Bin ich zu leise oder die anderen zu laut?

Gastbeitrag | Frauen hören oft, dass sie selbstbewusster auftreten, mehr Raum einnehmen, sich aktiver einbringen sollen … Warum aber anpassen manchmal nichts bringt, erklärt Führungskräfteentwicklerin Anaïs Bock.


Sind Frauen nicht laut genug? (Symbolbild)



In einem Führungskräfte Workshop vor ein paar Wochen passierte es schon wieder: Der CEO rätselte laut, warum in “seiner” Firma nicht mehr Frauen in Führungspositionen sind: “Wir hätten ja gerne mehr Frauen in Führungspositionen, aber die wollen einfach nicht. Führungskraft kann man nun mal nicht in Teilzeit sein. Das muss man schon richtig wollen…”


Solche Ausführungen höre ich jede Woche und sie haben eins gemeinsam: Frau ist Schuld. Wenn Frauen sich mehr trauen würden, weniger bescheiden und zurückhaltend wären, sähe das Verhältnis zwischen Männern und Frauen auf der Führungsebene anders aus. Dazu passend empfiehlt jedes zweite “Female Empowerment” Programm: Behaupte Dich. Führe selbstbewusst Gehaltsverhandlungen. Nimm das Mikro öfter in die Hand. Du darfst auch mal konstruktiv kritisieren. Trau Dich, durch eine selbstbewusste Körperhaltung mehr Raum einzunehmen.


Ich bin immer mehr der Meinung: “genau die richtige Lautstärke” gibt es nicht.

Der Rat ist wohl gemeint. Eine Stimme in mir jubelt und will, dass wir alle auf die Bühne klettern. Und doch kriege ich manchmal Zahnschmerzen vor lauter Empowerment. Warum? Frauen hatten historisch schon immer den Anpassungs-Part. Sie sind es gewöhnt, mit dem Raum, den man ihnen gibt zu arbeiten und dabei ja keinem auf Füße zu treten. “Trau Dich!” hat eben leider oft den Subtext “aber wirke dabei bitte bloß nicht arrogant, verletze kein Ego und schau dabei auch immer gut aus…”





Auf der einen Seite hören wir “Frauen kommunizieren und verhalten sich so, dass sie nicht als Führungskräfte wahrgenommen werden”. Auf der anderen Seite werden Frauen, die laut sind, oft als “bossy” statt als “Boss” gesehen. Was ich früher als herausfordernden Drahtseilakt empfunden habe, sehe ich nach 10 Jahren in diesem Job als unausführbar. Ich bin immer mehr der Meinung: “genau die richtige Lautstärke” gibt es nicht. Und wenn der CEO mir sagt, dass er Frauen im Unternehmen nicht hören kann, dann frage ich heute: Was tun Sie, um zuzuhören?


Vielleicht hilft es, wenn alle anderen mal leise sind!”

Laut, stark und klar sind Attribute, die zu einem Führungs-Stereotyp passen, der vor allem eins ist: männlich. Und in die Jahre gekommen! Den Zwischenergebnissen meiner aktuellen Studie “5.000 Frauen” zufolge, haben Frauen an männlich konnotierter Führung kein Interesse. Und zwar weder daran, so geführt zu werden, noch so zu führen. Was wäre, wenn wir die typische Führungskraft stattdessen als einladend, motivierend, nachhaltig agierend wahrnehmen würden? Wenn wir Macht als die generative Kraft sehen, statt als etwas Negatives? Wenn wir lernen, dass man laut und leise führen kann!





Das erfordert Umdenken. Persönlich, wie auch im System. Hier sind Fragen, die Sie stellen können, um Ihrem Umfeld einen Spiegel vorzuhalten. Und ja, ich bin mir der Ironie bewusst, dass diese Publikation vor allem Frauen lesen, aber glauben Sie mir: jeder CEO, mit dem ich arbeite, kriegt es auch zu hören.

  1. Frau sagt etwas. Es wird nicht gehört. Ein Mann wiederholt es, dann wird der Beitrag gefeiert. Das nennt man “Hepeating” und wer es erlebt, kann einfach mitfeiern und dann die Urheberin hervorheben, “danke Franka - der Beitrag kam ja von Dir!” oder falls Sie es selbst waren “danke fürs Wiederholen, Richard.”

  2. Laden Sie die Moderierenden eines jeden Meetings ein, alle Stimmen einzufangen und dabei die Leisen nicht zu vergessen. Wenn Sie selber ein Meeting leiten, fragen Sie immer diejenigen, die wenig gesagt haben, ob Sie etwas beizutragen haben. Das ist ein Geschlechter-unabhängiger Move, der schnell zum guten Ton werden kann.

  3. Sie werden unterbrochen? Nehmen Sie sich ein Beispiel an Kamala Harris mit ihrem “Mr Vice President, I am speaking”. Funktioniert direkt und laut genauso, wie bestimmt und leise.

  4. Fragen Sie bei strategischen Entscheidungen: Wessen Stimmen sind bei diesem Vorschlag eingefangen worden? Hat eine Frau mitgearbeitet? Das kann alteingefahrene Muster durchbrechen und hinterfragen, wer in entscheidenden Momenten mit am Tisch sitzt.

  5. …Und wann immer Sie hören “Frauen sind nicht laut genug”, entgegnen Sie “Wirklich?Vielleicht hilft es, wenn alle anderen mal leise sind!”


Über die Autorin:

Anaïs Bock ist seit 10 Jahren Führungskräfte Coach, Autorin, Speakerin, die Chefin von Let’s Work Magic und Erfinderin von Bullshit Monsters®. Sie arbeitet mit der oberen Führungsriege von Mittelständlern, Tech-Startups und DAX notierten Unternehmen, bildet aus, moderiert und spricht auf internationalen Bühnen, auf Deutsch, Englisch und Spanisch.


Ihr Fokus während ihres Masters (MSc Organisational Behaviour Birkbeck, University of London) war die Zukunft der Arbeit. Sie forscht seit 2011 zu inneren Widerständen, die einem erlebten Karriere-Sinn im Weg stehen. Ihre geheime Mission: Verbündete für Frauen sein und weichen Erfolgsfaktoren der Unternehmenskultur einen offiziellen, wissenschaftlich fundierten Platz am Vorstandstisch einräumen. Dieses Jahr forscht sie mit der Studie 5000frauen.de was es braucht, damit mehr Frauen Führungspositionen einnehmen.


Anaïs Bock hat in 7 Ländern gelebt und wohnt in München.

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Picture Credits: Arianna Frickhinger http://ariannafrickhinger.com/