In solchen Momenten hilft es, nicht sofort zu reagieren, sondern kurz bei Dir selbst zu bleiben und wahrzunehmen, was gerade passiert. Ich halte es für sehr gesund, sich das einzugestehen. Nicht, um die andere Person zu bewerten, sondern um Dich selbst besser zu führen. Denn je klarer Dir ist, was Dich triggert, desto weniger steuerst Du Dein Verhalten aus dem Affekt heraus.
Du musst niemanden mögen, um fair führen zu können
Ein Gedanke, der vielen Führungskräften Druck macht, ist der Anspruch, sie müssten alle Menschen mögen, die sie führen. Das halte ich für unrealistisch.
Gute Führung bedeutet für mich aber auch nicht, sich innerlich zurückzuziehen oder auf Distanz zu gehen, sondern bewusst präsent zu bleiben, auch dann, wenn es sich nicht leicht anfühlt. Dein Team darf erwarten, dass Du respektvoll bist, dass Du Feedback gibst und Orientierung schaffst. Es darf nicht erwarten, dass Du Nähe oder Sympathie vorspielst, wo sie nicht da ist.
Führung ist eine Rolle, kein Beliebtheitswettbewerb
Gerade in schwierigen Konstellationen hilft es, die eigene Rolle bewusst in den Vordergrund zu stellen. Weg von der Frage, wie sehr Du jemanden magst, hin zu der Frage, was diese Person braucht, um ihre Aufgabe gut erfüllen zu können. Das schafft innerlich oft mehr Ruhe und macht es leichter, sachlich und klar zu bleiben.
Unausgesprochenes macht es schlimmer
Was solche Situationen häufig verschärft, ist Schweigen. Viele hoffen, dass sich innere Abneigung von selbst legt. In der Realität wird sie meist nur leiser und wirkt unterschwellig weiter.
Ein offenes, gut vorbereitetes Gespräch kann hier entlastend sein. Dabei geht es nicht darum, Sympathie oder Antipathie zu thematisieren, sondern konkrete Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag anzusprechen, etwa
- wiederkehrende Missverständnisse
- irritierende Kommunikationsmuster oder
- Situationen, in denen Erwartungen unklar bleiben.
Wichtig ist dabei, bei konkreten Beobachtungen zu bleiben und die Wirkung zu beschreiben, ohne der anderen Person Absichten zu unterstellen oder sie zu bewerten.
Und manchmal brauchst Du selbst jemanden an Deiner Seite
Es gibt Konstellationen, die trotz aller Klarheit anstrengend bleiben. Wenn Du merkst, dass Dich das Thema dauerhaft beschäftigt oder Dir Energie zieht, dann ist es sinnvoll, selbst Unterstützung zu haben. Ein ehrlicher Austausch, ein Sparring oder ein Coaching helfen, die eigene Haltung zu klären und handlungsfähig zu bleiben.
Am Ende zeigt sich gute Führung für mich nicht dort, wo Zusammenarbeit leicht ist, sondern dort, wo sie innerlich Arbeit macht. Für mich ist das eine der ehrlichsten Prüfungen von Führung, weil sie uns zwingt, Verantwortung nicht an Sympathie zu koppeln. Gerade in diesen Situationen wird spürbar, ob wir präsent bleiben, klar kommunizieren und unsere Rolle ernst nehmen, auch dann, wenn es sich nicht angenehm anfühlt. Wenn das gelingt, entsteht Führung, die nicht auf Nähe angewiesen ist, sondern auf Haltung.