Prof. Dr. Eva Asselmann

Das Zeitarmut-Paradoxon: „Und doch wächst das Gefühl, nicht hinterherzukommen“

Hast du abends auch oft den Eindruck, den ganzen Tag gearbeitet zu haben und doch wenig geschafft zu haben? Hier erklärt Psychologin Eva Asselmann, was dahinter steckt und wie wir den frustrierenden Kreislauf inmitten von Reizüberflutung und Überforderung durchbrechen können.

Das Zeitarmut-Paradoxon: „Und doch wächst das Gefühl, nicht hinterherzukommen“
Foto: Silke Weinsheimer

Eigentlich hätten wir heute mehr Zeit denn je. Vor 150 Jahren arbeiteten viele sechzig, siebzig Stunden pro Woche. Heute sind es weniger als vierzig. Wir leben länger, haben mehr Urlaub, mehr Freizeit. Und doch wächst das Gefühl, nicht hinterherzukommen. Als stünden wir auf einer Rolltreppe, die nach unten fährt, während wir nach oben wollen.

Dieses Paradox trägt einen Namen: Zeitarmut. Der Kalender ist voll, der Tag durchgetaktet – und trotzdem scheint am Abend kaum etwas geschafft. Schon morgens greifen wir zum Handy, lesen Nachrichten, beantworten Mails beim Frühstück. In der Mittagspause erledigen wir private To-dos. Und abends verlieren wir uns im endlosen Scrollen, statt wirklich abzuschalten.

„Eigentlich hätten wir heute mehr Zeit denn je: Wir arbeiten weniger, leben länger, haben mehr Urlaub, mehr Freizeit. Und doch wächst das Gefühl, nicht hinterherzukommen. Dieses Paradox trägt einen Namen: Zeitarmut.“

Prof. Dr. Eva Asselmann

Wir haben verlernt, innezuhalten und füllen jede Pause mit Aktivität

Ein Tag voller Aktivität, und gerade deshalb verrauscht er. Jede Lücke wird gefüllt, jede Pause getilgt. Dabei vergessen wir leicht, dass Zeit nicht nur Funktion ist, sondern auch Raum sein kann. Raum, in dem wir atmen, denken, einfach sind.

Im Innehalten wechselt unser Gehirn den Modus, das sogenannte Default Mode Network tritt in Aktion: Wir schalten um, weg vom Reagieren, hin zum Reflektieren. Gedanken sortieren sich, Erlebtes findet Platz. Aus dem scheinbaren Leerlauf der Untätigkeit wächst Ordnung – und oft auch Kreativität. Deshalb kommen die besten Ideen nicht beim Tun, sondern beim Lassen: beim Gehen, Duschen, Dösen. Dort, wo wir pausieren.

Die klügsten Köpfe vertrauen auf genau diese Zwischenräume

Warren Buffett verbringt einen Großteil seiner Tage lesend und nachdenkend. Nicht aus Trägheit, sondern aus Prinzip. Bill Gates zieht sich regelmäßig zu einer „Think Week“ zurück, ohne Termine, nur mit Büchern und Papier. Auch Newton saß – so die Legende – unter einem Apfelbaum, als ihm die Idee der Schwerkraft kam. Und Einstein? Seine Relativitätstheorie begann mit einer Fantasie: Wie wäre es, auf einem Lichtstrahl zu reiten? Aus dem Spiel der Vorstellung wurde eine der größten Entdeckungen der Wissenschaft.

Drei Übungen helfen, das Paradox der Zeitarmut zu durchbrechen:

1. Die Brücke der Sinne: Heimkehr ins Jetzt


Wenn alles rast, verlieren wir leicht die Verbindung nach innen. Dann hilft es, über die Sinne zu uns zurückzukehren. Die Psychologie nennt das Grounding. Lege beiseite, was dich ablenkt. Hebe den Blick und nimm fünf Dinge wahr, die du siehst: Farben, Formen, Licht. Lausche vier Klängen: fern und nah, gedämpft oder klar. Spüre drei Empfin- dungen: den Boden, deinen Atem, den Stoff auf deiner Haut. Finde zwei Düfte. Nimm einen Geschmack wahr, vielleicht Kaffee oder nur die Luft. Du musst nichts festhalten. Es genügt, einfach da zu sein, in diesem Augenblick.

2. Sprint und Zeitlupe: Den Takt finden

Oft hetzen wir, ohne es zu merken. Doch was passiert, wenn du das Tempo einmal übertreibst? Nimm dir eine kleine Aufgabe vor – eine Nachricht schreiben, Wäsche falten, den Tisch decken – und erledige sie im Sprint. So schnell wie möglich, ohne nachzudenken. Nur kurz, um zu spüren, wie Tempo wirkt. Dann tu dasselbe noch einmal in Zeitlupe, Schritt für Schritt, so gelassen wie möglich.

Beobachte, was sich im Körper, im Kopf, im Gefühl verändert. Auch im Atmen kannst du es spüren: Atme zehnmal bewusst etwas schneller, so als würdest du den Körper wecken. Dann wechsle in lange, ruhige Züge.

Dieses Hin und Her lässt dich erleben: Tempo ist nicht festgelegt, du kannst es lenken. Nicht immer, aber immer wieder – beim Zähneputzen, auf dem Heimweg, beim Einräumen der Spülmaschine. Kleine Inseln, auf denen nichts von dir verlangt wird und du bei dir selbst ankommst.

3. Der Stopp: Die Kraft des Innehaltens

Unter Stress reagieren wir wie auf Knopfdruck: automatisch, unbedacht, impulsiv. Nicht selten tun wir etwas, das wir später bereuen. Spürst du den Drang, sofort zu handeln, halte kurz inne und sag dir: „Stopp!“ Unterbrich die Bewegung, geh ein paar Schritte, trinke Wasser, atme frische Luft. Erst dann kehre zurück. Die Aufgabe bleibt dieselbe, doch du hast dich verwandelt. Wenn du willst, blicke später zurück: War es hilfreich, den Impuls zu stoppen? Was genau ist jetzt anders?

Portrait

Prof. Dr. Eva Asselmann

Psychologin

Prof. Dr. Eva Asselmann, geboren 1989, ist Psychologie-Professorin an der HMU Health and Medical University in Potsdam sowie Leiterin internationaler Forschungsprojekte zu Persönlichkeitsentwicklung, Stressmanagement und Prävention. Gerade ist ihr Buch „Too much: Warum wir Kontrolle suchen – und Kraft im Loslassen finden“ im dtv-Verlag erschienen. Dieser Text ist ein Auszug daraus. Asselmann lebt in Berlin.

Foto: Silke Weinsheimer