Zum Rekord Anfang der 2000er kamen fast 180 Millionen Menschen ins Kino, letztes Jahr keine 90 Millionen. Was von dieser Hälfte kommt zurück, und was ist für immer weg?
Theile: Fangen wir am besten mit dem an, was nie weg war: die Faszination, einen Film in Gemeinschaft auf einer großen Leinwand zu sehen. Die Energie, die entsteht, wenn alle zeitgleich in eine Geschichte eintauchen und sich gemeinsam auf eine emotionale Reise begeben, ist unvergleichlich. Insofern wird das Kino immer der Goldstandard des Filmerlebnisses bleiben.
Andererseits gibt es grundlegende Veränderungen: Der spontane Kinobesuch aus Gewohnheit ist nicht mehr selbstverständlich. Dafür gibt es heute zu viele Alternativen, zu viele Screens. Die gute Nachricht: Die jüngste Zielgruppe der 10- bis 19-Jährigen ist immer noch die stärkste Besuchergruppe und kann sich, obwohl sie mit Streaming und Social Media aufgewachsen ist, fürs Kinoerlebnis begeistern. Wir müssen nicht versuchen, die Vergangenheit zurückzuholen, sondern die Relevanz des Kinos für die Gegenwart und die Zukunft im Blick haben.
Du hast an das EU-Parlament appelliert, die europäische Filmkultur zu schützen. Kannst Du für einen Laien erklären, was dahintersteckt?
Theile: Im Kern geht es um die Vielfalt des Filmangebotes. Hollywood-Blockbuster werden immer wichtig sein. Aber originäre europäische und deutsche Stoffe sind uns oft näher. Wenn nur noch Filme gezeigt werden, die einer weltweiten Vermarktungsstrategie folgen, mag das effizient sein, es geht aber auch viel verloren. Ein französischer, deutscher oder dänischer Film muss nicht dieselbe Logik erfüllen wie ein globaler Blockbuster. Er kann regionaler, mutiger, leiser oder sperriger sein, und genau darin liegt sein Wert. Damit solche Filme entstehen können, braucht es die passenden politischen Rahmenbedingungen, sowohl für die Entwicklung als auch für die Vermarktung.
Viele Filme landen heute nach wenigen Wochen bei Streaming-Diensten. Nimmt Dir das die Leute weg, oder macht es sogar Lust aufs Kino?
Theile: Leider wurde das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von den großen Studios gegen den Willen der Kinos massiv gekürzt. Waren es vor der Pandemie noch mindestens vier Monate, sind es heute manchmal nicht mehr als sieben Wochen. Das kostet die Branche Besucher und ist einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Besucherzahlen. Andererseits hat sich das Blatt zuletzt wieder gewendet: Das Fenster wurde teilweise verlängert, weil die Studios erkannt haben, dass eine konsequente und erfolgreiche Kinoauswertung einen Mehrwert schafft. Große Marken und Blockbuster entstehen nicht auf Streaming-Plattformen, sondern im Kino.
Was muss ein Kinobesuch heute bieten, damit Menschen dafür das Sofa verlassen?
Theile: An allererster Stelle stehen die Filme und Geschichten, die begeistern und berühren müssen. Das schönste Kino wird einen schlechten Film nie kompensieren können. Wir als Kinobetreiber müssen uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können: herausragende Gastgeber sein und ein unvergleichbares Filmerlebnis bieten. Das beginnt mit makelloser Projektion und beeindruckendem Sound, geht über komfortable Sitze, Kinosnacks in Top-Qualität, ansprechendes Design und Aufenthaltsqualität im Foyer bis zu perfektem Service. Häufig stellen sich unsere Gäste danach die Frage: Warum gehen wir eigentlich nicht öfter ins Kino?
Welchen Film würdest Du jedem zeigen, der behauptet, Kino brauche man nicht mehr?
Theile: Die Einzigartigkeit des Kinobesuchs basiert auf zwei Säulen: der Qualität der Filmvorführung und dem Gemeinschaftserlebnis. Um die Kraft der großen Leinwand zu erleben und den Sound nicht nur zu hören, sondern zu spüren, würde ich einen Film wie "Dune" zeigen. Um das kollektive Erlebnis zu spüren, muss man vor allem zusammen lachen, weinen oder sich gemeinsam erschrecken. Insofern würde ich Filme wie "Der Schuh des Manitu", "Das Leben ist schön" oder "Das Schweigen der Lämmer" auswählen.
Du hast den Standort in Karlsruhe geschlossen und in Hamburg einen neuen eröffnet. Wie entscheidest Du, welches Kino bleibt und welches geht?
Theile: Wenn wir einen Standort schließen müssen, sind es am Ende immer wirtschaftliche Gründe, die uns dazu zwingen. Glücklicherweise musste ich in den vergangenen zwanzig Jahren erst zwei Kinos schließen, dennoch hat es beide Male geschmerzt, weil damit immer auch ein Stück Kinogeschichte zu Ende ging. Bei einem neuen Standort wie Hamburg ist es umgekehrt: Seit mehr als zehn Jahren waren wir von der Lage und dem entstehenden Überseequartier fasziniert und haben die Möglichkeit gesehen, ein einzigartiges Kinoangebot zu schaffen, das es in der Form in Hamburg noch nicht gab. Nicht ohne Stolz darf ich anmerken, dass das Kinopolis HafenCity vor Kurzem als bester Kinoneubau in der Region Europa/Afrika/Mittlerer Osten ausgezeichnet wurde.