Woher wusstest Du, dass es Zeit für ein neues Kapitel ist?
Ich habe es einfach gespürt. Alle Entscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus. Früher in der Schule habe ich beim Rechnen oft meinem ersten Gefühl vertraut. Natürlich musste ich die Aufgaben trotzdem lösen, aber ich hatte ein gutes Gespür dafür, ob ein Ergebnis stimmen kann. Generell bin ich ein sehr intuitiver Typ. Ich würde auch nie einen Vertrag mit einer Person schließen, die ich vorher nicht zumindest einmal gesehen und gespürt habe. Da reicht mir auch kein Video-Call, ich bin ein Spürfux.
Wie sah Dein neues Leben dann aus?
Ich hatte keinen Plan und habe in der ersten Zeit einfach in den Moment hineingelebt. Ich habe mir Zeit genommen für Dinge, die ich vorher nie gemacht hatte: Ich bin auf Veranstaltungen gegangen, war bei Preisverleihungen, bin nach Bora Bora in die Südsee gereist und habe eine Reportage für einen TV-Sender gemacht. Das war eine verrückte Zeit. Ich musste erst mal herausfinden, was ich wirklich wollte. Selbst Kleinigkeiten fand ich aufregend. Einfach mal ausschlafen oder auf einen Familiengeburtstag gehen: Wie fühlt sich das an? Das wusste ich nicht. Ich war ja nie zu Hause, selbst an Weihnachten und Silvester war ich meistens unterwegs.
Wenn ich im Urlaub bin, sehne ich mich nach dem Moment, in dem mir Langweilig wird. Dann weiß ich, meine Akkus sind wieder voll. Hattest Du eine ähnliche Sehnsucht?
Oh ja, da sprichst Du mir aus der Seele. Ich empfinde Urlaub erst als Urlaub, wenn mir total langweilig wird. Mein Traumurlaub ist es deswegen, auf die Malediven zu fliegen. Nicht für eine Woche, da wird den meisten ja schon langweilig. Sondern am liebsten für zwei oder drei Wochen. Das habe ich früher öfters gemacht. Wenn mich Leute gefragt haben, was man denn so lange dort mache, habe ich gesagt: Nichts. Genau das ist der Punkt (lacht).
Meist haben wir für den Reset weniger Zeit, wie Du in einer der Schlüsselszenen einer ARD-Doku über Dich. Du versemmelst die Qualifikation und bist eigentlich raus. Dann überlässt Dir Deine Kollegin Dagmar Hase ihren Platz im WM-Finale. Eigentlich wolltest Du nicht mehr antreten, aber dann hast Du doch wieder in den Wettkampfmodus schalten können und gewinnst. Wie gelingt so ein Neuanfang in Sekunden?
Durch den Sport habe ich gelernt, mir selbst zu vertrauen. Ich wusste immer, dass ich mir nicht ins Hemd machen muss, wenn ich gut vorbereitet bin, wenn ich gegessen habe, wenn ich gearbeitet habe. Natürlich kommt es auch auf die Tagesform an. Doch ich hatte vor jedem Rennen das absolute Vertrauen, dass es schon gut werden wird. Das versuche ich heute auch meinen Kindern zu vermitteln.
Den Wert von Selbstvertrauen?
Ja. Klar, wenn ich am Wochenende nur die Füße hochlege, zocke und dann fällt mir am Sonntagabend ein, dass ich am Dienstag eine Physikarbeit schreibe, dann ist das natürlich etwas anderes. Für mich war und ist immer entscheidend: Wenn ich gut vorbereitet bin, hart trainiert habe und mein Training so absolviert habe, wie es geplant war, dann trägt mich dieses Selbstbewusstsein und das Wissen, dass ich alles dafür getan habe. Ich habe in jeder Situation das Beste gegeben und alle Zweifel ausgeblendet. Das war der erste Punkt, der mir bei dem Rennen geholfen hat, das Du ansprichst.