Dr. Maria Bergler

„Du musst niemanden mögen, um fair führen zu können“

Gute Führungskräfte sind anpassungsfähig, reflektiert, nahbar und empathisch, was die Bedürfnisse von Mitarbeitenden angeht. Doch wie gelingt das, wenn man bestimmte Menschen in seinem Team einfach nicht mag? Leadership-Coach Dr. Maria Bergler über ein gar nicht so seltenes Führungsphänomen, über das viele trotzdem ungern sprechen. 

Dr. Maria Bergler
Foto: Anija Schlichenmaier

Lass uns ehrlich sein: Führen fühlt sich deutlich leichter an, wenn wir Menschen mögen. Wenn wir gerne mit ihnen arbeiten, wenn Gespräche fließen, wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen. Und genau deshalb wird es herausfordernd, wenn da jemand ist, bei dem das nicht passiert.

Bevor wir daraus ein Führungsproblem machen, lohnt sich jedoch ein kurzer Stopp: Denn das ist erst einmal nichts Ungewöhnliches. Ich habe noch keine Führungskraft erlebt, die mit jedem Menschen gleich gut konnte. Die Frage ist also nicht, ob uns solche Situationen als Führungskräfte begegnen, sondern wie wir damit umgehen.

Erst einmal kurz bei Dir selbst ankommen

Wenn Du merkst, dass Dir die Zusammenarbeit mit einer Person schwerfällt, ist das kein Zeichen von mangelnder Professionalität. Es ist ein Hinweis darauf, dass hier persönliche Reibung, unterschiedliche Arbeitsstile oder innere Trigger eine Rolle spielen, die Aufmerksamkeit verdienen.

Oft geht es dabei gar nicht um große Konflikte, sondern um Kleinigkeiten: Ein Tonfall. Eine Art, Entscheidungen zu treffen. Ein Verhalten, das Dich innerlich zusammenzucken lässt.

„Ein Gedanke, der vielen Führungskräften Druck macht, ist der Anspruch, sie müssten alle Menschen mögen, die sie führen. Das halte ich für unrealistisch: Du musst niemanden mögen, um fair führen zu können.“

Dr. Maria Bergler

In solchen Momenten hilft es, nicht sofort zu reagieren, sondern kurz bei Dir selbst zu bleiben und wahrzunehmen, was gerade passiert. Ich halte es für sehr gesund, sich das einzugestehen. Nicht, um die andere Person zu bewerten, sondern um Dich selbst besser zu führen. Denn je klarer Dir ist, was Dich triggert, desto weniger steuerst Du Dein Verhalten aus dem Affekt heraus.

Du musst niemanden mögen, um fair führen zu können

Ein Gedanke, der vielen Führungskräften Druck macht, ist der Anspruch, sie müssten alle Menschen mögen, die sie führen. Das halte ich für unrealistisch.

Gute Führung bedeutet für mich aber auch nicht, sich innerlich zurückzuziehen oder auf Distanz zu gehen, sondern bewusst präsent zu bleiben, auch dann, wenn es sich nicht leicht anfühlt. Dein Team darf erwarten, dass Du respektvoll bist, dass Du Feedback gibst und Orientierung schaffst. Es darf nicht erwarten, dass Du Nähe oder Sympathie vorspielst, wo sie nicht da ist.

Führung ist eine Rolle, kein Beliebtheitswettbewerb

Gerade in schwierigen Konstellationen hilft es, die eigene Rolle bewusst in den Vordergrund zu stellen. Weg von der Frage, wie sehr Du jemanden magst, hin zu der Frage, was diese Person braucht, um ihre Aufgabe gut erfüllen zu können. Das schafft innerlich oft mehr Ruhe und macht es leichter, sachlich und klar zu bleiben.

Unausgesprochenes macht es schlimmer

Was solche Situationen häufig verschärft, ist Schweigen. Viele hoffen, dass sich innere Abneigung von selbst legt. In der Realität wird sie meist nur leiser und wirkt unterschwellig weiter.

Ein offenes, gut vorbereitetes Gespräch kann hier entlastend sein. Dabei geht es nicht darum, Sympathie oder Antipathie zu thematisieren, sondern konkrete Beobachtungen aus dem Arbeitsalltag anzusprechen, etwa

  • wiederkehrende Missverständnisse
  • irritierende Kommunikationsmuster oder
  • Situationen, in denen Erwartungen unklar bleiben.

Wichtig ist dabei, bei konkreten Beobachtungen zu bleiben und die Wirkung zu beschreiben, ohne der anderen Person Absichten zu unterstellen oder sie zu bewerten.

Und manchmal brauchst Du selbst jemanden an Deiner Seite

Es gibt Konstellationen, die trotz aller Klarheit anstrengend bleiben. Wenn Du merkst, dass Dich das Thema dauerhaft beschäftigt oder Dir Energie zieht, dann ist es sinnvoll, selbst Unterstützung zu haben. Ein ehrlicher Austausch, ein Sparring oder ein Coaching helfen, die eigene Haltung zu klären und handlungsfähig zu bleiben.

Am Ende zeigt sich gute Führung für mich nicht dort, wo Zusammenarbeit leicht ist, sondern dort, wo sie innerlich Arbeit macht. Für mich ist das eine der ehrlichsten Prüfungen von Führung, weil sie uns zwingt, Verantwortung nicht an Sympathie zu koppeln. Gerade in diesen Situationen wird spürbar, ob wir präsent bleiben, klar kommunizieren und unsere Rolle ernst nehmen, auch dann, wenn es sich nicht angenehm anfühlt. Wenn das gelingt, entsteht Führung, die nicht auf Nähe angewiesen ist, sondern auf Haltung.

Portrait

Dr. Maria Bergler

Executive Coach

Dr. Maria Bergler ist Executive Coach und unterstützt Unternehmer:innen und Führungskräfte bei Herausforderungen rund um die Themen Führung, Selbstmanagement und Kommunikation. Sie ist ausgebildete systematische Coachin und lebt und arbeitet in München.

Foto: Anija Schlichenmaier