„Als ich anfing, meine Ziele zu definieren, veränderte sich alles“

What's your Story? | Alison Tierney will aus dem Cloud-Computing-Unternehmen Snowflake einen Konzern machen, der in einem Atemzug mit Google genannt wird. Dass sie jetzt in der richtigen Position dafür ist, war lange nicht selbstverständlich. Hier erklärt sie, wie sie es aus dem mittleren Management ganz nach oben geschafft hat.


Alison Tierney hat 20 Jahre Erfahrung in der Software-Industrie.

Was genau ist Ihr Job, wie und mit was beeinflussen Sie die Ausrichtung Ihres Unternehmens?

Ich bin seit zwei Jahren für die Vertriebsaktivitäten und Sales-Teams von Snowflake in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) verantwortlich.

Snowflake beschäftigt in der EMEA-Region derzeit mehr als 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ich trage dazu bei, unsere Gesamtstrategie umzusetzen. So unterstütze ich die Country-Manager bei der Entscheidung, welche Branchen wir innerhalb eines Landes angehen und entscheide, wohin wir als nächstes expandieren möchten. Dieses Jahr haben wir in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Israel Fuß gefasst, und wir planen auch nach Osteuropa zu expandieren.

Was muss eingetreten sein, damit Sie sagen Sie waren erfolgreich?

Als Sales-Team haben wir Quartalsziele, daher ist das Erreichen dieser Vorgaben ein absolutes Erfolgskriterium. Und wenn ich die Logos der neuen Kunden sehe, die wir gewinnen konnten, empfinde ich das ebenfalls als Erfolg. Ein weiteres persönliches Erfolgskriterium ist es, neue Mitarbeitende einzustellen und zu halten während wir weiterwachsen. Wir haben eine ganz besondere Kultur bei Snowflake, und deshalb ist es wichtig, gute Mitarbeitende zu halten und diese Kultur zu bewahren. Unser Erfolg hängt von den richtigen Mitarbeitenden ab.


Wie gehen Sie mit Dingen um, die Sie nicht gut können?

Ich bitte um Hilfe. Wir haben bei Snowflake eine erstaunliche Vielfalt an Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen auf allen beruflichen Ebenen. Wenn ich etwas nicht weiß, kann ich auf diese Vielfalt zurückgreifen und Kollegen bitten, mich mit ihrem Wissen zu unterstützen.


Meine persönliche Vision ist es, dass Snowflake zu einem Begriff wird wie Microsoft oder Google – einer, den jeder kennt.

Was ist Ihre Vision für Ihr Unternehmen?

Auf unternehmerischer Ebene ist es unsere Vision, bis 2029 einen Produktumsatz von zehn Milliarden Dollar zu erreichen, und wir stehen erst am Anfang des Geschäftsjahres 2023. Meine persönliche Vision ist es, dass Snowflake zu einem Begriff wird wie Microsoft oder Google – einer, den jeder kennt. Wenn das in der Zukunft eintritt, möchte ich sagen können: "Ich war dabei, als Snowflake einen neuen Markt definiert hat."


Wie würde ihr Team Sie beschreiben?

Geradlinig, einfühlsam und charismatisch. Obwohl ich denke, dass es wahrscheinlich noch ein paar andere Worte gibt, die ich nicht laut aussprechen würde!

Wann haben Sie das letzte Mal „nein“ gesagt?

Vor etwa einer halben Stunde zu einem Kunden, mit dem wir in Verhandlungen standen. In meinem Job sage ich oft "nein" zu einer Reihe von Dingen: Anfragen für Preisnachlässe, Vorstellungsgespräche, zu Bewerbern, die nicht ins Unternehmen passen – wir müssen wirklich vorsichtig sein, wen wir ins Unternehmen holen. Ich sage häufiger "nein", als ich es zu diesem Zeitpunkt erwartet hätte.


Was sind die ersten drei Dinge, die Sie im Büro (oder Home Office) machen?

Ich persönlich habe keinen typischen Arbeitstag, so dass die drei wichtigsten Dinge auf meiner Aufgabenliste jeden Tag wechseln. Im Allgemeinen schaue ich als Erstes in meinen Kalender, aber dann verbringe ich einen Großteil meiner Zeit mit Telefonaten, bei denen ich andere Personen dabei unterstütze, ihre Ziele zu erreichen: Sei es, indem ich einem Kollegen dabei helfe, einen Verkauf abzuschließen, oder wenn ich mit einem Kunden darüber spreche, wie die Data Cloud von Snowflake die Ergebnisse für sein Unternehmen verbessern kann.

