STRIVE Redaktion

Große Marken und Blockbuster entstehen nicht auf Streaming-Plattformen, sondern im Kino

Sein Urgroßvater hat 1905 in Baden-Baden das erste Kino eröffnet, sein Vater die Kinopolis-Gruppe zu einer der prägenden deutschen Kinoketten aufgebaut. Seit 2004 führt Gregory Theile das Familienunternehmen in vierter Generation. Im STRIVE-Interview spricht er über das Kino als Premiumprodukt, die Verkürzung der exklusiven Kinozeit, bevor Filme auf den Streaming-Plattformen landen, und warum das Kino für ihn das stärkste Format bleibt.

Große Marken und Blockbuster entstehen nicht auf Streaming-Plattformen, sondern im Kino
Foto: Kinopolis Gruppe

Zum Rekord Anfang der 2000er kamen fast 180 Millionen Menschen ins Kino, letztes Jahr keine 90 Millionen. Was von dieser Hälfte kommt zurück, und was ist für immer weg?

Theile: Fangen wir am besten mit dem an, was nie weg war: die Faszination, einen Film in Gemeinschaft auf einer großen Leinwand zu sehen. Die Energie, die entsteht, wenn alle zeitgleich in eine Geschichte eintauchen und sich gemeinsam auf eine emotionale Reise begeben, ist unvergleichlich. Insofern wird das Kino immer der Goldstandard des Filmerlebnisses bleiben.

Andererseits gibt es grundlegende Veränderungen: Der spontane Kinobesuch aus Gewohnheit ist nicht mehr selbstverständlich. Dafür gibt es heute zu viele Alternativen, zu viele Screens. Die gute Nachricht: Die jüngste Zielgruppe der 10- bis 19-Jährigen ist immer noch die stärkste Besuchergruppe und kann sich, obwohl sie mit Streaming und Social Media aufgewachsen ist, fürs Kinoerlebnis begeistern. Wir müssen nicht versuchen, die Vergangenheit zurückzuholen, sondern die Relevanz des Kinos für die Gegenwart und die Zukunft im Blick haben.

Du hast an das EU-Parlament appelliert, die europäische Filmkultur zu schützen. Kannst Du für einen Laien erklären, was dahintersteckt?

Theile: Im Kern geht es um die Vielfalt des Filmangebotes. Hollywood-Blockbuster werden immer wichtig sein. Aber originäre europäische und deutsche Stoffe sind uns oft näher. Wenn nur noch Filme gezeigt werden, die einer weltweiten Vermarktungsstrategie folgen, mag das effizient sein, es geht aber auch viel verloren. Ein französischer, deutscher oder dänischer Film muss nicht dieselbe Logik erfüllen wie ein globaler Blockbuster. Er kann regionaler, mutiger, leiser oder sperriger sein, und genau darin liegt sein Wert. Damit solche Filme entstehen können, braucht es die passenden politischen Rahmenbedingungen, sowohl für die Entwicklung als auch für die Vermarktung.

Viele Filme landen heute nach wenigen Wochen bei Streaming-Diensten. Nimmt Dir das die Leute weg, oder macht es sogar Lust aufs Kino?

Theile: Leider wurde das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von den großen Studios gegen den Willen der Kinos massiv gekürzt. Waren es vor der Pandemie noch mindestens vier Monate, sind es heute manchmal nicht mehr als sieben Wochen. Das kostet die Branche Besucher und ist einer der wesentlichen Gründe für den Rückgang der Besucherzahlen. Andererseits hat sich das Blatt zuletzt wieder gewendet: Das Fenster wurde teilweise verlängert, weil die Studios erkannt haben, dass eine konsequente und erfolgreiche Kinoauswertung einen Mehrwert schafft. Große Marken und Blockbuster entstehen nicht auf Streaming-Plattformen, sondern im Kino.

Was muss ein Kinobesuch heute bieten, damit Menschen dafür das Sofa verlassen?

