Mariam Misakian

Million Dollar Baby

Der Weg zur ersten Million gilt als der schwerste. Wie stellt man es trotzdem an, wenn man kein Vermögen geerbt oder im Lotto gewonnen hat? Eine Selfmade-Millionärin und ein Selfmade-Millionär erzählen von ihrer Reise zum Reichtum und geben Tipps, wie es klappen kann. Spoiler: Das hat viel mehr mit Mindset und Lebenserfahrung zu tun als mit Disziplin und Geschäftstüchtigkeit.

Million Dollar Baby
Und auf einmal regnet es Geld? Einen Shortcut für Reichtum gibt es leider nicht (außer erben) | Foto: Istock/ Spicy Truffel

Miriam Jacks hat Insolvenz und Burnout erlebt. Trotzdem wollte sie immer weiter ihrer kreativen Leidenschaft folgen. Das Geld kam irgendwann hinterher. | Foto: Jacks Beauty Line

Sie war gerade Anfang 20, da zog Miriam Jacks (42) ohne einen Cent in der Tasche nach Los Angeles, um Make-upArtist zu werden. „Ich habe in einem Schuhkarton bei einer Lady mit sechs Katzen gewohnt, manchmal reichte das Geld nicht zum Essen“, erinnert sie sich. „Aber meine Intuition sagte mir, dass die Ausbildung dort der richtige Weg für mich ist.“

Jacks assistierte prominenten Make-up-Artists, machte Testshootings, probierte immer wieder Neues aus. „Ich war mir für nichts zu schade und dachte: Wer weiß, wofür es gut ist“, sagt Jacks. Irgendwann hatte sie sich einen Namen gemacht, schminkte in Los Angeles und Berlin Prominente wie beispielsweise Jane Fonda, Iris Berben und Karoline Herfurth.

#1 Üben, mutig zu sein
Es ist der erste Rat, den Miriam Jacks als Selfmade-Millionärin geben kann. Wer viel Geld verdienen will, braucht Mut. Und den übt man in Krisen und bei Rückschlägen. Jacks etwa rutschte viele Jahre nach ihrer Zeit in L.A. in München in die Insolvenz.

Plötzlich musste sie schauen, wie sie mit einem Neugeborenen ein Jahr lang jeden Monat 10.000 Euro Miete für einen Münchener Verkaufsraum zahlen sollte. „Das hat mich fast gekillt“, erinnert sie sich. Aber irgendwie schaffte sie es: „Ich habe alte Vintage Möbel in Berlin eingekauft, einen Lkw vollgeladen, nach München gekarrt, die Möbel alle restauriert und in dem Laden erfolgreich weiterverkauft.“

Während ein Au-pair ihr Neugeborenes hielt, wurde das aus der Not geborene Projekt sehr erfolgreich. „Weil ich den Mut hatte, mir etwas zuzutrauen, und tat, was ich liebe“, sagt Jacks rückblickend. Ihr Tipp: Spring immer wieder ins kalte Wasser. So wächst der Erfahrungsschatz und man lernt: Ich habe einmal überlebt, also werde ich das auch wieder schaffen.

#2 Sichtbar werden
Millionärin wurde Miriam Jacks allerdings erst, als ihr Instagram-Profil bekannt wurde: „Im Corona-Lockdown war ich eine der Ersten, die Insta Live ausprobiert haben“, sagt Jacks. Sie selbst hatte damals keine 10.000 Follower, tat sich aber mit Influencern mit großer Reichweite zusammen, schminkte regelmäßig in Make-up-Workshops live vor der Kamera. Ihre Follower-Zahl wuchs; und die Verkäufe der Pinsel gingen auf einmal durch die Decke.

Im ersten Monat nach Start der Insta-Live-Sessions erwirtschafteten die Pinsel 150.000 Euro Umsatz, im Monat darauf 200.000 Euro. Dann erweiterten Jacks und ihre Geschäftspartnerin die Produktpalette des Unternehmens um Make-up-Produkte. Ende 2021 machten sie und ihr Team 2,4 Millionen Euro Umsatz, inzwischen sind es 12 Millionen Euro Nettoumsatz im Jahr. „Ich hatte mir schon einen Namen in der Branche gemacht, aber ohne Social Media wäre es schwer gewesen, solche Umsätze zu erreichen“, ordnet Miriam Jacks ein. Zu Schulzeiten hätte sie sich übrigens niemals getraut, aufzuzeigen oder vor anderen zu sprechen. „Heute macht es mir überhaupt nichts mehr aus, mich vor die Kamera zu setzen oder vor Tausenden Menschen als Speakerin auf die Bühne zu gehen.“

Mehrfacher Gründer, Uber-Eats-Fahrer (als Cardiotraining), Millionär und vielleicht bald Olympionike im Curling: Alan Frei sieht Geld als Mittel für Freiheit | Foto: Privat

#3 Do it for the Plot
Dass Netzwerken wichtig für den Erfolg ist, ist inzwischen Common Sense. Teil davon ist aber eine häufig übersehene Komponente: Smalltalk. „Sie ist eine Superkraft, die ich über die Jahre perfektioniert habe“, sagt Alan Frei (43). Der Schweizer Unternehmer wurde als Mitgründer des Erotik-Online-Shops Amorana, den er 2020 an die britische Lovehoney verkaufte Millionär.

