STRIVE Redaktion

08. November 2022

5 Min. Lesedauer

Female Founders Monitor: Enormer Gender-Gap in der Startup-Szene

Interview | In Deutschland gibt es dieses Jahr so viele Gründerinnen wie noch nie. Das haben die Ergebnisse von Female Founders Monitor 2022 von dem Startup-Verband und StepStone ergeben. Doch das Niveau ist trotz dieser Tatsache extrem niedrig. Wir haben exklusiv mit Magdalena Oehl, Vorstandsmitglied beim Startup-Verband und Gründerin von TalentRocket, über die Ergebnisse von dem Bericht gesprochen. Was sind die größten Hürden für Gründerinnen und was muss sich in Zukunft ändern?

Female Founders Monitor: Enormer Gender-Gap in der Startup-Szene

Was ist für Dich der schockierendste Fakt des aktuellen Berichtes?

Wirklich schockieren kann mich Ungleichbehandlung nicht mehr, schließlich ist vieles bekannt und einiges habe ich selbst erlebt. Wo ich kurz Luft holen musste: Mehr als vier von fünf Frauen sagen, dass Gründerinnen bei Investmententscheidungen kritischer bewertet werden als Männer. Das ist inakzeptabel.

Welche Trends sind neu?

Der wichtigste Trend: Der Gründerinnenanteil unter deutschen Startups ist zwischen 2020 und 2022 von 16 auf 20 Prozent gestiegen. Auch wenn ich als Gründerin gerne mehr Tempo sehen würde – der Fortschritt ist eine Schnecke.

Wirklich spannend ist, dass inzwischen 37 % aller Startups mindestens eine Frau im Gründungsteam haben – vormals waren es 31 %. Das unterstreicht die Vorteile von Teamgründungen. Ich kenne das von unserer eigenen Gründung bei Talent Rocket, im Team hat man es leichter. Arbeitsspitzen lassen sich besser abfangen, in kritischen Momenten berät man sich partnerschaftlich und im Idealfall ergänzen sich Talente. Eine Sologründerin steht vor ungleich höheren Herausforderungen, davor ziehe ich den Hut!

Gründerinnen sind durch familiäre Aufgaben häufiger doppelt gefordert.

Was sind die größten Hürden für Frauen beim Gründen?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Gründerinnen sind durch familiäre Aufgaben häufiger doppelt gefordert: Das wird insbesondere bei den geringeren Arbeitszeiten von Gründerinnen mit Kind deutlich.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass vier von fünf Gründerinnen den Ausbau der Angebote zur Vereinbarkeit von Familie und Gründung als wichtigen Hebel zur Stärkung des Startup-Ökosystems sehen – bei den Männern ist es nur die Hälfte.

Der Gender-Gap ist ein Resultat jahrhundertelang gewachsener gesellschaftlicher Strukturen. Da müssen wir ran: Hürden abbauen und Awareness schaffen.

Mit welchen Hebeln könnten wir die Gründerinnen-Quote schnell heben?

Für schnelle Änderungen ist die das Thema vermutlich zu komplex – da spielen viele Faktoren ineinander. Bei den jüngeren Gründungen ist ein positiver Trend zu sehen. Wenn wir den Wachstumstrend bei der Gründerinnenquote der letzten beiden Jahre fortschreiben, hätten wir 2030 Parität.

Gründen Frauen Startups mit den „falschen Themen“, die weniger spannend für Investor:innen sind?

Frauen können alles. Die beste Antwort auf mangelnde Themenvielfalt ist: Bildung. Ich kenne tolle Gründerinnen, die einen IT-Background haben, weil sie zB familiär schon früh mit dem Bereich in Berührung gekommen sind. Solche Interessen dürfen wir nicht dem Zufall überlassen, sondern müssen früh ansetzen und Mädchen für MINT-Themen begeistern – daraus entstehen dann interessante Gründungen! Der Gender-Gap ist ein Resultat jahrhundertelang gewachsener gesellschaftlicher Strukturen. Da müssen wir ran: Hürden abbauen, Awareness schaffen und Vorbilder in den Mittelpunkt zu rücken!

Was hältst Du von Fonds, die nur in Frauenteams investieren? Ist das Purpose oder ein echter USP?

Ich bin Fan! Fonds, die sich auf diverse Teams konzentrieren, schließen eine wichtige Lücke im Investmentbereich. Das lässt sich auf Basis harter Fakten belegen, wie eine aktuelle Studie von Unconventional Ventures zeigt: Ein Viertel aller Startups haben ein Mixed-Gründungsteam - und bekommen nur 10 Prozent der Investments. Noch gravierender bei den all-female Teams: 12 Prozent aller Startups fallen darunter und erhalten nur 1 Prozent der Finanzierung.

Wie komme ich am besten an Geld, wenn ich eine junge Gründerin bin?

Ganz wichtig sind Kontakte und ein gutes Netzwerk. Gerade in der Frühphase ist das entscheidend, um schnell voranzukommen. Im Female Founders Monitor sehen wir ganz deutlich, dass die Einbindung in Netzwerke Wirkung zeigt – vor allem unter Gründerinnen. Wir müssen das Thema Vernetzung weiter stärken und zielgerichtet an den Bedürfnissen der Gründerinnen ansetzen.

Über Magdalena Oehl

Magdalena Oehl ist Vorstandsmitglied beim Startup-Verband und CEO & Gründerin von TalentRocket. Talent Rocket TalentRocket ist eine intelligente Jobplattform im Bereich HR-Tech. Der Startup-Verband ist Repräsentant und Stimme der Startups in Deutschland und vertritt ihre Interessen, Standpunkte und Belange gegenüber Gesetzgebung, Verwaltung und Öffentlichkeit.

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