Julia Schröder-Göritz

vor 15 Tagen

8 Min. Lesedauer

Warum Frauen ihre Stärken oft unterschätzen

Gastbeitrag | Selbstbewusstsein und Stärke sind Qualitäten, die in der Gesellschaft oft geschätzt werden. Doch gerade Frauen sind trotz ihrer Qualifikationen und einer voranschreitenden Emanzipation noch viel zu zurückhaltend. In diesem Gastbeitrag beleuchtet Journalistin und Coach Julia Schröder-Göritz, warum Frauen ihre eigenen Fähigkeiten oft unterschätzen und wie sich diese Tendenz auf ihre Karriere auswirken kann. Außerdem gibt sie praktische Tipps, wie Frauen ihr Selbstwertgefühl stärken und ihr volles Potenzial entfalten können.

Warum Frauen ihre Stärken oft unterschätzen
Warum Frauen ihre Stärken oft unterschätzen

 

Sie korrigierte jeden, der ihren Doktortitel wegließ. Sie erklärte sich dabei nicht, entschuldigte sich nicht, sie korrigierte. Sachlich, nüchtern, aber nachdrücklich. Zwanzig Jahre ist es her – und ich erinnere mich, dass ich beeindruckt war: Meine Chefredakteurin bestand auf ihren Titel. Die Reaktionen reichten von „Oh, Entschuldigung“ – sehr selten – bis zu hochgezogenen Augenbrauen und unwilliger Korrektur – häufig. Noch häufiger begegneten mir in den kommenden Jahren Frauen, die freiwillig darauf verzichteten: „Ja, Doktor. Können Sie aber gern weglassen“, begleitet von einer verlegenen Handbewegung. Vielleicht kennst Du das Beispiel aus Deinem Alltag: „Toller Vortrag, Glückwunsch!“ „Ja? Ach, ja, hab mich wohl ganz gut geschlagen, danke.“

 

Als Tugend verpackte Tiefstapelei

Was ist das bei uns Frauen? Bescheidenheit? Die gilt grundsätzlich als positiv – sie ist schließlich eine Tugend. Dabei ist diese Art der Bescheidenheit nur das Gegenteil von Angeberei – vielleicht sollten wir sie umbenennen, in Tiefstapelei, eine übertriebene Bescheidenheit. Und weder die noch Angeberei sind Zeichen eines hohen Selbstwertgefühls.

 

Bescheidenheit gibt uns vor allem das Gefühl, nicht unangenehm aufzufallen und uns nicht unbeliebt zu machen – ganz nach dem Motto „sei ein braves Mädchen“.

 

Zurück zum Ursprung des häufig weiblichen Problems der Tiefstapelei: Frauen wurde schon immer vermittelt, dass sie anstrengend sind, wenn sie selbstbewusst agieren. Das zeigt sowohl die Entwicklung des Patriarchats als auch der Psychologie: Unbequemen Frauen wurde gern der Stempel der Hysterie aufgedrückt. Eine damals noch in erster Linie Frauen zugeschriebene Erkrankung, die erstaunlicherweise kaum noch Patientinnen in den Psychiatrien aufwies, als Frauen um 1900 nach und nach an den Universitäten zugelassen wurden und ihre Stellung sich weiterentwickelte. Hysterie wird heute übrigens nicht mehr verwendet, man spricht von einer histrionischen Persönlichkeitsstörung.

 

 

Was geblieben ist: die unterschiedliche Erziehung von Jungs und Mädchen. Diese erfolgt auch heute noch teils unbewusst nach klaren Verteilungen von Eigenschaften: Mädchen werden dafür gelobt, lieb zu sein, Jungs, wenn sie sich durchsetzen. Bescheidenheit ist eine Zier? Sie gibt uns vor allem das Gefühl, nicht unangenehm aufzufallen und uns nicht unbeliebt zu machen – ganz nach dem Motto „sei ein braves Mädchen“.

