Katharina Wolff

ICH KANNTE NICHTS ANDERES ALS DAS LEBEN IN DER SCHWIMMHALLE

Mit 14 Jahren war Franziska van Almsick ein Superstar, mit 16 Weltmeisterin und Weltrekordhalterin. Wonach die meisten ihre ganze Karriere vergeblich streben, hatte sie schon als Teenagerin erreicht. Heute betreibt sie ihre eigene Stiftung, engagiert sich für die Deutsche Sporthilfe und ist Mutter von zwei Kindern. Im großen STRIVE-Cover-Interview spricht sie über den größten Neuanfang ihres Lebens, warum sie den Abschied vom Leistungssport nie bereut hat und warum sie findet, dass uns als Gesellschaft in vielerlei Hinsicht die Balance abhandengekommen ist.

ICH KANNTE NICHTS ANDERES ALS DAS LEBEN IN DER SCHWIMMHALLE
Strike a pose! Das STRIVE Covershooting fand im Nyx Hotel in Mannheim statt. | Fotos: Henning Ross

Deine aktive Schwimmkarriere hast Du vor 21 Jahren beendet,Franziska. War das der einschneidendste Neubeginn Deines Lebens?
Auf jeden Fall. Der Sport war alles für mich. Ich kannte nichts anderes als das Leben in der Schwimmhalle. Daher habe ich den Abschied auch von langer Hand vorbereitet. Erst war das für mich schwer vorstellbar, aber irgendwann habe ich mich sogar mega auf die Zeit danach gefreut. Zum ersten Mal darüber nachgedacht, aufzuhören, habe ich nach der Heim-EM 2002. Das war das persönliche Highlight meiner Karriere.

Du gewannst fünf Goldmedaillen, zweimal in Weltrekord-Zeit.
Man sagt ja eigentlich, man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Außerdem spürte ich, dass ich einfach von allem erschöpft und müde war. Auch davon, immer die Beste sein zu müssen. Ich war mit 14 Jahren das erste Mal bei den Olympischen Spielen. Meine gesamte Pubertät fand in der Öffentlichkeit statt.

Warum hast Du Dich trotzdem fürs Weitermachen entschieden?
Weil irgendwas in mir sagte: Nee, mach noch die zwei Jahre bis zu den nächsten Olympischen Spielen. Und im Nachhinein war das eine sehr weise Entscheidung.

Für jeden Spaß zu haben: STRIVECoverwoman Franziska van Almsick genoss das Fotoshooting | Foto: Henning Ross

Warum? Deine Hoffnung, doch noch Olympia-Gold zu holen, hatte sich auch in Athen nicht erfüllt.
Das stimmt. Aber ich finde, es macht Sinn, dass man sich auf so einschneidende Abschiede gut vorbereitet. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich nicht wegen einer Verletzung aufhören muss oder weil mich irgendwelche Leute nicht mehr sehen wollen, sondern dass es meine eigene Entscheidung bleibt, wann ich gehe. Ich wollte mich bewusst von meiner Karriere verabschieden. Aus diesem Grund hatte ich auch nie Comeback-Gedanken.

Weil Du Dich selbst für ein neues Kapitel entschieden hast?
Ich habe die klare Entscheidung getroffen, dass ich Abschied nehmen und einen Neuanfang will. Das Gefühl, dass ich noch etwas hätte vollenden oder machen wollen, hatte ich nie. Aber ich habe aus dem Abschied auch eine Riesen-Nummer gemacht (lacht). Als ich wusste, dass ich aufhöre, habe ich gesagt: Okay, das ist jetzt der letzte Feiertag, an dem ich mich in die Schwimmhalle schleppe. Das ist das letzte HöhenTrainingslager, das letzte Intervall-Training. Und ich habe mich von allen Menschen um mich herum persönlich verabschiedet. Auch das hat mir den Neuanfang erleichtert. Ich bin zwar Widder, aber auch sehr harmoniebedürftig.

Woher wusstest Du, dass es Zeit für ein neues Kapitel ist?
Ich habe es einfach gespürt. Alle Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus. Früher in der Schule habe ich beim Rechnen oft meinem ersten Gefühl vertraut. Natürlich musste ich die Aufgaben trotzdem lösen, aber ich hatte ein gutes Gespür dafür, ob ein Ergebnis stimmen kann. Generell bin ich ein sehr intuitiver Typ. Ich würde auch nie einen Vertrag mit einer Person schließen, die ich vorher nicht zumindest einmal gesehen und gespürt habe. Da reicht mir auch kein Video-Call, ich bin ein Spürfux.

Wie sah Dein neues Leben dann aus?
Ich hatte keinen Plan und habe in der ersten Zeit einfach in den Moment hineingelebt. Ich habe mir Zeit genommen für Dinge, die ich vorher nie gemacht hatte: Ich bin auf Veranstaltungen gegangen, war bei Preisverleihungen, bin nach Bora Bora in die Südsee gereist und habe eine Reportage für einen TV-Sender gemacht. Das war eine verrückte Zeit. Ich musste erst mal herausfinden, was ich wirklich wollte. Selbst Kleinigkeiten fand ich aufregend. Einfach mal ausschlafen oder auf einen Familiengeburtstag gehen: Wie fühlt sich das an? Das wusste ich nicht. Ich war ja nie zu Hause, selbst an Weihnachten und Silvester war ich meistens unterwegs.

