Wirtschaftswunder 2.0

Kolumne | Im Vergleich zu anderen Ländern investiert Deutschland wenig Geld in seine Startups. Dabei wäre genau das der Schlüssel, um auch hier große Tech-Companys entstehen zu lassen, meint Hendrik Brandis von Earlybird Venture Capital. Das sei ehrgeizig gedacht, aber machbar.

Gibt es vielleicht zu wenig gründungswillige Unternehmer:innen? Foto: Pexels (Symbolbild)



Immer wieder kommt die Frage auf: Weshalb wird nicht wenigstens jeder fünfte neue Tech-Gigant à la Google oder Amazon in Deutschland gegründet? Vergleicht man die Bruttoinlandsprodukte (BIP) von den USA und Deutschland, müsste sich genau dieser Wert ergeben. Die ernüchternde Realität ist: Wir verlieren dieses Spiel derzeit zu null. Seit der Gründung von SAP, die immerhin schon 50 Jahre zurückliegt, hat Deutschland kein global führendes Tech-Unternehmen mehr hervorgebracht – auch wenn wir, ganz vielleicht, mit Celonis gerade einen ersten Nachfolger sehen.


Diese Feststellung ist besonders überraschend, wenn man sieht, dass die technologische Basis für erfolgreiche Startups in Deutschland nach wie vor an der Weltspitze rangiert: Mit 2,9 Prozent liegt der Anteil am BIP, der hierzulande in Forschung und Entwicklung investiert wird, sogar über jenem in den USA (2,7 Prozent). Bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Patentanmeldungen sieht das Bild nicht schlechter aus. An einer mangelnden Verfügbarkeit innovativer Technologien kann es also nicht liegen.


„Es fließt vergleichsweise wenig Geld in deutsche Startups. Das Verhältnis im Vergleich zu den USA bezogen auf das BIP liegt bei 1 zu 82.“

Bleiben zwei weitere Erklärungen: Gibt es vielleicht zu wenige gründungswillige Unternehmer:innen oder stellen wir zu wenig Wachstumskapital zur Verfügung, um gründungswillige Unternehmer:innen zu finanzieren? Ein Blick auf die Statistik zeigt: Es fließt vergleichsweise wenig Geld in deutsche Startups. Das Verhältnis des in sie investierten Risikokapitals gegenüber dem Wert in den USA liegt bezogen auf das BIP bei 1 zu 8. Für deutsche Startups steht per Capita also nur 12,5 Prozent des Wagniskapitals zur Verfügung, das US-amerikanische Startups abrufen können. Das Verhältnis des „Entrepreneurship Ratio“ als Indikator für die Verfügbarkeit latenter Unternehmer:innen in beiden Ländern liegt bei rund 1 zu 2. Und da ist noch die Frage offen, ob dieser Unterschied nicht auch durch das mangelnde Kapital verursacht wird.


In jedem Fall müssten wir aber erst mal das zur Verfügung stehende Wachstumskapital vervierfachen, bevor Unternehmer:innen zum Engpassfaktor werden könnten. Damit ist die logische Schlussfolgerung: Herausragende Technologien und Geschäftskonzepte „Made in Germany“ schaffen es heute also hauptsächlich deswegen nicht an die Weltspitze, weil sie unterfinanziert bleiben. In Zeiten des ersten Wirtschaftswunders war das anders. Im Schnitt wurden damals jährlich zwischen drei und vier Prozent des BIP als Wachstumskapital an neue innovative Industrieunternehmen vergeben. Eine zentrale Rolle spielten dabei die vielen Mittelstandsbanken, die das nötige Kapital in Form von Unternehmenskrediten bereitstellten.


Drei Startups, von denen wir hören werden

– zusammengestellt von Earlybird Venture Capital


1. Greenbytes

Greenbytes bietet eine Software für Restaurants zur Vorhersage von Bestellvolumen. Ein Drittel aller Lebensmittel wird weggeschmissen – alleine 240.000 Tonnen in Europa pro Tag –, ein sehr großer Anteil davon in Restaurants. Diesem Problem haben die Gründerinnen von Greenbytes um CEO Renata Bade Barajas den Kampf angesagt! Ihre KI-gestützte Software unterstützt Restaurants bei der Vorhersage ihrer Bestellvolumen und berücksichtigt dabei nicht nur restaurantspezifische, sondern auch externe Faktoren wie Wettervorhersagen oder Ferienkalender.


USP

KI-basierte Vorhersage von Bestellvolumen für Restaurants und die Gastronomie.


Markt

Lebensmittelverschwendung verursacht jährliche Kosten von 146 Milliarden Euro.


Team

Greenbytes hat seine Mitarbeiter:innen in Island sitzen.