An den meisten Tagen habe ich mit Daten zu tun. Ich verbringe viel Zeit damit zu analysieren, was wir intern mit Daten machen: Wie beeinflussen Daten unsere Entscheidungsfindung und helfen uns, möglichst effektiv zu sein?


Die größte Herausforderung bestand darin, dass ich als US-Amerikanerin eine Führungsposition für das europäische Geschäft inne habe.

Was hat Sie fachlich am meisten erstaunt?

Was mich am meisten begeistert, ist, dass ich als Amerikanerin in den Niederlanden sitze und ein europäisches Unternehmen leite. Ich zwicke mich jeden Tag, um mich daran zu erinnern, dass dies wirklich passiert. Ich finde es erstaunlich, dass ich die Gelegenheit hatte, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und mich persönlich weiter zu entwickeln.

Was war die größte Herausforderung, die Sie dabei überwinden mussten?

Die größte Herausforderung bestand darin, dass ich als US-Amerikanerin eine Führungsposition für das europäische Geschäft inne habe. Der Versuch, sich in ein großes, stark expandierendes Unternehmen zu integrieren, ist schon schwierig genug, aber als dann noch die kulturellen und sprachlichen Unterschiede bei der Arbeit in einem anderen Land hinzukamen, war das für mich eine echte Herausforderung.

Aber das Interesse an anderen Menschen und ihren kulturellen Lebensverhältnissen, die Lektüre von Büchern über Kultur (The Culture Map) und die Zeit, die ich damit verbracht habe, ein wenig über die Geschichte und Sprache jedes Landes zu lernen, in dem wir unternehmerisch tätig sind, haben mir eine problemlose Eingewöhnung ermöglicht, so dass ich diese Region leidenschaftlich und erfolgreich führen kann.

Was hat Sie auf Ihrem Weg bislang immer weitergebracht?

Der Rückhalt meiner Familie war während meiner gesamten Laufbahn eine große Hilfe. Sie haben mich sehr unterstützt, auch wenn sie nicht unbedingt etwas von Technologie oder Vertrieb verstehen. Selbst wenn sie Fragen stellten und bei meinen Entscheidungen die Augenbrauen hochzogen, wusste ich immer, dass sie hinter mir stehen.

Die andere Kraftquelle sind Bücher. Ich lese sehr viele Bücher über Management und Führung, normalerweise habe ich immer drei oder vier Bücher zur Hand. Zurzeit lese ich „High Conflict” von Amanda Ripley. Darin geht es darum, wie man die richtige Art von Konflikten austrägt – denn Konflikte können manchmal auch gut sein.

Dank der Unterstützung meiner Familie bin ich in der Lage zu tun, was ich am liebsten tue, aber das Lesen hilft mir, mein Gehirn auf neue Weise zu fordern.


Was hat Sie immer behindert?

Wie die meisten Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund – sei es Geschlecht, Behinderung oder Herkunft – bin ich von Vorurteilen beeinflusst worden. Sie verlangsamen die Dinge und erfordern mehr Bemühungen, um das zu erreichen, was man will.

Ich musste mit einem Altersvorurteil fertig werden, da ich recht jung war, als ich meine Karriere im Vertrieb begann. Es kann schwierig sein, ein Team zu führen, wenn die Leute Probleme mit deinem Alter haben.

Ich bin auch auf Vorurteile gestoßen, weil ich eine Frau bin, und der Vertrieb (insbesondere der technische Vertrieb) ist traditionell ein von Männern dominierter Bereich. Ich wurde nicht befördert oder bekam keine Stelle, weil man mir sagte, ich sei zu jung oder zu laut, was eigentlich bedeutet: „Du bist zu weiblich“.


„Als ich das Angebot erhielt, die USA zu verlassen und in die Niederlande umzuziehen, musste ich meiner Familie den Umzug schmackhaft machen.“

Was werten Sie als Ihren größten Erfolg?

Mein größter Erfolg war es, als US-Amerikanerin in Europa ein wachstumsstarkes Unternehmen zu leiten - und das mit Erfolg. Snowflake hat in den drei Monaten bis zum 31. Oktober 2021 in der EMEA-Region einen Produktumsatz von 44,3 Mio. US-Dollar erzielt und damit ein Wachstum von 174 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erreicht.

Ich bin stolz darauf, dort zu sein, wo ich bin, und in der EMEA-Region wichtige Entscheidungen zu treffen. Das ist nicht mein ursprüngliches Arbeitsfeld, in dem ich das Verkaufen gelernt habe. Daher ist es wirklich aufregend und erfüllend, Teil einer anderen Arbeitswelt zu sein und jeden Tag etwas Neues zu lernen. Und das alles verdanke ich Snowflake, die an mich geglaubt und mir diese Chance gegeben haben.