Wenn ich im Urlaub bin, sehne ich mich nach dem Moment, in dem mir Langweilig wird. Dann weiß ich, meine Akkus sind wieder voll. Hattest Du eine ähnliche Sehnsucht?
Oh ja, da sprichst Du mir aus der Seele. Ich empfinde Urlaub erst als Urlaub, wenn mir total langweilig wird. Mein Traumurlaub ist es deswegen, auf die Malediven zu fliegen. Nicht für eine Woche, da wird den meisten ja schon langweilig. Sondern am liebsten für zwei oder drei Wochen. Das habe ich früher öfters gemacht. Wenn mich Leute gefragt haben, was man denn so lange dort mache, habe ich gesagt: Nichts. Genau das ist der Punkt (lacht).

Meist haben wir für den Reset weniger Zeit, wie Du in einer der Schlüsselszenen einer ARD-Doku über Dich. Du versemmelst die Qualifikation und bist eigentlich raus. Dann überlässt Dir Deine Kollegin Dagmar Hase ihren Platz im WM-Finale. Eigentlich wolltest Du nicht mehr antreten, aber dann hast Du doch wieder in den Wettkampfmodus schalten können und gewinnst. Wie gelingt so ein Neuanfang in Sekunden?
Durch den Sport habe ich gelernt, mir selbst zu vertrauen. Ich wusste immer, dass ich mir nicht ins Hemd machen muss, wenn ich gut vorbereitet bin, wenn ich gegessen habe, wenn ich gearbeitet habe. Natürlich kommt es auch auf die Tagesform an. Doch ich hatte vor jedem Rennen das absolute Vertrauen, dass es schon gut werden wird. Das versuche ich heute auch meinen Kindern zu vermitteln.

Den Wert von Selbstvertrauen?
Ja. Klar, wenn ich am Wochenende nur die Füße hochlege, zocke und dann fällt mir am Sonntagabend ein, dass ich am Dienstag eine Physikarbeit schreibe, dann ist das natürlich etwas anderes. Für mich war und ist immer entscheidend: Wenn ich gut vorbereitet bin, hart trainiert habe und mein Training so absolviert habe, wie es geplant war, dann trägt mich dieses Selbstbewusstsein und das Wissen, dass ich alles dafür getan habe. Ich habe in jeder Situation das Beste gegeben und alle Zweifel ausgeblendet. Das war der erste Punkt, der mir bei dem Rennen geholfen hat, das Du ansprichst.

Ehrenamtliches Engagement: Van Almsick investiert ihre Zeit, um Kinder fürs Schwimmen zu begeistern

Was war der zweite Aspekt?
Ich bin ein recht angstfreier Mensch. Und ich akzeptiere die Dinge so, wie sie sind. Das war auch damals so. Ich saß da wie ein Häufchen Elend im Bad meines Hotelzimmers und dachte: Super, jetzt hat die für mich abgesagt, obwohl ich das gar nicht wollte. Aber jetzt muss ich mich zusammenreißen und das Beste daraus machen. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig. Das war schon immer so.

Das erfordert mentale Stärke. Was hilft Dir, in solchen Momenten bei Dir zu bleiben?
Ich versuche, alles um mich auszublenden. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass die meisten Dinge in erster Linie unterbewusst passieren. Gerade bei Menschen, die in manchen Dingen im Zweifel einfach erfolgreicher sind als andere. Über all die Jahre hatte ich großartige Trainingskolleg:innen, die genauso viel trainiert haben wie ich. Und trotzdem musst Du am Ende etwas haben, was sie nicht haben, das Dich ganz nach oben katapultiert. Manchmal sind diese Dinge nicht erklärbar. Zweifel darf man in solchen Momenten nicht zulassen. Sie sind Gift und verhindern Erfolg. Ich habe den Eindruck, dass uns da als Gesellschaft in den letzten Jahren ein bisschen die Balance verloren gegangen ist.

„Ich bin ein sehr angstfreier Mensch. Und ich akzeptiere die Dinge so, wie sie sind."

Fransiska van Almsick

Inwiefern?
Zweifel sind auf Dauer nicht gut, aber Selbstüberschätzung auch nicht. Ich habe den Eindruck, dass sich viele Leute heutzutage selbst viel zu toll finden. Das hat bestimmt mit Social Media und dieser LikeCulture zu tun. Damit kann ich sowieso nichts anfangen. Warum will ich etwas haben, nur weil ich es auf Instagram sehe? Wenn alle die gleiche Tasche haben, will ich erst recht eine andere. Da bin ich eher Rebellin und gerne das Gegenteil.