Theile: An allererster Stelle stehen die Filme und Geschichten, die begeistern und berühren müssen. Das schönste Kino wird einen schlechten Film nie kompensieren können. Wir als Kinobetreiber müssen uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können: herausragende Gastgeber sein und ein unvergleichbares Filmerlebnis bieten. Das beginnt mit makelloser Projektion und beeindruckendem Sound, geht über komfortable Sitze, Kinosnacks in Top-Qualität, ansprechendes Design und Aufenthaltsqualität im Foyer bis zu perfektem Service. Häufig stellen sich unsere Gäste danach die Frage: Warum gehen wir eigentlich nicht öfter ins Kino?

Welchen Film würdest Du jedem zeigen, der behauptet, Kino brauche man nicht mehr?


Theile: Die Einzigartigkeit des Kinobesuchs basiert auf zwei Säulen: der Qualität der Filmvorführung und dem Gemeinschaftserlebnis. Um die Kraft der großen Leinwand zu erleben und den Sound nicht nur zu hören, sondern zu spüren, würde ich einen Film wie "Dune" zeigen. Um das kollektive Erlebnis zu spüren, muss man vor allem zusammen lachen, weinen oder sich gemeinsam erschrecken. Insofern würde ich Filme wie "Der Schuh des Manitu", "Das Leben ist schön" oder "Das Schweigen der Lämmer" auswählen.

Du hast den Standort in Karlsruhe geschlossen und in Hamburg einen neuen eröffnet. Wie entscheidest Du, welches Kino bleibt und welches geht?

Theile: Wenn wir einen Standort schließen müssen, sind es am Ende immer wirtschaftliche Gründe, die uns dazu zwingen. Glücklicherweise musste ich in den vergangenen zwanzig Jahren erst zwei Kinos schließen, dennoch hat es beide Male geschmerzt, weil damit immer auch ein Stück Kinogeschichte zu Ende ging. Bei einem neuen Standort wie Hamburg ist es umgekehrt: Seit mehr als zehn Jahren waren wir von der Lage und dem entstehenden Überseequartier fasziniert und haben die Möglichkeit gesehen, ein einzigartiges Kinoangebot zu schaffen, das es in der Form in Hamburg noch nicht gab. Nicht ohne Stolz darf ich anmerken, dass das Kinopolis HafenCity vor Kurzem als bester Kinoneubau in der Region Europa/Afrika/Mittlerer Osten ausgezeichnet wurde.

"Das Kino wird immer der Goldstandard des Filmerlebnisses bleiben."

Dr. Gregory Theile

Dein Vater hat Kinopolis groß gemacht. Wann hast Du zum ersten Mal gespürt, dass es jetzt wirklich Dein Unternehmen ist?

Theile: Bei der Eröffnung unseres Kinos in Hanau. Das war der erste Kinoneubau, den ich von der Entwicklung über die Gestaltung und bauliche Umsetzung bis hin zur Eröffnungsfeier komplett verantwortet habe. Als ich dann im Beisein meines Vaters, unserer Gesellschafterinnen und Gesellschafter, unseres Teams und zahlreicher Gäste die Eröffnungsrede halten durfte, war das ein besonders emotionaler und einschneidender Moment.

Was aus den Anfängen, vom ersten Kino 1905 in Baden-Baden, steckt heute noch in Kinopolis?

Theile: Als mein Urgroßvater August Daub 1905 sein erstes Kino eröffnete, muss er eine Menge Pioniergeist in sich gehabt haben. Das Kino steckte damals noch in den Kinderschuhen. Sicherlich haben ihn Mut, Innovationsbereitschaft und der feste Glaube an dieses damals noch junge Medium ausgezeichnet. Alle diese Eigenschaften würde ich für unser Unternehmen auch heute noch beanspruchen. Dazu kommt der Wunsch, einen sozialen Ort zu schaffen und Menschen zusammenzubringen, um gemeinsam dem Alltag zu entfliehen, sich eine Geschichte erzählen zu lassen und in andere Welten abzutauchen.

Gab es einen Moment, in dem Du überlegt hast, etwas ganz anderes zu machen als Kino?

