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Südtiroler Gipfelstürmerinnen: Enge Täler, große Ideen

Man könnte meinen, ein Tal ist ein Tal ist ein Tal. Steil, eng und gelegentlich ein Bach in der Mitte. Doch zwischen den Südtiroler Hängen findet man eine ungewöhnlich hohe Dichte an Frauen, die aus der geografischen Enge unternehmerische Weite machen. Sie gründen Unternehmen, führen Familienbetriebe weiter, bringen Menschen zusammen. Und denken dabei immer wieder über vermeintliche Grenzen hinaus. 

Südtiroler Gipfelstürmerinnen: Enge Täler, große Ideen
Foto: Tobias Kaser

Südtirol hat gut eine halbe Million Einwohner:innen, zwölf Wochen Sommerferien und Kindergärten, die oft schon am frühen Nachmittag dichtmachen. Kein ideales Startpaket für Gründerinnen. Die Wege in der Stadt sind kurz, die Distanzen am Land weitläufiger, man läuft sich beim Bäcker oder bei Events über den Weg oder hat gemeinsame Bekannte. „Man kennt sich relativ schnell“, sagt Kathrin Pichler, Präsidentin des Frauennetzwerks Wnet und seit vielen Jahren Beobachterin der Südtiroler Gründerinnenszene. Kennen heißt noch nicht vertrauen. Aber es ist, unternehmerisch betrachtet, ein guter Anfang.

Von der Idee zur Gründung

Dass sich Türen öffnen, daran arbeiten die Handelskammer Bozen, Verbände, der NOI Techpark, Bildungshäuser, private Initiativen und die Unternehmerinnen selbst. Pichler beobachtet noch einen weiteren Anreiz, der vom Staat gesetzt wurde und zur Gründung anregt: Das vereinfachte „Sistema forfettario", eine Pauschalbesteuerung für kleine Umsätze, senkt die Hemmschwelle, sich überhaupt eine Mehrwertsteuernummer zuzulegen. Das allein ist, wie Pichler einräumt, allerdings noch kein Geschäftsmodell. Wer gründet, muss auf Dauer davon leben und für später vorsorgen können.


Und dann ist da die Sache mit den Kindern. Zwölf Wochen Sommerferien lassen sich nicht wegvernetzen; ein Kindergarten, der am frühen Nachmittag schließt, auch nicht. Ob eine gute Idee wachsen kann, hängt auch davon ab, wer nachmittags Zeit hat. „Familien sind hier oft noch auf sich allein gestellt", bringt es Pichler auf den Punkt. Eine Debatte, die natürlich emotional stark aufgeladen ist.

NOI Techpark Bozen, Foto: Ivo Corrà

Frauen an der Spitze, lokal und ganz oben

Wie unterschiedlich neue Ideen aussehen, zeigt ein Blick auf vier Frauen: Eva Haller entwickelt mit Hafena einen Bio-Haferdrink im Umfeld einer traditionellen Molkerei. Verena Mittelberger macht mit Vemi.fem die Menstruation zum Ausgangspunkt einer Gründung. Und Pia Maria Zottl bringt als Leiterin des Start-up Incubators im NOI Techpark Menschen, Wissen und Unternehmen zusammen.

Auch jenseits der Landesgrenzen übernehmen Südtirolerinnen Führungsverantwortung: Evelyn Palla steht an der Spitze der Deutschen Bahn; Katharina von Tschurtschenthaler soll im Januar 2027 die Leitung des ARD-Studios Tokio übernehmen.

Das Netzwerk als Klettergurt

Ein Erfolgsrezept für Südtirolerinnen sind ihrer Meinung nach Netzwerke. Das Netzwerk Wnet besteht seit 20 Jahren und hat nach Pichlers Beobachtung zuletzt deutlich Mitglieder gewonnen. Der Weg zum ersten Netzwerktreffen dauert bei vielen Frauen trotzdem länger. „Für viele Frauen ist das bewusste Netzwerken neu und sie trauen sich vielleicht nicht oder nehmen sich nicht bewusst Zeit dafür", so Pichler trocken. Doch wer einmal die Energie im Netzwerk gespürt hat, bleibt meist dabei und nutzt es ganz pragmatisch: „Kennt jemand jemanden, der…?"

Pichler verweist auf mehr als 70 Organisationen, die sich in Südtirol für Chancengleichheit einsetzen. Die Initiative WEquality will sie vernetzen, damit am Ende eine Stimme bei der Politik ankommt statt siebzig einzelne.

20 Jahr Feier Wnet, Foto: Anja Senoner

Loslassen ist auch eine Frage der Haltung

Ein Thema zieht sich durch fast jedes Südtiroler Familienunternehmen: die Übergabe. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, und in Handwerk wie Handel übernehmen zunehmend Frauen das Ruder. Nicht immer reibungslos, wie Pichler beobachtet. „Nur wer hart arbeitet, ist etwas wert" sitzt tief in der Südtiroler DNA, und Loslassen fällt entsprechend schwer. Doch mit dem Staffelstab sollte auch die Erlaubnis wechseln, Dinge anders zu machen.

Denn die nächste Generation muss eine unbequeme Frage beantworten: Mit welchem Produkt lässt sich in 30 Jahren noch Geld verdienen? Und die Antworten darauf entstehen gerade in kleinen Werkstätten, Küchen und Ateliers zwischen Vinschgau und Pustertal.

Mehr über den Wirtschaftsstandort Südtirol unter www.suedtirol.biz 

Kathrin Pichler

Präsidentin von Wnet

Kathrin Pichler, Präsidentin von Wnet - networking women, dem Netzwerk von Frauen aus Wirtschaft, Management und Dienstleistung in Südtirol

Foto: Silvia Basile