 

Falsche Bescheidenheit tut nichts für uns

Dieses Muster tragen wir auch als Erwachsene noch in uns und in erster Linie schaden sich die Frauen damit – nicht nur ihrem Selbstwertgefühl, auch ihrer Karriere. Laut einer Studie

von LinkedIn treten Frauen im Job betont bescheiden auf und fühlen sich unwohl in Gehaltsverhandlungen, 41 Prozent der befragten Frauen haben sich noch nie zugetraut, ihr Gehalt mit einem neuen Arbeitgeber zu verhandeln oder im laufenden Job nach mehr Geld zu fragen – sie stehen sich also zusätzlich zum Gender Pay Gap von leider immer noch 18 Prozent

mit dieser Zurückhaltung selbst im Weg. Laut einer Studie der Universität von Florida sorgt nämlich auch selbstbewusstes Auftreten für ein höheres Gehalt.

  

Im Bereich der Wissenschaft zeigt sich ebenfalls der Nachteil von zu großer Bescheidenheit bei Frauen: Eine Studie im British Medical Journal ergab, dass Wissenschaftler in Fachjournalen häufiger zitiert werden als ihre Kolleginnen, die in ihren Artikeln nach Untersuchung der Texte grundsätzlich weniger positive und selbstbewusste Formulierungen verwenden.

 

Souveränität ist der goldene Mittelweg, auch wenn in der Gesellschaft dargestellte Geschlechterrollen uns häufig Extreme zeigen.

 

Mutti oder Miststück

Also prahlen oder tiefstapeln? Weder noch: Souveränität ist der goldene Mittelweg, auch wenn in der Gesellschaft dargestellte Geschlechterrollen uns häufig Extreme zeigen, zum Beispiel die Rolle der Frau in der Werbung, in der sie stumm-schön lächelt oder überzogen busy dem jammernden Mann Fiebersaft aufs Bett schleudert – also entweder bescheiden im Hintergrund oder ein selbstgerechtes Miststück. Regale in Drogeriemärkten machen deutlich, was Frauen von klein auf noch immer eingetrichtert wird: Duschgelflaschen in 90 Schattierungen Rosa, mit Botschaften wie: Sei fresh, flirty, zart und sanft. Jungs? Kraftvoll, kernig, stark und stärker. Was fangen wir damit an?

 

Beginnen wir doch mal, wütend zu werden! Aggression als typisch männliche Eigenschaft? Steht Frauen auch. Und dann könnten wir damit weitermachen, diese für die bestehenden Rollenklischees bequeme Verteilung von Eigenschaften an Männer und Frauen zu hinterfragen. Einige Männer werden es den Frauen danken: Ich kenne Männer, die sensibel und empathisch sind und die es genauso leid sind, dass diese Eigenschaften sie als Weichei dastehen lassen. Also – weibliche Eigenschaften? Sind es nicht eher menschliche Eigenschaften?

 

 

Wovor hast Du Angst?

Was würde passieren, wenn wir mit der Tiefstapelei aufhören würden? Die häufigste Antwort ist: Dann halten andere mich vielleicht für eingebildet. Die größte Herausforderung für Tiefstaplerinnen ist, mit genau diesen Gefühlen und Ängsten umzugehen. Das Risiko einzugehen, dass mich jemand vielleicht als eingebildet bezeichnen könnte – und mir immer wieder klarzumachen: Menschen, die andere für ein gesundes Selbstwertgefühl als eingebildet bezeichnen, erzählen damit viel über sich selbst und ihr Bild von der Welt, aber nichts über mich.

 

So kommst Du aus der Tiefstapelei heraus:

 

Und vor allem – übe das ganz bewusst im Alltag: „Toller Vortrag, Glückwunsch!“ „Ja, vielen Dank!“

 

 

Über die Autorin:

Julia Schröder-Göritz ist Journalistin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, NLP-Master und Schreibtherapeutin. In ihrer Praxis für psychologisches Coaching und Beratung arbeitet sie mit Frauen, die beruflich und privat ihr Selbstwertgefühl stärken, klar kommunizieren und Grenzen setzen wollen. Als Burnout-Coach unterstützt sie außerdem Mitarbeiter:innen von Unternehmen im Bereich Stressmanagement und Burnout-Prophylaxe (www.praxis-schroeder-goeritz.de). Sie ist Gründerin des Soulwriters-Club und bietet Schreibworkshops für stärkendes, kreatives und biografisches Schreiben an.

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