Anne Hünninghaus

Radikaler Richtungswechsel

Unternehmerisch den Neustart wagen: Manchmal ist der Pivot keine Kapitulation, sondern eine kluge Strategie. Zwei Gründerinnen berichten, wie eine Kehrtwende ihr Business wieder zukunftsfähig machte. Doch wie ist es ihnen gelungen, sich von der alten Vision zu verabschieden und auch das Team mitzunehmen?

Radikaler Richtungswechsel
Kurz vor dem Abgrund die Transformation geschafft: Ein Schiffchen wird zum Vogel | Foto: Istock / Wildpixel

Es gibt diese legendäre Szene in der Sitcom „Friends“, die zum Meme wurde: Die Clique versucht, ein schweres Sofa das Treppenhaus hochzuwuchten. „Pivot, Pivot!“, schreit Ross, der das Sofa gekauft hat, immer verzweifelter, als der Punkt gekommen ist, das Möbelstück auf dem Treppenabsatz zu wenden.

Doch die Freund:innen steuern in unterschiedliche Richtungen, der Raum ist zu eng, die Couch kracht in die Tiefe und bricht entzwei. Auch in der Wirtschaft ist der Moment des Kurswechsels ein Drahtseilakt. Manche der berühmtes Unternehmen der Welt mussten schon radikal umsteuern, weil ihre erste Idee nicht funktionierte: Youtube etwa ist als Datingplattform gestartet, doch erst als Videoportal kam der Erfolg.

Der finnische Nokia-Konzern sattelte vom Gummistiefelhersteller zum Mobilfunkpionier um. Ob aus der Not oder aus Weitsicht, Pivots sind heute Alltag. Jüngstes Beispiel: Die deutsche KIHoffnung Aleph Alpha hat sich von der Idee verabschiedet, den übermächtigen US-Sprachmodellen wie ChatGPT und Claude Konkurrenz zu machen. Jetzt entwickelt das Unternehmen spezialisierte KI-Anwendungen für Industrie und Verwaltung, statt am nächsten großen Sprachmodell zu arbeiten.

Pivots können bedeuten, dass Unternehmen auf neue Produkte setzen, völlig andere Erlösquellen erschließen oder eine radikal neue Zielgruppe ansprechen. Die Fragen bleiben aber immer die gleichen: Gibt es überhaupt einen Markt für die neue Idee? Ziehen Investor:innen sowie das Team mit? Und: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Sophie Chung glaubt, dass die meisten ihrer Geldgeber:innen getippt hätten, dass ihr Unternehmenn die Corona-Pandemie nicht überlebt | Foto: Quinomedical

Der richtige Moment für den Kurswechsel, Zögern ist jedenfalls keine gute Idee, findet Sophie Chung (42), Ärztin und Gründerin von Qunomedical. Studien zeigen: Nur rund jedes zehnte Startup hat Erfolg. Und Chung glaubt: „Viele scheitern auch deshalb, weil sie zu starr an ihrer Ursprungsidee festhalten und die Chance zum Pivot verpassen.“

Für sie selbst kam der entscheidende Moment sechs Jahre nach der Gründung, ausgelöst durch die Corona-Pandemie. Bis 2020 war ihr Unternehmen als Marktplatz für Ärzt:innensuche im In- und Ausland positioniert, mit Schwerpunkt auf elektiven Behandlungen wie Schönheitsoperationen oder Haartransplantationen. „Wir waren Anfang 2020 gerade in unserer absoluten Blüte, Umsatz und Mitarbeitendenzahl hatten ihren Höchststand erreicht“, erinnert sich die Gründerin.

Dann brach sich das neue Virus Bahn und der Lockdown brachte das Geschäftsmodell zum Erliegen, denn nicht lebensnotwendige Eingriffe und Reisen waren auf einen Schlag unmöglich.

