Saskia Schlemmer

„Ein Ehevertrag ist ein Selbstschutz, den jede Frau haben sollte“

Glücklicherweise beschäftigen sich immer mehr Paare mit dem Thema Ehevertrag. Bei vielen ist er dennoch immer noch verpönt. Warum viele Frauen diese falsche Scheu teuer zu stehen kommt und was Scheidungsanwältin Saskia Schlemmer konkret empfiehlt, erklärt sie hier.

„Ein Ehevertrag ist ein Selbstschutz, den jede Frau haben sollte“
Foto: Swetlana Posdnyschewa

„Du willst einen Ehevertrag? Dann glaubst Du doch sowieso nicht, dass es für immer hält.“ oder „Du willst einen Ehevertrag? Das ist der Beweis dafür, dass Du mir nicht vertraust.“

Diese Sätze begegnen mir nahezu täglich. Nicht selten wird mir sogar von Frauen voller Stolz erzählt: „Er heiratet mich sogar ohne Ehevertrag“. Die Hochzeit „ohne Ehevertrag“ als der Beweis von Vertrauen.

Stimmungskiller Ehevertrag: Warum niemand darüber reden will

Ich gebe ehrlich zu: Ein Ehevertrag hat das Potenzial jede ausgelassene Partystimmung kippen zu lassen. Betretenes Schweigen inklusive. Das Grundproblem des Ehevertrags ist, dass er vor allem emotional bewertet wird, obwohl er eine rein rationale Entscheidung ist.

Doch fangen wir von vorne an: Jeder Mensch sollte in erster Linie sich selbst vertrauen. Und dazu gehört auch, sich nicht darauf zu verlassen, dass im Fall einer Trennung alles fair und wohlwollend geregelt wird. Das ist nicht unromantisch, sondern realistisch. Insbesondere in Konfliktsituationen am Ende einer Beziehung, ist sich jeder selbst am nächsten. Wer das ignoriert, entscheidet nicht aus Liebe, sondern aus Naivität und verkauft letztendlich seinen Selbstwert, um einen vermeintlichen Vertrauensbeweis zu erbringen. Trotzdem neigen viele Frauen dazu, diesen Beweis erbringen zu wollen.

„Frauen müssen aufhören, das Thema Ehevertrag aus Angst vor Konflikten zu vermeiden. Wer nicht verhandelt, verzichtet auf Schutz.“

Saskia Schlemmer

Ein Ehevertrag ist wenig romantisch, aber verschafft Sicherheit

Ein ehrlicher Blick in den Spiegel, gepaart mit der ehrlichen Formulierung: „Ich vertraue Dir in guten Zeiten. Aber ich will im Zweifel nicht dafür bestraft werden, dass ich mir selbst nicht vertraut habe“, ist sicherlich außerhalb der Komfortzone, aber unbedingt notwendig. Ein Ehevertrag ist wenig romantisch und dennoch bringt er Klarheit und vor allem Sicherheit. Die eigene Sicherheit als Misstrauensbeweis zu deklarieren, ist äußerst gefährlich.

Der Ehevertrag kann und sollte Absicherung bedeuten. Im besten Fall für beide, aber insbesondere für Frauen ist er essenziell.

In der Realität sind Frauen auch im Jahr 2026 diejenigen, die

• den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit übernehmen 
• beruflich zurückstecken 
• weniger verdienen 
• weniger Vermögen aufbauen und 
• schlechter fürs Alter vorsorgen können. 

Die Ehe bietet für den Scheidungsfall einen gewissen gesetzlichen Grundschutz, der aber häufig nicht die Leistung der Frau ausreichend kompensiert.

Ein Ehevertrag, der diesen Grundschutz (vollständig) aushebelt, ist in Konstellationen, wo frau, weil sie während der Ehezeit familienbedingt nicht die Chance hatte Vermögen aufzubauen, ein No-Go und sollte keinesfalls unterschrieben werden. Zweifelsfrei. Deshalb ist aber nicht der Ehevertrag per se das Problem, sondern der im konkreten Fall individuell benachteiligende Ehevertrag.

Wer nicht verhandelt, verzichtet auf Schutz: Was jede Frau wissen sollte

Ist frau nämlich diejenige, die mehr verdient, sich Vermögen aufgebaut hat und einen Partner an ihrer Seite hat, der familienbedingt nicht zurückstecken musste, sie also nicht dafür verantwortlich ist, dass er finanzielle Nachteile hat, ist ein Ehevertrag, der dafür sorgt, dass im Scheidungsfall keine Ausgleichsansprüche zu zahlen sind, der richtige Ehevertrag.

Es kommt also immer auf die individuelle Situation an. Das ist auch kein Cherry-Picking. Die alles entscheidende Frage lautet nämlich immer: Hätte frau sich ohne Familie und die damit einhergehende Verantwortung wirtschaftlich anders entwickelt?

Hier appelliere ich an die Eigenverantwortung von uns Frauen: Frauen müssen aufhören, das Thema Ehevertrag aus Angst vor Konflikten zu vermeiden. Wer nicht verhandelt, verzichtet auf Schutz. Denn ein guter Ehevertrag kann schützen. Er kann Nachteile ausgleichen, finanzielle Risiken absichern, die gesetzlichen Gefahren minimieren und dafür sorgen, dass diejenige, die familienbedingt zurückgesteckt hat, im Falle einer Scheidung abgesichert ist, etwa durch

• Ausgleichszahlungen 
• vereinbarte ETF-Sparpläne 
• sichere Unterhaltsbeträge, etc. 

Er kann aber eben auch dann Vermögen schützen, wenn es angezeigt ist. Das passiert nicht von selbst. Darauf zu hoffen, dass das Gesetz einen ausreichend schützt, ist fatal. Du musst für Dich einstehen und eine Absicherung einfordern.

Ein Ehevertrag ist kein Zeichen von Misstrauen, sondern ein Zeichen von Selbstverantwortung

Die Verhandlung eines Ehevertrags ist kein Spaziergang. Sie ist auch kein Angriff auf die Beziehung, aber sie ist ein echter Realitätscheck. Denn in dem Moment, in dem es konkret wird, wenn es um Zahlen geht, um Verantwortung und um die Frage: „Was bist Du eigentlich bereit, mir zu geben, wenn ich für uns zurückstecke?“ Dann zeigt sich, wie fair eine Beziehung wirklich ist.

Und ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde: Dabei haben sich schon Seiten gezeigt, die man vorher nicht hätte erahnen können. Da bleibt mir dann meistens nur zu sagen: Besser jetzt als später, wenn frau bereits verheiratet ist. Ein Ehevertrag ist kein Zeichen von Misstrauen, sondern ein Zeichen von Selbstverantwortung.

Portrait

Saskia Schlemmer

Rechtsanwältin für Familienrecht

Saskia Schlemmer ist Rechtsanwältin für Familienrecht und hat viele Scheidungen rechtlich begleitet. Als „Die Scheidungsanwältin“ klärt sie auf Social Media über Mythen, falsche Bescheidenheit und echte Gleichberechtigung in Bezug auf Ehe, Beziehung und Familienstrukturen auf. Ende Mai erscheint ihr neues Buch „Nimm Dir endlich, was Dir zusteht und hör auf, Dich dafür zu entschuldigen“ im Mosaik-Verlag. Schlemmer lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Düsseldorf.

Foto: Swetlana Posdnyschewa