstehlicher gefunden?

Daher ein Trick nebenbei: weniger in den Spiegel und die Selfie-Kamera schauen. Die sind nämlich ähnlich erfrischend für uns wie das Doomscrolling.

Machen Sie Gedankenwege!

Ich empfehle daher den Gedankengang. Gespräche ja bitte, aber ohne Videos. Wenn wir während eines Gesprächs mit ausgeschalteter Kamera laufen, denkt unser Gehirn eher in Lösungen. Konfliktgespräche löst man am besten, indem man ein Wegstück zusammen geht.

Und wenn Sie keine Gedankengänge machen können, weil Ihr Arbeitsumfeld Ihnen nicht vertraut? Dann simulieren Sie bei Stress den Angriff oder die Flucht. Im Büro gehen Sie in die Toilettenkabine, am besten mir stimulierender Musik auf den Kopfhörern und betreiben eine Runde Schattenboxen. Oder Sie laufen um den Block, verprügeln zuhause mit Ihren Zierkissen Ihr Sofa, machen Liegestütze oder mehrere Liegestütze. Hauptsache, Sie kommen außer Atem. Dafür braucht es nur wenige Minuten.

Ihr Hirn glaubt dann, Sie sind dem Säbelzahntiger entkommen und kann runterfahren. Davon muss keiner erfahren. Die anderen sind ja verrückt, die sich in diesen Zuständen in das nächste Meeting einwählen.

Es gibt natürlich auch ruhigere Methoden, den Vagusnerv zu stimulieren:

• Summen 
• Singen 
• am Ohrläppchen spielen oder 
• Atmungen, wo Sie länger aus- als einatmen.

Interessanterweise machen Babys und Kinder intuitiv noch viele solcher Hacks, um sich selbst zu regulieren.

Trick 3: Ausreichend schlafen und LUXen

Der wichtigste Trick ist einfach, aber nicht leicht: Schlafen Sie mindestens sieben bis acht Stunden. Vielleicht brauchen Sie sogar mehr. Nach müde kommt bekanntlich blöd und wir schlafen so wenig wie noch nie.

Kinderleicht erklärt: Über den Tag sammelt sich Müll in unserem Gehirn. Während des Schlafs kommt dann die Müllabfuhr und entfernt den Proteinschrott. Nützlich, wenn man kein Alzheimer bekommen möchte. Wissen Sie noch? 70 Prozent unserer Erkrankungen und Todesursachen sind selbst gemacht.

Dieser Trick wird Ihnen nicht gefallen. Zwei Stunden vor dem Schlafengehen kein Blaulicht konsumieren. Das bedeutet: kein Handy, Tablet oder Laptop im Bett. Warum? Dieses Licht simuliert Ihrem Steinzeithirn einen Sonnenuntergang. Dieser führt zu einem letzten Energieschub, da wir eine Höhle für die Nacht finden müssen.

Das erklärte mir dann auch, warum ich damals als übermüdete Unternehmensberaterin noch so viel Netflix gucken konnte. Ich wollte mir eine Serienfolge gönnen und stellte mittendrin fest, dass ich doch nicht so müde war, wie gedacht, und plötzlich noch eine Folge und noch eine schauen konnte. Ich simulierte meinem System einen Sonnenuntergang nach dem anderen. Klug wäre es gewesen, stattdessen ein echtes Buch mit Blättern zu lesen, bis man schläfrig wird.

Hinzu kommt noch ein finaler Trick: Gehen Sie bitte LUXen (LUX ist lateinisch für Licht sowie eine physikalische Einheit für die Beleuchtungsstärke). Unser Gehirn bekommt draußen an einem grauen Novembertag mehr LUX als drinnen unter Büroflutlichtern. Was bedeutet das?

Wenn Sie an einen Urlaub zurückdenken, wo Sie den ganzen Tag nichts getan haben, außer faul am Strand zu liegen und sich gewundert haben, warum Sie trotzdem abends so schön schläfrig waren, dann kennen Sie die Macht des LUXens. Unsere Steinzeitkörper bekommen keine Zeitgeber mehr für Tag und Nacht. Ein Grund mehr für einen Gedankengang an frischer Luft.

Und wenn Sie auch dafür eine Ausrede haben – wir sind ja schließlich Energiesparmonster – dann hier ein Trick, den jeder umsetzen kann: Bitte am Morgen ein Fenster öffnen und ohne Brille und Kontaktlinsen die Augen zehn Minuten in den Himmel halten. Dabei kann man wunderbar einen Kaffee trinken. Durch dieses LUXen werden Sie deutlich fitter sein und über den Tag verteilt weniger Koffein benötigen und besser schlafen.

Bitte unbedingt jetzt einen Trick ausprobieren. Und sei es, dass Sie diesen Artikel im Stehen lesen. Wir können die digitale Welt nicht ändern, aber wir können dem Höhlenmenschen in uns darin ein paar gesunde Spielwiesen bauen.

Portrait

Dr. Laura Wünsch

Neurowissenschaftlerin & Gründerin von Neuroscience Consulting 

Dr. Laura Wünsch ist promovierte Neurowissenschaftlerin und Gründerin von Neuroscience Consulting. Zuvor war sie als Global Head of Diversity & Inclusion bei Siemens Healthineers sowie für die Unternehmensberatung Kearney tätig. Daneben arbeitet sie als Speakerin, Autorin und berät Konzerne, Universitäten und Behörden in Bezug auf gesunde und menschliche Unternehmenskultur.

Foto: Klaudia Taday