Sophie Chung reagierte schnell, setzte Teile des 80-köpfigen Teams auf Kurzarbeit und suchte nach neuen Umsatzquellen. Zuerst fiel ihr gar nicht auf, dass die Pandemie, die das alte Geschäftsmodell gerade gekillt hatte, ihr auch das neue servierte. Denn die Nachfrage nach Digitalisierung im Gesundheitssektor stieg massiv. „Immer mehr Ärzte und Krankenhäuser kamen auf uns zu, sie wollten unsere Hilfe bei der Digitalisierung“, erinnert sich Sophie Chung.

Es war der Startschuss für ihren Pivot ins B2B-Geschäft. Die Praxen und Kliniken interessierten sich für die Software Qunosuite, die das Startup für die Patient:innen-Administration und -Kommunikation entwickelt hatte. Mit der soll sich die Patient:innen-Journey verbessern und der Gesundheitsbetrieb Stück für Stück papierfrei werden.

„Es ist, als würde man die Segel austauschen, während man das Schiff durch wilde Wellen steuert.“

Sophie Chung

Kimberly Breuer tüftelte monatelang am Market Fit ihres Unternehmens. Doch erst nach dem Pivot funktionierte das Modell | Foto: Nilo

Ein emotionaler Abschied Auch bei Kimberly Breuer (33),
Psychologin und Gründerin, spielte Corona für den radikalen Kurswechsel eine Rolle, aber anders. Breuer hatte kurz vor der Pandemie Likeminded (heute Nilo) gegründet, eine Plattform für virtuelle psychologische Beratung mit Schwerpunkt auf Gruppensitzungen.

Das Angebot traf den Nerv der Zeit, Corona wirkte in diesem Fall als Katalysator. Plötzlich wurde digitale Therapie in Deutschland zur Selbstverständlichkeit, alle sprachen über mentale Gesundheit.

Kimberly Breuers späterer Pivot
hatte seinen Ursprung woanders: in der mangelnden Zahlungsbereitschaft der Endkund:innen. „Wir haben monatelang am Market Fit getüftelt“, erinnert sie sich. „Doch der Markt war nicht bereit für unser Produkt.“ Nach neun Monaten wurde klar: Das Modell funktioniert so nicht.

Parallel wuchs aber auch hier das Interesse von Unternehmen, die das Angebot für ihre Beschäftigten nutzen wollten. Heute zahlen Arbeitgebermonatliche Beträge dafür, ihren Beschäftigten die Plattform zur Verfügung zu stellen.

Für Breuer und ihr Team war es kein leichter Prozess, sich von ihrer ursprünglichen Idee zu verabschieden, immer wieder fragten sie sich, ob sie auch wirklich alles ausprobiert haben. Doch das Ursprungsmodell loszulassen war die Voraussetzung für den Neustart.

Auch Sophie Chung hat diese Phase zwischen dem alten und dem neuen Geschäftsmodell als hochemotional erlebt. „Zwei Jahre, eine lange Zeit, waren wir während Corona im Überbrückungsmodus. Immer mit dem Hintergedanken, zum alten Business zurückzukehren, sobald sich alles normalisiert hat“, sagt sie. Im Herbst 2022 fiel dann die Entscheidung, dauerhaft im B2B zu bleiben. „Das war, als würde ich mit einer Person Schluss machen.

Doch ich musste mir eingestehen, dass ich so den größten Beitrag für ein besseres Gesundheitssystem leisten kann“, sagt Breuer. Die Vision, Menschen direkt zu helfen, blieb wichtig. Auch wenn ihre Kunden jetzt Krankenhäuser sind, die mit ihren Patient:innen digital besser kommunizieren und effizienter arbeiten. Manchmal muss man sich von geliebten Ideen trennen, damit das große Ganze wieder stimmt. Die Vision bleibt, auch wenn der Weg sich ändert.

Team und Kommunikation: Sind alle an Bord?
Der Pivot betrifft nie nur die Gründer:innen, sondern das gesamte Team. Die Umstellung von B2C auf B2B etwa bedeutet völlig neue Rollen, andere Anforderungen, oft auch einen Kulturwandel. „Repetition is key“, meint Sophie Chung. Die neue Story muss also immer wieder erzählt werden, bis sie im Team ankommt. In ihrem Fall wurden etwa aus Patient:innen Kund:innen, eine ganz andere Perspektive. Der interne Change zog sich über Monate. Auch nach außen braucht es nach einem Pivot ein anderes Narrativ.