2. Plan A

Plan A bietet eine Software, mit der Unternehmen ihr ESG-Reporting automatisieren können. Kund:innen setzen es voraus, Finanzinvestor:innen fordern es ein, und der Regulator schreibt es vor: Unternehmen sind immer mehr unter Druck, ihren CO2-Fußabdruck zu dokumentieren und zu reduzieren. Bei diesem Unterfangen unterstützt Plan A von Lubomila Jordanova. Das Softwareunternehmen hilft seinen Kund:innen nicht nur beim voll automatisierten Berechnen und Überwachen des CO2-Fußabdrucks, sondern schlägt auch direkt Möglichkeiten zum Offsetting und Maßnahmen zum CO2-Einsparen vor.


USP

Ganzheitliches Angebot von Analyse bis Offsetting.


Markt

Sustainability-Management-Software allein ist ein Milliardenmarkt.


Team

Plan A hat seinen Hauptsitz in Berlin.



3. The Lowdown

The Lowdown ist eine Full-Service-Plattform für Female-Health-Themen – aktueller Fokus: Verhütung. Intransparenz über Nebenwirkungen, unzureichende Beratung oder schwere Zugänglichkeit – das sind nur einige Gründe, warum viele Frauen mit dem Informationsangebot rund um das Thema Verhütung unzufrieden sind. Alice Pelton und Marija Ziterbart wollen das ändern: Sie stellen ihren Userinnen Tools zur Identifikation der besten Verhütungsmethoden und -mittel, telemedizinische Beratung sowie die Verschreibung von Verhütungsmitteln digital zur Verfügung.


USP

Umfassendes Service- und Informationsangebot zu Female Health.


Markt

Women’s Healthcare ist ein 440-Milliarden-Euro-Markt (Verhütungsmittel: 6 Mrd.).


Team

The Lowdown hat sein Büro in London.



Heute ist die Situation eine etwas andere: Waren es früher Industrieunternehmen, sind es heute vor allem innovative Unternehmen aus der Digital- oder Biotech-Industrie, die neu entstehen und für Wachstum sorgen. Für die mögliche Besicherung von Bankkrediten entsteht daraus ein Problem: Die Vermögenswerte dieser Tech-Unternehmen bestehen vor allem aus Wissen und Rechten – etwas, das finanziell schwer bewertbar ist. Viele Banken können den Wert dieser neuen, „intangiblen“ Vermögenswerte häufig nicht gut genug beurteilen. Folglich fallen die typischen Mittelstandsbanken mit fortschreitender Digitalisierung als Quelle für Wachstumskapital zunehmend aus. In dieses Vakuum stoßen nun Business Angels und Venturecapital-Fonds. Sie stellen den neuen Innovationsführer:innen Wachstumskapital in Form von Eigenkapital zur Verfügung.


Anders als in den USA entstand diese neue Finanzierungsquelle in Deutschland leider zeitverzögert und hinterlässt daher bis heute eine wesentliche Lücke. Was alles möglich wäre, zeigt folgendes Gedankenexperiment: Würden wir heute, wie in den 1950erbis 70er-Jahren, wieder drei Prozent des BIP als Wachstumskapital zur Verfügung stellen, entspräche das einer jährlichen Investitionssumme von rund 100 Milliarden Euro. Mit dieser Summe würden wir per Capita sogar das heutige Niveau der USA übertreffen und könnten, einer neuen McKinsey-Studie zufolge, bereits bis 2030 neue Tech-Unternehmen entstehen lassen, die 20 Prozent mehr wert wären als der heutige DAX 40 zusammen.


„Das nötige Investment von acht mal 100 Milliarden Euro wäre also sehr gut angelegt und würde unsere Volkswirtschaft einmal runderneuern.“

Zusammengenommen läge der zu schaffende Unternehmenswert gemäß der Studie bei 2,3 Billionen Euro. Das dafür nötige Investment von acht mal 100 Milliarden Euro wäre also sehr gut angelegt und würde unsere Volkswirtschaft einmal runderneuern. Ein neues Wirtschaftswunder wäre die Folge: ein Wirtschaftswunder 2.0! Das wäre machbar. In den letzten zehn Jahren ist das investierte Wachstumskapital in Deutschland bereits von zwei auf 15 Milliarden Euro geklettert.


Schaffen wir es, dieses Wachstum über die nächsten zehn Jahre durchzuhalten, hätten wir das Ziel erreicht. Mit den jetzigen Ansätzen wird uns das nicht gelingen. Eine Industrie, die sich wie die Venturecapital-Branche immer die innovativsten Technologien als Investitionsziele sucht, sollte auch in der Lage sein, sich selbst neu zu erfinden. Ideen und Ansätze dafür gäbe es ganz sicher.


Über den Autor:

Dr. Hendrik Brandis ist Co-Founder und Partner beim Venturecapital-Fonds Earlybird. Sein Interessenschwerpunkt liegt auf techgetriebenen Geschäftsmodellen. Für STRIVE analysiert er in seiner Kolumne regelmäßig die Startup-Welt.