Das Ausnahme-Talent
Sie ist Digital-Expertin. Sie kommt aus Ostdeutschland. Sie ist eine Frau. Und Mutter. Fränzi Kühne hat so einiges von dem, was die deutsche Wirtschaft für die Zukunft braucht. Vor allem aber ist sie eines: verdammt qualifiziert. Im Interview erzählt sie, wie sie mit Klischees und Vorurteilen umgeht – und was sie Unternehmen sagt, in deren Vorständen noch immer keine Frauen sitzen.
Liebe Fränzi, als im vergangenen Januar das zweite Führungspositionen-Gesetz beschlossen wurde, also die Frauenquote für Vorstände – was ist Ihnen da als erstes durch den Kopf geschossen?
Ich dachte: Endlich! Endlich kommt sie, die Quote. Ich bin wirklich froh, dass das noch in dieser Legislaturperiode durchgesetzt werden konnte. Das war überfällig.
Fotos: Jonas Holthaus
Viele Unternehmer: innen – auch Frauen – sehen Quotenregelungen durchaus kritisch. Können Sie das verstehen?
Ich kann das nachvollziehen. Als Unternehmerin schlagen dabei zwei Herzen in meiner Brust und ich habe mich zu meinen aktiven Zeiten in der Agentur lange gefragt: Warum sollte ich es gut finden, dass die Politik in meine unternehmerische Freiheit eingreift? Ich wollte nie, dass mir jemand vorschreibt, wen ich auf Führungspositionen setze. Im Laufe der Jahre habe ich meine Meinung dazu allerdings geändert.
Inwiefern? Wir haben jetzt lange genug gesehen, dass es nicht anders funktioniert. Selbstverpflichtungen bringen nichts, das haben die Unternehmen beweisen. Sie haben sich nicht bewegt. Die Quote ist nun eine Möglichkeit, Frauen auf wichtige Posten zu bringen. Im ersten Moment mag sich das erzwungen anfühlen. Auf lange Sicht aber wird das die Unternehmen strukturell verändern und Platz für eine neue Kultur schaffen. Ich dachte auch auf mich bezogen lange: Was für eine blöde Diskussion, ich will doch nicht als Quotenfrau irgendwo reinkommen, sondern aufgrund meiner Leistung. Das hat sich erst in dem Moment geändert, in dem der Anruf kam und ich gefragt wurde, ob ich in den Aufsichtsrat bei Freenet gehen will.
Was genau hat sich in diesem Moment verändert?
Ich habe mich gefragt, ob ich darauf Lust habe und das überhaupt kann, denn ich war immer Bühnenscheu und wollte mich nie präsentieren. Ich hatte nicht geplant, eine Spitzenposition in einem Unternehmen zu besetzen und auch nicht damit gerechnet. Aber mir wurde klar: wir haben ein massives Problem mit Frauen in Führungspositionen. Und ich bekomme hier gerade dieses Angebot, in einen Aufsichtsrat zu gehen. Also habe ich meinen inneren Schweinehund überwunden und zugesagt.

Bitte erklären Sie einmal genauer: Wie wird man Aufsichtsrätin?
In meinem Fall war das so, dass ich angerufen wurde, denn die Freenet hatte zu dem Zeitpunkt den Aufsichtsrat neu zu besetzen. Die Liste an Frauen, die schon mehrere Jahre im Bereich Digitalisierung ihr eigenes Unternehmen führten, war 2016 noch nicht sehr umfangreich. Ich stellte mich dann dem Aufsichtsrat vor und bin schließlich auf der Hauptversammlung von den Aktionären der Freenet gewählt worden. Das war das erste Mal, dass ich vor mehr als zehn Menschen gesprochen habe, nämlich vor 600. Ich habe sehr gezittert, aber es hat letztendlich funktioniert.
War Ihnen bewusst, was auf Sie zukommt?
Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was als Aufgabe auf mich zukommt und habe auch direkt im ersten Telefonat danach gefragt. Womit ich nicht gerechnet hatte, war das mediale Interesse. Sie ist jung! Sie ist eine Frau! Sie kommt aus Ostdeutschland! Sie hat nicht den klassischen Bildungshintergrund! Das hörte überhaupt nicht mehr auf. Erst da wurde mir richtig bewusst, dass das etwas Besonderes ist.