Was als Ihren größten Misserfolg?

Das ist etwas Persönliches. Ich bin seit 20 Jahren im Vertrieb tätig. Ich glaube, ich bin ziemlich gut im Verkaufen. Als ich das Angebot erhielt, die USA zu verlassen und in die Niederlande umzuziehen, musste ich meiner Familie den Umzug schmackhaft machen. Leider konnte ich meinen 16-jährigen Sohn nicht überzeugen. Er hat sich entschieden, in Portland zu bleiben. Er geht noch zur High School und lebt bei einem Familienmitglied. Wenn ich also zurückblicke, ist das definitiv ein Moment, in dem ich sage: „Oh, das war schlecht." Ich denke, ich hätte es besser machen und ein anderes Ergebnis erlangen können.

Was war der größte Fehler, den Sie während Ihrer Karriere gemacht haben

(und welches Learning ziehen Sie daraus)?

Zu Beginn meiner beruflichen Karriere war ich nicht gut darin, schnell und effizient zu artikulieren, was ich wollte. Ich erwartete, dass mich jemand sehen und mir einfach eine Beförderung in meinem Traumjob geben würde.

Als ich anfing, meine Ziele genauer und konkreter zu formulieren und sagte: „Ich möchte gerne einen internationalen Job haben", begannen sich die Dinge zu meinen Gunsten zu verändern. Hätte ich es nicht laut gesagt, wären sie nicht zustande gekommen.

Ich habe zu lange gebraucht, um das herauszufinden. Ich habe Jahre im mittleren Management vergeudet, obwohl ich wusste, dass ich so viel mehr erreichen könnte, aber mir war nicht klar, warum mir diese Möglichkeiten nicht angeboten wurden. Man muss die Verantwortlichen fragen, erklären und ihnen sagen, was man will, damit man in den Köpfen der Leute ist. Heute bin ich mir über meine Erwartungen und meine Wünsche sehr im Klaren.


Ohne was können Sie nicht arbeiten?

Mein Telefon. Eigentlich alle meine Kommunikationsgeräte, wie meinen Computer und mein Tablet. Bei meiner Arbeit geht es zu 100 Prozent darum, mit Menschen zu kommunizieren; wenn ich nicht kommunizieren kann, bin ich tot.

Welche drei Apps sind am nützlichsten für Ihren Job?

Messenger-Apps wie Whatsapp, Slack und iMessage sind für meine Arbeit unerlässlich. Wir sind auch aktive Nutzer von Tableau, einem Tool zur Datenvisualisierung - wir verarbeiten viele Daten, also muss ich Dinge visualisieren, sie verschieben, mir unterschiedliche Dashboards ansehen und so weiter. Und zu guter Letzt ist Zoom in der heutigen Arbeitswelt sehr praktisch.


Wie organisieren Sie sich und Ihre To-Dos?

Ich bin da old-school und arbeite mit Papier und Stift, also steht alles in meinem Notizbuch. Ich werfe jeden Tag einen Blick darauf und setze mich am Ende der Woche hin und gehe meine Notizen durch, um zu überprüfen, was ich erreicht habe. Ich habe viele handgeschriebene To-Do-Listen.

Wenn Sie eine Zeitreise zu Ihrem 20-jährigen ich machen könnten, welchen Karrieretipp würden Sie sich geben?

Mit 20 war ich auf dem College und studierte Strafjustiz. Ich würde das nicht anders machen, aber ich würde mir selbst raten, ein paar Kurse in Betriebs- oder Volkswirtschaft zu belegen. Nur ein paar dieser Kurse hätten mich wahrscheinlich beruflich weitergebracht, da ich mir viele der Dinge, die ich gelernt habe, selbst beibringen musste.


Wenn Sie einen Tag lang an den Schalthebeln der Macht sitzen würden (Beispiel Kanzler:in), was würden Sie tun?

Wenn ich US-Präsidentin wäre, würde ich Zeit dafür investieren, das Wohlstandsgefälle in den USA zu beheben und Probleme wie Obdachlosigkeit anzugehen. Wie können wir den Menschen, die sich mühsam durchschlagen müssen, mit Sozialleistungen helfen?