Kimberly Breuer rekapituliert: „Rückblickend hätten wir es uns wahrscheinlich leichter gemacht, wenn wir beim Pivot direkt ein komplett neues Branding entwickelt hätten.“ 2024 kam ein neuer Name für Likeminded, bedingt durch die Fusion mit dem einstigen Wettbewerber Nilo.

Durch den Zusammenschluss wurde deutlich, wie sich die unterschiedlichen Erfahrungen der beiden Teams ergänzten. Während Nilo Health von Beginn an stark auf Geschäftskund:innen ausgerichtet war, brachte das ehemalige Likeminded-Team wertvolle Erfahrungen aus dem B2CBereich mit.

Aus beiden Perspektiven konnte ein neues Branding entstehen. Hinzu kommt: Auch Investor:innen müssen überzeugt werden. Gerade für VC-finanzierte Startups wie Qunomedical ist das nächste Fundraising entscheidend. „Mal ganz ehrlich: Die meisten Geldgeber:innen hätten wahrscheinlich getippt, dass wir Corona als Unternehmen überhaupt nicht überleben“, sagt Gründerin Chung. Sie ist überzeugt: „Mit der alten Story wäre das Fundraising nicht erfolgreich gewesen.“ Auch Kimberly Breuer konnte ihre Investor:innen überzeugen, weil sich schnell zeigte, dass viele Unternehmen ihren Angestellten Mental-Health-Angebote zur Verfügung stellen wollten.

Und jetzt wird der Vogel zum Schwan. Manchmal müssen sich Unternehmen neuen Umgebungen anpassen, dann kommt es zum Pivot Foto: Istock / Wildpixel

01 HALTUNG
Ein Pivot sollte möglichst aus einer Position der Stärke erfolgen, nicht nur als Notlösung.

02 TIMING
Timing ist entscheidend. Wer zu lange wartet, riskiert das Überleben des Unternehmens.

03 LOSLASSEN
Emotional loszulassen ist wichtig. Die Bindung an die eigene Idee darf nicht zum Hindernis werden.

04 KOMMUNIKATION
Kommunikation ist alles. Unternehmer:innen müssen ihre Vision reframen und die neue Story intern und extern stetig wiederholen.

Ungeahnte Stolpersteine
Ein Pivot ist in der Regel teuer. Nicht nur finanziell, sondern auch in Bezug auf Ressourcen und Zeit. „Es ist, als würde man die Segel austauschen, während man das Schiff durch wilde Wellen steuert“, sagt Chung.

Die monatliche Cash-Kurve, Umsatzmarge, Profitabilität, Teameffizienz: Alles muss so stabil wie möglich bleiben, während das Geschäftsmodell sich grundlegend wandelt. Heute ist Qunomedical mit 50 Beschäftigten zwar kleiner als vor der Pandemie, aber: „Wir steuern nun auf die Profitabilität zu“, sagt Chung. Kimberly Breuer zieht sich nun operativ aus Nilo zurück, bleibt aber als Shareholderin an Bord. „Ich merke, dass das, was wir aufgebaut haben, nun auf eigenen Beinen steht. Das sehe ich sehr positiv, weil es mir die Möglichkeit gibt, mich auf neue Projekte zu konzentrieren“, sagt Breuer.

Kein Scheitern, sondern oft der einzige Weg zum Erfolg Beide Gründerinnen haben ihren Pivot nicht aus Schwäche oder in letzter Minute vollzogen, sondern in dem Moment, als sie noch selbst gestalten konnten, die Wahl hatten. Der Pivot ist kein Scheitern, sondern oft der einzige Weg zum Erfolg.

Wer rechtzeitig das Steuer herumreißt, kann nicht nur das Unternehmen retten, sondern auch die eigene Vision. Am Ende ist es wie beim Sofa in „Friends“, nur ohne Slapstick: Der Raum mag begrenzt sein und die Richtung anfangs noch unklar. Doch wenn alle mitziehen und das Drehmoment stimmt, kann das Manöver gelingen.