Was müssen junge Frauen mitbringen, die in einen Aufsichtsrat kommen wollen?
Ich sträube mich dagegen, dabei zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden. Ich glaube, dass jede Kandidatin und jeder Kandidat bestimmte Dinge für diese Posten mitbringen muss. Erfahrung darin, wie man ein Unternehmen aufbaut und leitet, Führungserfahrung, Fachkompetenz in unterschiedlichen Bereichen, you name it. Das ist aber immer abhängig von der Zusammensetzung des gesamten Gremiums, denn der sollte so divers wie möglich besetzt sein und die fachliche Mischung muss stimmen. Da muss es jemanden geben aus den Bereichen Personal, Legal, Finance usw.
Kann man sich das überhaupt vornehmen: Karriereziel Aufsichtsrat? Lässt sich das planen?
Ich persönlich habe nie meine Karriere geplant und hatte dafür auch nie Ziele definiert. Ich bin mir aber sicher, dass man das anders machen kann – und Ziele, die man sich setzt, dann auch dementsprechend kommunizieren sollte. Bei TLGG haben mich Mitarbeiter:innen immer beeindruckt, die genau wussten, wo sie wann stehen wollen und hart dafür gearbeitet haben, diese Ziele dann auch zu erreichen. Allerdings müssen sich alle bewusst sein, dass Positionen in Aufsichtsräten in sehr kleiner Zahl zur Verfügung stehen. Die Chance, da hineinzukommen, gibt es nur selten.
Als erfolgreiche Unternehmerin, Digital-Expertin und Aufsichtsrätin haben Sie eine Stimme, die in der deutschen Wirtschaft zählt. Was sagen Sie zu Unternehmen, die keine Frau im Vorstand haben? Wenn ich in einem Unternehmensbericht lese, dass man sich für Frauen im Vorstand eine Zielgröße von 0 bis zum Jahr 2022 gesetzt hat – das halte ich für überholt und unmodern. Und das bedeutet für mich, dass auch das Unternehmen selbst unmodern ist, sich nur an Althergebrachtem bedient und sich der Veränderung verweigert. Als Investorin wäre so ein Unternehmen für mich nicht attraktiv. Auch als Arbeitnehmerin käme so ein Unternehmen nicht für mich in Frage. Was will ich an einem Ort, an dem für mich offensichtlich keine Möglichkeit besteht, an die Spitze zu kommen? Ich würde mich dort gar nicht erst bewerben.
Was raten Sie anderen Frauen: Wie können sie mit Klischees und Vorurteilen in der Arbeitswelt umgehen?
Vor allem sollte man bereit sein, sie zu hinterfragen und nicht zum Maßstab aller Dinge zu machen. Abwertende Klischees und respektloses Verhalten sind ja kein Naturphänomen, mit dem man lernen muss, umzugehen, so wie mit schlechtem Wetter. Begegnen sollte man ihnen mit einer gesunden Mischung aus dickem Fell und selbstbewusstem Auftreten. Man sollte auf keinen Fall allen alles durchgehen lassen, sich aber auch nicht an jedem Fehltritt und jedem Unverbesserlichen aufreiben. Findet Verbündete, knüpft Netzwerke – und vor allem: achtet auf euch selbst. Besonders während meiner ersten Schwangerschaft und meinem Wiedereinstieg in die Arbeit zwei Wochen nach der Geburt hat sich das bewährt. Der Begriff „Rabenmutter“ ist da immer wieder gefallen. In solchen Momenten habe ich nur auf meine Tochter und mich geschaut. Darauf, ob es uns gutgeht. Den Rest habe ich ignoriert.
Fränzi Kühne ist Co-Gründerin der Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr; TLGG gilt heute als eine der einflussreichsten Agenturen der Branche, mit Kunden wie der Deutschen Bahn oder Xing. 2016 wurde Fränzi in den Aufsichtsrat von freenet berufen, als damals jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands. Inzwischen hält sie einen weiteren Aufsichtsratsposten bei der Württembergischen Versicherung. Ende 2019 stieg sie bei TLGG aus. Jetzt hat sie ein Buch gechrieben: „Was Männer nie gefragt werden… ich frage trotzdem mal“ erscheint Ende Mai bei Fischer. Fränzi Kühne lebt mit ihrem Partner und zwei Töchtern in Berlin.
