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Mit klassischer PR-Arbeit hat der Job heute fast nichts mehr zu tun.

Was macht Marken heute wirklich relevant? Für Karolin Lüders sind es nicht maximale Reichweite oder perfekte Inszenierung, sondern Beziehungen, Vertrauen und echte Wirkung. Im Gespräch erklärt die Geschäftsführerin von Little Stories Everywhere, warum Kooperationen oft an falschen Erwartungen scheitern, kleine Formate an Bedeutung gewinnen und Marken künftig menschlicher kommunizieren müssen.

Mit klassischer PR-Arbeit hat der Job heute fast nichts mehr zu tun.
Foto: Viluz

Du bist PR- und Markenexpertin. Was an Deinem Job heute hat mit klassischer PR fast nichts mehr zu tun?

Ehrlich gesagt: Das meiste. Klassische PR hieß mal Pressemitteilung schreiben, Verteiler abtelefonieren, hoffen, dass jemand druckt. Heute bin ich noch mehr im Dialog mit den Menschen und irgendwie mache ich von allem etwas: Sales, Marketing, PR, Content. Ich kümmere mich heute primär um Beziehungen und Bedürfnisse, nicht nur um Botschaften. It’s a people business!

Du sagst, Dein Job sei nicht mehr Schreiben, sondern zu erkennen, wer wen gerade braucht. Wie muss man sich das vorstellen?

Nicht immer sitzt auf Kundenseite ein großes Marketingteam, das schon alles durchdacht hat, oft sind wir im ersten Schritt eher beratend tätig. Im Dialog muss ich erst herausfinden, was oder wen jemand gerade braucht, bevor es überhaupt um die passenden Outlets geht.

Dazu kommt: Es gibt heute so viele verschiedene Outlets, dass man zwangsläufig crossmedial arbeiten muss. Aber bei all den Kanälen sollte man sich immer wieder dieselbe Frage stellen: Was braucht der Kunde wirklich, und wo sind die Menschen, für die sein Angebot relevant sind?  Manchmal reicht das Vernetzen mit genau der einen richtigen Person im Raum, um die Philosophie der Marke authentisch in die Welt zu tragen.

Auf welches Match zwischen zwei Marken oder Menschen bist Du besonders stolz, und warum?

Auf unser eigenes Match. Ich bin stolz, dass wir als kleine Boutique-Agentur unseren Kunden Santani Wellness Kandy in Sri Lanka gewonnen haben und sich daraus auch eine sehr vertraute und enge Zusammenarbeit entwickelt hat. Der erste Kontakt lief über eine LinkedIn-Nachricht. Und dann haben wir einfach sehr schnell gesprochen und gemerkt, dass wir unheimlich gut zusammenpassen. Santani liegt im Hochland Sri Lankas, auf einer ehemaligen Teeplantage im Regenwald, alleine die Lage ist schon beeindruckend. Das Konzept des Hauses basiert auf der Ayurveda-Tradition, das Ziel ist es immer, dem Gast ein Bewusstsein für ganzheitliche Gesundheit zu vermitteln.

Und woran scheitern Kooperationen zwischen Marken am häufigsten?

An Eitelkeit und an fehlender Ehrlichkeit über das eigentliche Ziel. Viele Marken wollen kooperieren, um sofort gesehen zu werden, und nicht, um etwas gemeinsam zu bewegen. Das merkt man sofort, weil dann jedes Detail wie ein Vertrag verhandelt wird: wer wo genannt wird, wer wann sichtbar ist, anstatt mit Vertrauen und Offenheit in die Partnerschaft zu gehen. Die besten Kooperationen entstehen, wenn beide Seiten bereit sind, etwas von ihrer Kontrolle abzugeben, aber auch, wenn beide wissen, dass sich da eine Verbindung entwickelt, die Zeit braucht.

Du hast Dein Handwerk bei Chopard gelernt, im echten Luxusbereich. Was davon prägt Deine Arbeit bis heute?

Bei Chopard habe ich gelernt, dass es bei wahrem Luxus nie nur um das Produkt selbst geht, sondern um die Sorgfalt, mit der man damit umgeht. Jedes Detail, jede Geste, jedes Gespräch zählt, mit Wertschätzung und Interesse für das Gegenüber. Sich in die Thematik einfühlen ist super wichtig: Stimmt der Ton, stimmt das Timing, fühlt sich das für den Menschen, der es erlebt, richtig an? Am Ende zählt das Gefühl, das entsteht, wenn ich Menschen versuche, für eine Marke zu begeistern.

Man hört ständig, der Luxusbegriff verschiebe sich. Merkst Du das in Deiner Arbeit oder auch im Denken der Marken?

Ja, früher war Luxus etwas, das man nach außen zeigt. Heute ist Luxus etwas, das man spürt und danach bestenfalls mit sich trägt. Marken, die das verstanden haben, reden nicht mehr über die perfekte Ausstattung, sondern über das Gefühl, das sie verkaufen und die Verbindung, die dabei entsteht. Genau da setzen Orte wie Viluz oder Santani an: Keiner der beiden verkauft nur ein Zimmer, sie verkaufen die Möglichkeit, sich selbst wieder zu begegnen. Das ist der neue Luxus. Und er ist womöglich auch schwerer zu inszenieren als ein reines Luxusgut, vielleicht ist es aber auch genau deshalb viel wertvoller.