Er soll mit einer achtstelligen Summe aus dem Verkauf herausgegangen sein. Zuvor hatte er in 25 Jahren 51 unternehmerische Projekte gestartet, die alle scheiterten: von Mango-Schnaps bis hin zu einer Online-Nachhilfeschule.

Alan Frei rät Menschen auf dem Weg zur ersten Million: Wer andere von sich überzeugen will, muss lebendige Gespräche führen können und spannende Geschichten zu erzählen haben.

Die Voraussetzung dafür sei, interessant zu sein. „Wenn ich meinem Gegenüber erzähle, dass ich mit der philippinischen Curling-Mannschaft zu Olympia gehen will, dann weiß der- oder diejenige schon: Das wird ein spannendes Gespräch.“ Wer interessant sein will, muss aus Freis Sicht im Leben vieles erlebt und ausprobiert haben, das nicht unbedingt dem Mainstream entspricht. Er selbst hat Anfang der 2000erJahre neben Finanzwissenschaften Sinologie studiert und zog für ein Auslandsstudium nach China.

Damals war das Land noch ein Underdog und nicht die Wirtschaftssupermacht von heute. Frei lernte dort viel über Unternehmertum, sagt er, auch wenn es dann ja nicht auf Anhieb klappte. Die „Neue Zürcher Zeitung“ titelte mal über ihn: „Dildo Alan hat schon viele Projekte in den Sand gesetzt.“ An den Text kann sich Frei noch gut erinnern. „Das hat auch meine Mutter gelesen, es war nicht ihr stolzester Moment“, meint er. Doch am Ende war es der Online-Erotik-Shop, der ihn reich gemacht hat.

#4 Im Spiel bleiben
Hinfallen und wieder aufstehen, diese Fähigkeit schreiben sich viele Selfmade-Millionär:innen zu. Auch das kann Alan Frei. Zur langen Liste seiner gescheiterten Projekte zählen: eine Facebook-Wohnungsvermittlung, ein Portal für Online-Scheidungen und eines für digitale Beerdigungs-Anzeigen.

Doch aufzugeben kam für ihn nie infrage. Woher er immer wieder seine Zuversicht nahm? „Ich habe viele Gründer-Geschichten aus dem Silicon Valley gelesen. Die meisten sind nicht auf Anhieb erfolgreich geworden und mussten viel ausprobieren.“ Diesen amerikanischen Gründungsgeist hat sich Frei zu eigen gemacht. Und er sieht das Wiederaufstehen als Hauptgrund für seinen Erfolg. „Es gab Leute in der Startup-Szene, die intelligenter waren als ich, aber wenn die erste Idee nicht funktionierte, haben sie sofort aufgegeben“, sagt er. „Ich bin einfach länger im Spiel geblieben als die meisten.“

#5 Bloß nicht dem Geld hinterherrennen
Alan Frei konnte sich seinen Mut auch deshalb so lange leisten, weil ihm Geld nicht als Statussymbol wichtig war, sondern als Mittel für Freiheit. Viele Jahre lang lebte er als extremer Minimalist, besaß zeitweise laut eigenen Aussagen nur 120 Gegenstände. Heute lebt er mit seiner Freundin in einer normalen Wohnung, verzichtet weiterhin auf Luxus, will keine Immobilie und kein Auto besitzen.

Seine finanzielle Freiheit nutzt er, um sich einen ungewöhnlichen Lebenstraum zu erfüllen: Er trainiert für das philippinische Curling-Team, will bei den nächsten Olympischen Spielen antreten. Ach so: Fürs Cardio-Training liefert er als Uber-Eats-Fahrer Essen aus. Mit dem Fahrrad.

GELD IST FÜR IHN KEIN SELBSTZWECK, sondern die Möglichkeit, die ihm verbliebene Lebenszeit möglichst frei gestalten zu können. „Ich habe eine App auf meinem Handy, die mir jeden Tag anzeigt, wie viele Tage ich noch zu leben habe, bis ich so alt bin wie mein Vater bei seinem frühen Tod“, sagt Alan Frei.

Es sind noch 1.000 Wochen: Die will er mit Dingen füllen, die ihn glücklich machen. Auch Miriam Jacks hatte nie explizit die Vision, Millionärin zu werden, sondern schon als Kind eine genaue Vorstellung von dem Haus mit Garten, in dem sie einmal leben wollen würde. Aber angetrieben hat sie vor allem eins: „Mein größter Wunsch war es, kreative Freiheit zu erlangen“, erzählt Miriam Jacks. Darum folgte sie stets ihrer kreativen Leidenschaft. Das Geld kam irgendwann hinterher.