Fairness und ich, das war eigentlich immer eine ziemlich große Liebe. Angefangen hat das ziemlich früh. Schon im Kindergarten konnte ein minimal größeres Stück Kuchen bei der falschen Person erstaunlich große Fragen in mir auslösen.
In der Schule waren es dann keine Kuchenstücke mehr, sondern Noten, Regeln und Entscheidungen von Lehrkräften. Und ich hatte meistens ziemlich schnell eine Meinung dazu, ob etwas gerecht war oder eben nicht. Viel dazwischen gab es für mich lange nicht. Vielleicht lernen wir Fairness genau so: sehr früh und ziemlich mathematisch. Was gleich verteilt wird, fühlt sich richtig an.
Gleich = fair, das war mein Fairness-Kompass
Dieses Verständnis hat mich ziemlich lange begleitet. Als ich ins Berufsleben gestartet bin, wechselte nur das Spielfeld. Aus Lehrkräften wurden Führungskräfte, aus Noten wurden Gehälter, Verantwortung und Freiheiten. Und während um mich herum ziemlich viel neu war, funktionierte mein Fairness-Kompass weiter nach derselben Formel: gleich = fair.
Bis ich irgendwann selbst Führungskraft wurde. Und aus Beobachten wurde Handeln. Plötzlich stand ich nicht mehr daneben und konnte bewerten. Ich war selbst verantwortlich. Dabei habe ich gemerkt, dass manche Menschen im Job richtig gut werden, wenn ich ihnen maximal viel Freiheit gebe. Andere brauchen mehr Struktur. Eine Person ist nach einem Jahr bereit für den nächsten Schritt, eine andere vielleicht nach drei. Derselbe Fehler kann einmal ein Ausrutscher sein und beim nächsten Mal Teil eines Musters.