Katharina Wolff

vor 13 Tagen

9 Min. Lesedauer

Warum wir Frauen aus der Teilzeit rausholen müssen

Meinungsbeitrag | Bei der Bahn, im Handwerk, in der Pflege und im ganzen Bildungsbereich: Deutschland fehlen tausende von Fachkräften – an fast allen Stellen. Dabei sind viele von ihnen schon da, können aber nicht so viel arbeiten, wie sie gerne würden. Warum Frauen ein Schlüssel zur Lösung sein könnten und hier eine historische gesellschaftliche Verantwortung haben, behandelt Katharina Wolff, Herausgeberin von STRIVE, in ihrem diesjährigen Meinungsbeitrag zum Weltfrauentag.

Warum wir Frauen aus der Teilzeit rausholen müssen
Warum wir Frauen aus der Teilzeit rausholen müssen

In Deutschland lügen wir uns manchmal gerne selbst etwas vor. So ließ die Bundesregierung stolz verkünden, dass wir eine der höchsten Erwerbstätigenquoten von Frauen in Europa haben. Zur Wahrheit gehört dann aber leider auch sehr schnell, dass knapp jede zweite von ihnen in Teilzeit arbeitet. Bei den Männern liegt diese Zahl nur bei 11 %. Und damit sind wir in Europa auf dem viertletzten Platz. Nur Österreich, die Schweiz und die Niederlande liegen hinter uns. Dabei sind wir Frauen der Schlüssel zu vielen Politischen Problemen bzw. deren Lösungen, wie bspw. dem Fachkräftemangel: Schon eine zehnprozentige Erhöhung des Arbeitsumfangs von Frauen in Teilzeit würde 400.000 zusätzlichen Vollzeitstellen entsprechen, bestätigte uns ein Sprecher des Bundesministerium für Arbeit und Soziales.

Es gibt viele Gründe, warum gerade Frauen in Teilzeit arbeiten. Der offensichtlichste von ihnen ist es, wenn Frauen Kinder bekommen. Kleiner Disclaimer zu diesem Thema: Ich bin selbst keine Mutter. Und daher finden nun bestimmt viele Mütter, dass ich spätestens ab hier meinen Mund halten sollte. Genau das werde ich aber bewusst nicht tun – denn selbstverständlich darf und muss jede Frau für sich selbst entscheiden, ob und wie lange sie in Teilzeit arbeitet und braucht auf keinen Fall meine Erlaubnis dafür. Allerdings möchte ich gern aufzeigen, welche Probleme nicht nur für die Gesellschaft entstehen, wenn wir Frauen als Arbeitskräfte fehlen, sondern vor allem, welche immensen Nachteile ein Teilzeit-Job für uns Frauen mit sich bringen kann.

Drei Probleme, die die Teilzeit mit sich bringt

Aus den Augen, aus dem Sinn

Natürlich würde ich mir wünschen, dass Frauen in Ruhe in Elternzeit gehen können, ohne befürchten zu müssen, dass in den 14,7 Monaten, die eine Frau in Deutschland durchschnittlich Elternzeit nimmt, kein Kollege oder auch keine Kollegin an ihr vorbeizieht und ihren Karriereplatz einnimmt. Die Realität zeigt etwas anderes. Bekannt ist zum Beispiel, dass Väter sogar höhere Gehälter und bessere Aufstiegschancen haben als kinderlose Männer, während Mütter niedrigere Löhne erzielen und seltener befördert werden.

Wir sprechen aktuell viel über die Sichtbarkeit von Frauen. Genau hier fängt das Problem an: Bin ich nicht im Büro, kann ich beim Lunch nicht Netzwerken, bin dadurch nicht Teil des Systems und werde damit unsichtbar. Keine gute Grundvoraussetzung für die nächste Beförderung. Das ist nicht fair, aber menschlich. Auch, wenn ich mir wünschen würde, dass es anders abliefe.

Altersarmut

Laut einer aktuellen Anfrage der Linken beim Bundesarbeitsministerium steuert schon jede dritte Frau mit einer Vollzeitstelle in Deutschland auch nach 40 Arbeitsjahren auf eine Rente von weniger als 1.000 Euro netto zu. Wie wir allerdings gelernt haben, arbeitet nur jede zweite Frau in Vollzeit. Daher ist die Schlussfolgerung leicht: Die langjährige Teilzeitbeschäftigung ist einer der größten Risikofaktoren für Altersarmut von Frauen und führt oft zu einer schlechteren sozialen Absicherung im Alter. Kein Wunder also, dass laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Frauen in Teilzeit im Alter im Durchschnitt eine um 47 Prozent niedrigere Rente als Männer haben, die überwiegend in Vollzeit arbeiten.