Wenn ich in einer europäischen Regierung säße, würde ich mir etwas mehr Macht wünschen, um direkte Maßnahmen ergreifen zu können. Ich habe das Gefühl, dass die Regierungen in Europa und insbesondere in den Niederlanden sehr konsensorientiert sind. Das kann einerseits gut sein, andererseits kann es in Krisenzeiten zu einer verzögerten Entscheidungsfindung führen, weil man auf eine entsprechende Einigung wartet. Manchmal jedoch gelingt es nicht, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.


Was ist der beste Tipp, den Sie je bekommen haben?

„Gehe jede Situation so an, als hättest du sie vorher noch nie erlebt." Diesen Ratschlag habe ich kürzlich von einem meiner Mentoren aufgeschnappt. Der Gedanke dahinter ist, dass man mit zunehmender Lebens- und Berufserfahrung anfängt, Annahmen zu treffen: Man sieht einen Elefanten und geht davon aus, dass es ein Elefant ist, der auf die gleiche Weise reagiert wie zuvor. Dabei könnte es sich in Wirklichkeit um ein ganz anderes Tier handeln.


Wenn Sie mit einem Problem oder einer Herausforderung konfrontiert werden, auch wenn Sie es schon kennen, sollten Sie zunächst einen Schritt zurückgehen und sich fragen: "Wenn ich das noch nie gesehen hätte, wie würde ich es jetzt angehen?" Das ist nicht immer möglich, aber es hilft Ihnen, neue und interessante Lösungen zu finden, auf die Sie nicht kommen würden, wenn Sie sich von Ihrer Erfahrung leiten lassen.

„Ich habe das Glück, dass Kunden, Personen aus der Branche und Kollegen zu meinen Mentoren wurden.“

Was ist Ihr Tipp für Verhandlungen?

Hören Sie mehr zu als zu reden, und versuchen Sie zu verstehen. Es ist leicht, Vermutungen darüber anzustellen, was jemand will. Wenn Sie jedoch Folgefragen stellen und wirklich versuchen nachzuvollziehen, was die Person auf der anderen Seite des Tisches zu lösen oder zu erreichen versucht, können Sie in der Regel zu einem besseren Ergebnis kommen, mit dem beide Parteien zufrieden sind. Wenn es zum Beispiel um eine Gehaltsverhandlung geht, ist es für die Person vielleicht wichtiger, andere Arbeitszeiten und mehr Flexibilität zu vereinbaren, als mehr Geld .


Welches Buch hatte am meisten Einfluss auf Ihre Karriere?

Ich lese so viele Bücher, dass es schwer ist, eines auszuwählen. Aber „Principles" von Ray Dalio kommt mir in den Sinn. Es ist ein Buch, das ich immer wieder lese, weil es so viel zu bieten hat. Ich lese viel von den „Stoics", was mir hilft, mein Leben aus einer anderen Perspektive zu betrachten, und mich daran erinnert, tief durchzuatmen und so ruhig wie möglich zu bleiben, in einem Beruf, der sehr energiegeladen sein kann.


Wer ist Ihr Vorbild?

Im Laufe der Jahre habe ich viele Vorbilder gefunden. Ich habe das Glück, dass Kunden, Personen aus der Branche und Kollegen zu meinen Mentoren wurden. Sie alle haben dazu beigetragen, mich dorthin zu bringen, wo ich heute stehe, daher kann ich niemanden speziell hervorheben. Aber es gibt viele wirklich starke Frauen in der Welt, die interessante und aufregende Dinge tun.


Wen sollten wir als nächstes Interviewen?

Roisin McCarthy, Mitbegründerin einer britischen Initiative namens “Women in Data”, die sich für eine stärkere Vertretung von Frauen in der Datenbranche einsetzt. Sie ist äußerst intelligent und setzt sich leidenschaftlich dafür ein, dass mehr Frauen die Möglichkeit erhalten, in der Technologiebranche zu arbeiten. Es liegt ihr sehr viel daran, mehr Gleichberechtigung und Parität in der Welt zu schaffen.

Über die Person: Alison Tierney ist General Vice President für die EMEA-Region bei Snowflake, wo sie sich auf den Aufbau des Teams und die strategische Ausrichtung konzentriert, um das dynamische Wachstum von Snowflake in dieser Region zu fördern. Alison ist eine erfolgreiche Vertriebsleiterin mit 20 Jahren Erfahrung in der Software- und Business Applications- Industrie. Ihre Vertriebserfahrung reicht von Start-ups wie AppDynamics bis hin zu renommierten Großunternehmen wie IBM, HP und Oracle. In ihren früheren Positionen hat sie zahlreiche neue Kunden gewonnen, Wachstumsstrategien entwickelt und große Teams von professionellen Vertriebsmitarbeitern geleitet.