Inwiefern prägt Dich da Deine Erfahrung mit der Presse? Zuerst warst Du Everybody’s Darling, später wurdest Du böse persönlich angegriffen.
Der Rummel um meine Person hat mich in vielen Momenten überfordert. Schon als mich angeblich alle toll fanden, habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Finden die Dich toll, weil Du so erfolgreich bist, weil Du so schöne Fotos machst und Kohle hast? Oder mögen die Dich um Deinetwillen? Durch diese Zweifel lief es im Training nicht mehr so gut, meine Essstörung kam dazu. Ich habe mich einschüchtern lassen und konnte nicht mehr ausblenden, was über mich gesagt und geschrieben wurde.

Hast Du mit der schlechten Presse dennoch mehr gehadert?
Das kann ich gar nicht sagen. Ich mochte weder die gute noch die schlechte Presse. Bis heute mag ich es nicht, wenn man mir zu viele Komplimente macht. Aber ich mag es genauso wenig, wenn man mir sagt, ich sei zu fett oder meine Haare sähen nicht gut aus. Die Zeit damals hat mich sehr geprägt. Ich würde behaupten, sie ist der Grund, warum ich so schlecht in Social Media bin.

Tatsächlich bist Du nicht sonderlich aktiv auf Linkedin oder Instagram.
Ich lese ab und zu ein paar Nachrichten, aber ich versuche sehr bei mir zu bleiben. Ich will weder lesen, dass ich doof und hässlich bin noch die Traumfrau von irgendjemandem. Ich mag diese Superlative nicht. Ohnehin spreche ich nicht gerne vor Menschenmassen, ich bevorzuge das direkte Gespräch und kleinere Runden.

Apropos Menschenmassen: Brauchen wir aus Deiner Sicht auch als Gesellschaft einen Neuanfang? Gefühlt stecken wir bei vielen Themen seit Langem fest.
Ich glaube schon. In unserer Gesellschaft ist vieles sehr schwarz-weiß geworden. Mir fehlt oft das Zwischendrin. Warum kann man nicht mehr anständig zusammenkommen, jede:r macht Kompromisse und man trifft sich mal wieder in der Mitte? Da sind wir wieder bei der Balance, die ich schon ansprach. Warum muss heute alles in der Eskalation enden? Dass das eine Sackgasse ist, habe ich auch durch den Sport gelernt: Du wirst kein:e Top Athlet:in, weil Du krampfhaft die Kilometer im Wasser runterrockst. Dein Muskel wächst in der Erholung. Und auch einen anderen Zahn würde ich manchen Leuten gerne ziehen.

Mal entspannt die Beine hochlegen oder auf eine Familienfeier gehen: Als aktive Sportlerin kannte Franziska van Almsick keine Pausen

Oh, jetzt bin ich aber gespannt.
Man muss keine Angst vor Fehlern haben. Viele verbinden mit mir nur Siege. Dabei gab es in meiner Karriere viel mehr Niederlagen, die unglaublich wichtig waren für mich. Du lernst nicht an den Erfolgen, sondern dann, wenn Du mit dem Kopf gegen die Wand rennst, wenn Du ausrutschst, auf die Knie fällst, aufstehst und weitermachst. Natürlich kannst Du fehlerfrei durchs Leben marschieren. Das ist aber so, als würdest Du Hopserlauf auf der Stelle machen. Wer keine Fehler macht, kommt auch nicht vorwärts. Deswegen muss ich auch immer so lachen, wenn ich irgendwelche Motivations-Coaches höre. Dann gucke ich die an und denke: Hey, Du bist 24 Jahre alt. Worüber redest Du überhaupt?

Lass uns zu Dir persönlich zurückkommen: Gibt es noch mal einen Neuanfang in Deinem Leben, von dem wir noch nichts wissen?
Ich fange gerade an, mich sehr mit meinem Alter anzufreunden. Ich bin jetzt 47 und fühle mich immer mehr angekommen, klarer im Kopf, weiser, reflektierter. Meine Kinder werden älter und ich glaube, dass gerade noch einmal ein ganz spannendes neues Kapitel beginnt. Das hätte ich bis vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. Ich dachte: Oh Gott, was soll denn jetzt noch kommen? Inzwischen bin ich da sehr zuversichtlich. Ich habe keine klaren Vorstellungen oder Pläne. Aber ich vertraue darauf, dass alles gut wird.

Zur Person

Franziska van Almsick (47) ist in Ost-Berlin geboren und gilt bis heute als die erfolgreichste deutsche Schwimmerin aller Zeiten. Sie war Weltmeisterin, mehrfache Europameisterin und Weltrekordlerin, gewann diverse Silber-und Bronzemedaillen bei Olympia. 2004 beendete sie ihre sportliche Karriere mit 26 Jahren. Seither setzt sie sich für bessere Bedingungen im Spitzen- und Breitensport ein. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrats der Stiftung Deutsche Sporthilfe und Botschafterin verschiedener Charity-Organisationen, darunter ihre eigene Stiftung. Gemeinsam mit der Stadt Heidelberg gründete sie die Initiative „Heidelberger Kids auf Schwimmkurs“. Ihr Ziel: Jedes Kind in Deutschland soll technisch sauber schwimmen können, bevor es die Grundschule verlässt. Almsick hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie in Heidelberg.