Isabel Gabor

vor 5 Tagen

4 Min. Lesedauer

Don't call me Powerfrau!

Gastbeitrag I Habt ihr je von einem Powermann gehört? Oder einem Boyboss? Wahrscheinlich nicht. Denn die Art, wie Frauen beschrieben werden, ist eklatant unterschiedlich zur Beschreibung von Männern. Warum das so ist und weshalb unsere Autorin Isabel Gabor nicht als Powerfrau betitelt werden möchte, könnt ihr in diesem Gastbeitrag lesen.

Don't call me Powerfrau!
Don't call me Powerfrau!

Wer kennt sie nicht, die Powerfrauen. Frauen, bei denen die Bezeichnung „Frau" nicht reicht, weil sie im Gegensatz zu den meisten anderen Frauen „Power" haben. Sie stehen in Reih und Glied mit Karrierefrauen, die, obwohl sie eine Frau sind, Karriere machen oder mit der oft zitierten „starken" Frau, die eben nicht wie andere ihres Geschlechts schwach ist.

Wem es jetzt noch nicht aufgefallen ist: Diese Begriffe oder zugeschriebenen Attribute sind natürlich keine schönen Komplimente, sondern meistens einfach nur sexistisch. Sie implizieren, dass andere Frauen eben nicht stark sind, Karriere machen oder Power haben. Es sind Antikomplimente, die meistens ohne böse Intention gesagt oder geschrieben werden. Typische Fälle von „gut gemeint".

"Es sind Begriffe, die schreien „Was die alles kann, obwohl sie eine Frau ist", mit klarer Betonung auf obwohl."

So gibt es in unserer Sprache etliche Wortschöpfungen, die nur in der weiblichen Form existieren. Oder Attribute, die ausschließlich bei Frauen hervorgehoben werden. Meistens geht es dabei um Zuschreibungen, die bei Männern vorausgesetzt werden, bei Frauen aber als „untypisch" gelten. Eigenschaften, die eigentlich männlich konnotiert sind. Also z. B. die Karrierefrau, die trotz ihres Geschlechtes eine Karriere anstrebt. Oder die „working mum", die trotz ihrer Mutterrolle arbeiten geht. Es sind Begriffe, die schreien „Was die alles kann, obwohl sie eine Frau ist", mit klarer Betonung auf „obwohl".

Und auch Zeitungen schreiben immer wieder über starke, ambitionierte, ehrgeizige, engagierte, selbstbewusste Politikerinnen. Und über Politiker. Ohne weitere Adjektive.

"Sprache formt Denken – und damit auch unseren gesellschaftlichen Blick auf Geschlechterrollen."

Jetzt könnte man natürlich anmerken, dass das ja alles meistens gut gemeint ist, aber Sprache formt Denken – und damit auch unseren gesellschaftlichen Blick auf Geschlechterrollen. Wenn wir also immer so tun, als wäre Powerfrau eine valide Bezeichnung und nicht einfach nur ein Pleonasmus wie z. B. ein weißer Schimmel, dann sind solche Begriffe definitiv keine Hilfe, um endlich eine gleichgestellte und gleichberechtigte Welt zu erschaffen.

Es ist also wichtig, dass wir unsere Sprache und erlernte Floskeln immer wieder kritisch hinterfragen und überlegen, ob wir damit wirklich das sagen, was wir sagen wollen. Oder etwas anderes implizieren.

Wenn man sich unsicher ist, helfen vielleicht diese zwei Fragen:

1. Gibt es von diesem Begriff auch eine geläufige männliche Form? Wenn nicht, warum?

2. Würde ich, wenn ich z. B. über einen Mann schreiben oder sprechen würde, die gleichen Attribute zusätzlich hervorheben?

Ich persönlich möchte auf jeden Fall nicht mehr als Powerfrau betitelt werden. Oder als Girlboss. Und wenn, dann bitte nur noch, wenn alle Männer in meinem Umfeld auch als Powermann, Boyboss oder starker CEO beschrieben werden.

Über die Autorin:

Isabel Gabor ist Freelance CD Text & Konzept und Mitgründerin des Ad Girls Club. Seit 13 Jahren arbeitet sie für die größten Werbeagenturen in Deutschland und der Schweiz als Texterin und Konzepterin. 2020 gründete sie mit ihrer Kollegin Lisa Eppel den Ad Girls Club, ein aktivistisches Kollektiv, das sich gegen Sexismus in der Werbebranche einsetzt. Isabel Gabor wurde unlängst von der W&V zu einer der 100 wichtigsten Köpfe aus der Branche gewählt von LinkedIn als Top Voice ausgezeichnet.

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