Theile: Mit diesem Gedanken musste ich mich zwangsläufig beschäftigen, als sich unsere Familie im Jahre 2000 entschieden hat, den Großteil unserer Kinos zu verkaufen. Wir waren zwei Jahre zuvor ein Joint-Venture mit dem australischen Kinounternehmen Hoyts eingegangen, um die Expansion voranzutreiben. Nachdem Hoyts sich entschieden hatte, seinen Anteil an Kinowelt zu verkaufen, haben wir es Hoyts gleichgetan. Die Kinogeschichte unserer Familie schien zu Ende zu gehen. Ich hatte gerade meine Promotionsstelle an der Uni Münster angetreten und Zeit, mich neu zu orientieren. Kurz danach musste Kinowelt jedoch Insolvenz anmelden, sodass wir sowohl unseren Anteil als auch den unseres ehemaligen Partners zurückkaufen konnten. Somit blieb es zum Glück bei den theoretischen Gedankenspielen.

Wenn Du morgen Chef der gesamten Kinobranche wärst, was wäre Deine erste Amtshandlung?

Theile: Ich würde mich dafür einsetzen, die Branche stärker zusammenzubringen. Kino, Verleih, Produktion, Politik, Kreative, alle hängen voneinander ab, aber zu häufig werden Entscheidungen noch auf Basis von Partikularinteressen getroffen. Ein erster Schritt wäre die Zusammenführung und Auswertung aller vorliegenden Kundendaten, um die Angebote noch besser an den Erwartungen der Gäste auszurichten. Weiterhin würde ich die Programmgestaltung komplett flexibilisieren, sodass Kinos frei entscheiden könnten, welchen Film sie wann und in welcher Version spielen. Schließlich würde ich das existierende Kinofest ausweiten und mehrfach im Jahr für unterschiedliche Zielgruppen Aktionstage einführen.

Wo siehst Du das Kino in zehn Jahren, ehrlich, nicht als Wunsch, sondern als Erwartung?

Theile: Ich bin fest davon überzeugt, dass das Kino seine Rolle als Premiumprodukt der Medienchronologie behalten wird und Filme auch in Zukunft zunächst exklusiv im Kino ausgewertet werden. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, werden Kinos jedoch immer mehr bieten müssen: technische Qualität, Komfort, Service und Ambiente. Darüber hinaus wird unser Programm noch vielfältiger sein, sowohl in Bezug auf Premiumformate und alternative Sprachversionen als auch auf Events und alternativen Content wie Konzerte oder Sportveranstaltungen.

Denkst Du schon daran, an wen Du das Unternehmen einmal weitergeben möchtest?

Theile: Mir ist bewusst, dass es zu den schwierigsten und verantwortungsvollsten Aufgaben eines Familienunternehmens gehört, den Generationenwechsel erfolgreich zu gestalten. Glücklicherweise bleiben mir dafür aber noch ein paar Jahre Zeit. Über eine familieninterne Fortführung würde ich mich freuen, allerdings ist das nicht zwingend. Insofern betrachte ich es erst einmal als meine Aufgabe, Kinopolis so zu führen, dass es zukunftsfähig bleibt: wirtschaftlich gesund, die Bedürfnisse unserer Gäste im Blick habend und beweglich genug, um auf sich verändernde Rahmenbedingungen flexibel und innovativ reagieren zu können.

Portrait

Dr. Gregory Theile

Geschäftsführer der Kinopolis-Gruppe

Dr. Gregory Theile ist Geschäftsführer der Kinopolis-Gruppe und leitet das Familienunternehmen seit 2004 in vierter Generation. Die Wurzeln reichen bis 1905 zurück, als sein Urgroßvater in Baden-Baden das erste Kino eröffnete. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler betreibt heute 18 Kinocenter in Deutschland, darunter das neu eröffnete Kinopolis HafenCity in Hamburg, das kürzlich als bester Kinoneubau in der Region Europa/Afrika/Mittlerer Osten ausgezeichnet wurde. Theile setzt sich politisch für den Schutz der europäischen Filmkultur ein und glaubt fest an das Kino als Erlebnis, das Streaming nicht ersetzen kann.

Foto: Kinopolis Gruppe