Jelena Klingenberg

Warum wir neue Mitarbeitende oft mit falschen Erwartungen einstellen

Wenn Mitarbeitende eine Firma schon nach kurzer Zeit wieder verlassen, können dahinter viele Gründe stecken. Einer wird allerdings häufig übersehen: unausgesprochene Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Psychologin und Gründerin Jelena Klingenberg macht in ihrem Gastbeitrag einen Vorschlag, wie sich solche Enttäuschungen verhindern lassen und welche Fragen sich Führungskräfte und Bewerbende vorab stellen sollten. 

Warum wir neue Mitarbeitende oft mit falschen Erwartungen einstellen
Foto: Klein & Rose

Fängt jemand neu in einem Unternehmen an, tun wir oft so, als wäre alles rein geschäftlich. Wir unterstellen einen einfachen Tauschhandel: Ab jetzt gibt es Arbeit gegen Geld, Leistung gegen Gehalt. Und damit ist alles geklärt.  

Dabei übersehen wir, dass es neben dem offiziellen Arbeitsvertrag immer noch eine Art unsichtbare Abmachung gibt, die zwar nie unterschrieben wird, aber jeden Tag zählt: den psychologischen Vertrag.

Unsichtbar, aber entscheidend
Dieser psychologische Vertrag meint all die Dinge, die zwar nicht schriftlich festgehalten sind, aber trotzdem wichtig und entscheidend dafür sind, ob eine Zusammenarbeit langfristig für beide Seiten funktioniert. Dazu gehören Wertschätzung, Vertrauen, Fairness, die Chance zur Weiterentwicklung, Zugehörigkeit und der Sinn der Arbeit. 

Er beantwortet Fragen wie: 

  • Werde ich hier als Mensch gesehen oder nur als Rädchen im Getriebe? 
  • Kann ich mich einbringen, wachsen, auch mal Fehler machen? 
  • Zählt, was in meinem Leben passiert, oder nur meine Job-Rolle? 

Dieser psychologische Vertrag bestimmt, 

  • wie motiviert wir sind, 
  • wie loyal wir bleiben 
  • und ob wir bereit sind, uns mehr als nur „das Nötigste” einzubringen.


Arbeit ist wie eine Beziehung, kein einfacher Tauschhandel

Ob dieser psychologische Vertrag erfüllt wird, merken wir selten im normalen Alltag. Es sind eher die emotionalen Momente, die uns klar machen, dass ein psychologischer Vertrag, wie ein unsichtbares Band im Raum existiert.

In den sogenannten “Moments that Matter” oder “Moments of Truth” stellen wir fest, ob der psychologische Vertrag und somit unsere Erwartungen an diese Beziehung erfüllt werden. Das sind Situationen, in denen klar wird, wie sehr die Werte des Arbeitgebers (oder auch der Führungskraft) mit den eigenen übereinstimmen.

Das kann zum Beispiel eine Situation sein, in der ich als Arbeitnehmer:in Unterstützung benötige. Wenn ich statt Verständnis nur ein „Dafür gibt es keine Ausnahme” bekomme, ziehe ich etwas vom sozialen Konto ab. Häufen sich diese Momente der Wahrheit, gerät das Konto und damit die Beziehung in Schieflage. Irgendwann bricht der psychologische Vertrag, weil die Vertragsbestandteile nicht eingehalten wurden. 

Momente, auf die es ankommt: Wenn der Vertrag platzt
Wenn der psychologische Vertrag einmal gebrochen ist, führt das selten sofort zur Kündigung. Oft entsteht etwas, das gefährlicher und betriebsschädlicher ist: die innere Kündigung oder auch häufig als Quiet Quitting bezeichnet. 

Die Personen bleiben zwar im Unternehmen. Aber sie ziehen sich innerlich oder auch emotional zurück. Sie machen nur noch Dienst nach Vorschrift. Und die emotionale Bindung geht leise verloren. 

“Arbeitgeber:innen oder auch Führungskräfte sollten sich fragen: Was erwarte ich von meinen Leuten, auch abseits des Arbeitsvertrages? Und was dürfen sie von mir erwarten, selbst wenn es nirgends steht?”

Jelena Klingenberg

Psychologische Verträge muss man pflegen

Das Gute ist: Psychologische Verträge entstehen nicht zufällig. Man kann – und sollte – sie bewusst gestalten. Der erste Schritt: Erwartungen von beiden Seiten offenlegen und besprechbar machen. 

Arbeitgeber:innen oder auch Führungskräfte sollten sich fragen: 

  • Was erwarte ich von meinen Leuten, auch abseits des Arbeitsvertrages? 
  • Und was dürfen sie von mir erwarten, selbst wenn es nirgends steht? 

Manchmal sind es gerade die Dinge, die selbstverständlich erscheinen, die den Unterschied machen. Zum Beispiel eine klare Aussage: „Ich erwarte nicht, dass du krank arbeitest. Erholung gehört zur Leistung dazu.” 

Es ist besonders gut, diesen Austausch frühzeitig zu führen –etwa in der Probezeit – und ihn regelmäßig zu überprüfen: Was passt noch? Was hat sich geändert? Welche stillen Erwartungen sind entstanden?

Und woher weiß ich, ob mein Vertrag erfüllt ist?
Für Arbeitnehmer:innen fängt alles mit dem Nachdenken über sich selbst an: Was erwarte ich eigentlich von guter Arbeit – abgesehen von Gehalt und Jobtitel?

Wer das für sich geklärt hat, kann diese Punkte schon im Bewerbungsgespräch ansprechen. Nicht als Forderung, sondern als eigene Haltung, die Erwartungen klarer und Enttäuschungen damit unwahrscheinlicher macht.

Ganz genau weißt Du noch nicht, wie ein psychologischer Vertrag aussehen kann? Hier kannst Du die Version, die ich in meiner Firma verwende, einsehen.

3 Fragen, um deinen psychologischen Vertrag zu checken
 

  1. Wann habe ich mich hier zuletzt wirklich gesehen gefühlt? 
  2. In welchen Situationen habe ich emotional Abstand zur Arbeit genommen? 
  3. Was gebe ich – und was bekomme ich jenseits von Gehalt und Aufgaben zurück? 

Tipp: Wenn Dir bei einer Frage ein Knoten im Bauch entsteht, lohnt sich das Gespräch. 

Portrait

Jelena Klingenberg

Jelena Klingenberg ist Diplom-Psychologin und Gründerin einer HR-Full-Service-Agentur. Sie begleitet Unternehmen dabei, moderne Arbeitskulturen zu gestalten, in denen Leistung und Menschlichkeit kein Widerspruch sind. Ihr Credo:

Motivation entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen. 

Foto: Klein & Rose