Abhängigkeit

Bei diesem Punkt sind wir uns wahrscheinlich am schnellsten einig: Teilzeit führt zu niedrigeren Löhnen und damit zu einer höheren Abhängigkeit in Partnerschaften und Ehen. Selbstverständlich lässt sich über einen finanziellen Ausgleich im Ehevertrag viel regeln, aber wie wir bereits für einen anderen STRIVE-Artikel herausfanden, überlassen 60 Prozent aller Ehefrauen den Männern die finanzielle Planung. Autsch. Bei einer Scheidungsquote von rund 40 % in Deutschland ist es in jedem Fall ratsam, sich frühzeitig mit seiner eigenen finanziellen Unabhängigkeit zu beschäftigen, denn nur diese macht uns wirklich selbstbestimmt.

"Solange wir nicht aufhören andere dafür zu verurteilen, wie sie leben und bzw. für welches Lebensmodell sie sich entschieden haben, solange brauchen wir der Politik nicht vorhalten, dass sie nicht alles dafür tut, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen."

Was wir von der Gesellschaft und Politik benötigen

Es gibt viele klare Hemmnisse, die Frauen davon abhalten, in Vollzeit zu arbeiten. Zum Beispiel, dass immer noch nicht genügend Kita-Plätze in Deutschland vorhanden sind. Fast genauso schlimm ist aber das steuerliche Anreizsystem in Form des Ehegattensplittings, das einfach nicht (mehr) in die heutige Zeit passt. Wir halten immer noch an einer Regelung fest, die nachweislich zum klassischen Rollenmodell führt – können aber Familien, in denen beispielsweise beide 32 Stunden arbeiten, damit keiner von beiden Partnern benachteiligt wird, nicht zusätzlich unterstützen? Ich persönlich finde, dass Familien, die sich die Erziehungsarbeit ernsthaft teilen, subventioniert werden sollten – weil sie somit dazu beitragen, dass Frau nicht in der Karriere beeinträchtigt wird oder in die Altersarmut rasselt und damit selbstbestimmt bleibt.

Aber auch wir als Gesellschaft müssen uns im Kopf bewegen. Solange wir nicht aufhören andere dafür zu verurteilen, wie sie leben und bzw. für welches Lebensmodell sie sich entschieden haben, solange brauchen wir der Politik nicht vorhalten, dass sie nicht alles dafür tut, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Wie oft habe ich bspw. schon den Satz gehört: „Aber Du willst Deine Kinder doch nicht von einer Nanny erziehen lassen?“ Mit diesen Verurteilungen und Bewertungen sollte Schluss sein.

"Wir Frauen sind mal wieder der Schlüssel – und diese Position sollten wir uns zu Nutze machen. Auch in Verhandlungen!"

Lasst uns alle in uns gehen und überlegen, welches Lebensmodell, ungeahnt der möglichen Verurteilungen und Bewertungen von außen, für uns wirklich das Beste ist. Lasst uns weder die in Vollzeit arbeitende Frau noch die Vollzeit-Mutter verurteilen. Lasst uns sie ermutigen, dass sie alles schaffen kann, was sie will und dass es okay ist, wenn für die Kindeserziehung auch externe Hilfskräfte hinzugezogen werden. Wir können in unserer Individualität bleiben und trotzdem schauen, wie wir es schaffen, mehr Frauen aus der Teilzeit zu holen. Zumindest die, die es wollen. Denn wir Frauen sind mal wieder der Schlüssel – und diese Position sollten wir uns zu Nutze machen. Auch in Verhandlungen!

P.S.: Alles, was ich über die Teilzeit schreibe, gilt natürlich für alle Geschlechter. Besonders betroffen sind jedoch Frauen, weshalb ich mich auf sie fokussiert habe.

Über die Autorin:

2010 gründete Katharina Wolff mit 26 Jahren die Personalberatung D-Level, die sie bis heute als CEO führt. Die Hamburgerin war 2011 bis 2015 Abgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft und unter anderem für die Themen Netzpolitik und Gleichstellung zuständig. 2020 gründet sie, entgegen aller Trends und während der Corona-Krise, einen Verlag: die STRIVE Publishing GmbH. Namenhafte Investor:innen wie Tarek Müller, Donata Hopfen oder Paul Schwarzenholz stiegen sofort mit ein. Seit Januar 2021 ist sie Herausgeberin des STRIVE Magazine, Magazin für alle, die Wirtschaft neu denken.

Link kopiert!