Irina Ferreira Guimarães

Warum ich aufgehört habe, eine faire Chefin sein zu wollen

Fairness ist ein Grundpfeiler guter Zusammenarbeit. Oder nicht? Kommt darauf an, was man darunter versteht, findet Irina Ferreira Guimarães. Warum sie Mitarbeitende bewusst unterschiedlich behandelt und welche Grundsätze dennoch für alle gelten müssen, erklärt sie hier.

Warum ich aufgehört habe, eine faire Chefin sein zu wollen
Foto: Lisa Bakro

Fairness und ich, das war eigentlich immer eine ziemlich große Liebe. Angefangen hat das ziemlich früh. Schon im Kindergarten konnte ein minimal größeres Stück Kuchen bei der falschen Person erstaunlich große Fragen in mir auslösen.

In der Schule waren es dann keine Kuchenstücke mehr, sondern Noten, Regeln und Entscheidungen von Lehrkräften. Und ich hatte meistens ziemlich schnell eine Meinung dazu, ob etwas gerecht war oder eben nicht. Viel dazwischen gab es für mich lange nicht. Vielleicht lernen wir Fairness genau so: sehr früh und ziemlich mathematisch. Was gleich verteilt wird, fühlt sich richtig an.

Gleich = fair, das war mein Fairness-Kompass

Dieses Verständnis hat mich ziemlich lange begleitet. Als ich ins Berufsleben gestartet bin, wechselte nur das Spielfeld. Aus Lehrkräften wurden Führungskräfte, aus Noten wurden Gehälter, Verantwortung und Freiheiten. Und während um mich herum ziemlich viel neu war, funktionierte mein Fairness-Kompass weiter nach derselben Formel: gleich = fair.

Bis ich irgendwann selbst Führungskraft wurde. Und aus Beobachten wurde Handeln. Plötzlich stand ich nicht mehr daneben und konnte bewerten. Ich war selbst verantwortlich. Dabei habe ich gemerkt, dass manche Menschen im Job richtig gut werden, wenn ich ihnen maximal viel Freiheit gebe. Andere brauchen mehr Struktur. Eine Person ist nach einem Jahr bereit für den nächsten Schritt, eine andere vielleicht nach drei. Derselbe Fehler kann einmal ein Ausrutscher sein und beim nächsten Mal Teil eines Musters.

„Individualität darf niemals die hübschere Bezeichnung für zweierlei Maß sein. Aber darüber hinaus darf Führung unterschiedlich sein.“

Irina Ferreira Guimarães

Der Unterschied zwischen Individualität und Willkür ist Begründbarkeit

Und irgendwann erwischte ich mich dabei, ziemlich genau das zu tun, worüber ich mich früher so herrlich aufgeregt hatte: Ich behandelte Menschen unterschiedlich. Nicht obwohl mir Gerechtigkeit wichtig ist, sondern irgendwann gerade deswegen. Denn Gleichheit können wir sehen. Gerechtigkeit braucht Kontext.

Heute frage ich mich deshalb nicht mehr: Behandle ich gerade wirklich alle gleich? Sondern: Kann ich erklären, warum ich es nicht tue?

Dabei kann ich aber nicht jede Entscheidung „individuelle Führung“ nennen und dann zufrieden nach Hause gehen. Für mich liegt genau da die entscheidende Grenze: Der Unterschied zwischen Individualität und Willkür ist Begründbarkeit. Warum entscheide ich in zwei Situationen, die von außen gleich aussehen, unterschiedlich? Darauf brauche ich eine verdammt gute Antwort.

Und die darf nicht lauten: Weil ich die Person lieber mag. Weil wir uns näher sind. Oder weil jemand einfach lauter gefragt hat. Sie muss in der Person, ihrer Situation, ihrer Leistung oder ihren Bedürfnissen liegen.

Wann dasselbe für alle gelten muss

Gleichzeitig gibt es Dinge, bei denen für mich dieselben Maßstäbe gelten: Respekt, klare Erwartungen, transparente Kriterien und Konsequenzen. Individualität darf niemals die hübschere Bezeichnung für zweierlei Maß sein. Aber darüber hinaus darf Führung unterschiedlich sein. Ich glaube inzwischen sogar: Sie muss es.

Würde mein früheres Ich manche meiner Entscheidungen heute trotzdem unfair finden? Ziemlich sicher. Und vielleicht ist genau das die unbequeme Wahrheit über faire Führung: Sie sieht nicht immer fair aus.

Portrait

Irina Ferreira Guimarães

Head of People & Culture bei SNOCKS

Irina Ferreira Guimarães ist Head of People & Culture bei der SNOCKS Group. Ihr Ziel: „eine Arbeitswelt, die menschlicher ist – und bereit für die Zukunft“. Wie diese Arbeitswelt konkret aussehen kann, darüber spricht sie auch auf Bühnen als Speakerin sowie auf Linkedin.

Foto: Julien Dörr