Reichweite ist kein Erfolgsmaßstab mehr. Was zählt, ist Wirkung auf wenige Menschen.

Karolin Lüders

Was macht heute eine Marke stark, ganz unabhängig vom Produkt?

Eine starke Marke ist authentisch und der Auftritt nach außen widerspricht nicht dem, was innen tatsächlich gelebt wird. Eine Marke so stark zu machen dauert natürlich länger. Aber am Ende ist Authentizität der eigentliche Erfolgsfaktor.

Welche Formate oder Konzepte siehst Du in erfolgreicher Markenkommunikation immer häufiger, also was würdest Du sagen liegt im Trend?

Kleine, geschützte Formate, statt große Bühnen. Ich sehe immer öfter Marken, die lieber zehn Menschen wirklich erreichen, als hunderttausend kurz zu unterhalten, weil genau diese zehn dann zu den glaubwürdigsten Botschaftern werden. Selbstfindungs-Formate, kuratierte Dinnerformate mit Expertentalks, langfristige, authentische Werbepartner. All das liegt im Trend, weil es das Gegenteil von Reichweite um jeden Preis ist. Es ist Tiefe statt Breite, und genau das verlangen die Menschen inzwischen von jeder Marke, mit der sie Zeit verbringen.

Ein großer Teil Deiner Arbeit sind heute Reisen und Retreats. Wie ist ausgerechnet das Dein Feld geworden?

Das kam nicht über eine Strategie, sondern ist uns eigentlich zugeflogen. Ich habe über die Jahre mit Luxuskunden gearbeitet, und irgendwann wurde insbesondere in dem Bereich der Hotellerie Gesundheit und Wohlbefinden zum großen Trend. Einige unserer Kunden haben das schon jahrelang verkörpert, bevor es zum großen Thema wurde. Santani ist dafür ein gutes Beispiel. Die Verbindung zur Natur und zur eigenen Gesundheit ist dort kein Zusatzangebot, sondern das eigentliche Konzept des Ortes. Und zwar schon lange bevor Longevity in Europa ein Trend wurde.

Gibt es ein Projekt, das Dich gerade so fesselt, dass Du abends nicht abschalten kannst?

Im Moment sind es genau die Projekte, in denen Retreat-Formate und echte, transformative Erfahrung zusammenkommen. Ich merke, wie viel Energie in mir entsteht, wenn ich weiß: Hier passiert nachher wirklich etwas mit den Menschen, die dabei waren. Viluz, ein exklusiv mietbares Wellbeing Resort in den Hügeln vor Marbella, ist dafür gerade ein sehr schönes Beispiel: Wir sehen dort Nachfrage von Führungskräften aus internationalen Firmen. In einem maßgeschneiderten Retreat verbinden sich Kollegen nicht an der Hotelbar, sondern bei Aktivitäten, denen sie im gemeinsamen beruflichen Kontext noch nicht begegnet sind. Sie bewegen sich dort ganz natürlich zwischen fokussierter Arbeit, kreativem Denken und Momenten der Reflexion, ergänzt durch Breathwork, Eisbaden, Wandern in der Natur oder gemeinsames Kochen. Das ist noch nicht alltäglich, sondern eine ganz besondere, einzigartige Form des Teambuildings, und genau das finde ich gerade so spannend.

Wenn Du fünf Jahre weiterdenkst: Welche Veränderung(en) siehst Du in der Markenkommunikation?

Ich glaube, wir bewegen uns weg von Reichweite als Erfolgsmaßstab hin zu Wirkung auf wenige Menschen, die dafür umso mehr Vertrauen mitbringen. Gesichter hinter den Marken werden weiterhin immer wichtiger. Menschen werden genau hinschauen, was ist authentisch, was macht die Marke wirklich aus? Marken werden "menschlicher" und weniger "glattpoliert" kommunizieren müssen: ehrlich, offen, verletzlich, aber konsequent und echt in ihrer Haltung. In fünf Jahren wird sich jede kluge Marke fragen: Was verändert sich bei dem Menschen, der mit uns Zeit verbringt? Was tragen wir dazu bei?

Portrait

Karolin Lüders

Geschäftsführerin Little Stories Everywhere

Karolin Lüders ist Inhaberin der Boutique-PR-Agentur Little Stories Everywhere in München und begleitet seit über 20 Jahren Marken in ihrer Kommunikation. Ihr Handwerk hat sie unter anderem im Luxussegment bei Chopard gelernt. Heute betreut sie Marken aus den Bereichen Hotellerie, Wellness und Lifestyle mit strategischer Kommunikation und einem feinen Gespür für die richtigen Töne.

Im Kern ist sie eine People Person, Menschen und ihre Geschichten faszinieren sie, weshalb sie nebenbei mit einem eigenen Podcast experimentiert. Außerdem entwickelt sie gemeinsam mit der Ärztin Dr. Sibylla Krane Female Health Salons für Unternehmen, also Formate, die das Thema Wechseljahre sichtbar und besprechbar machen.

Privat jongliert sie Arbeitsleben und vier Kinder. Diese Balance prägt auch ihre Kommunikationsarbeit, die authentisch, diplomatisch und flexibel ausgerichtet ist.

Foto: Privat