Die Hoffnung, die bleibt Diese große Mehrheit ist für Welzer eine „Ressource“. Die demokratische Mitte mag erschöpft sein, sich zurückziehen und den Radikalen die Debattenräume überlassen. „Aber sie ist noch da, sie will ihren Beitrag leisten und dreht bisher nicht durch“, sagt er. Genau dort setzt Welzer an, organisiert mit seinem FuturzweiInstitut Begegnungen mit jungen Leuten in strukturschwachen Regionen, will die Menschen wieder miteinander ins Gespräch bringen. Auch Hadija Haruna-Oelker betont, dass man vor allem im Kleinen etwas tun könne. „Zum Beispiel die unterschiedlichen Bedürfnisse eines
Menschen akzeptieren, sich lieber mit dem Kontext dahinter beschäftigen, als sich in sinnlosen Diskussionen über Empfindungen aufzureiben.“ Sie hat jedenfalls noch lange nicht aufgegeben: „Ein wenig Hoffnung ziehe ich aus der Überzeugung, dass gesellschaftliche Bewegungen sich jederzeit verändern und auch ins Positive kippen können“, sagt die Journalistin.
Für Haruna-Oelker ist nicht Harmonie das Herzstück einer lebendigen Demokratie, sondern die Fähigkeit, Protest und Aushandlung auszuhalten, auch wenn das oft unbequem ist.Das wäre dann die Fähigkeit, die Beraterin Christine Steinleitner „Ambiguitätstoleranz“ nennt. Steinleitner glaubt, dass wir sie wieder stärken können, indem wir eine neue Streitkultur schaffen und den Mut finden, digitale Räume aktiv zurückzuerobern. Besonders mit Blick auf Social Media mahnt sie: „Die demokratische Mitte darf die modernen Kommunikationsinstrumente nicht länger den Populist:innen überlassen. Wer nicht lernt, emotional und pointiert zu kommunizieren, wird im digitalen Zeitalter nicht gehört.“ Christine Steinleitner glaubt fest daran, dass es möglich ist, die Gesellschaft wieder in Richtung Fortschritt zu lenken: „Auf jede Bewegung folgt ein Gegenimpuls.“ Sie erwartet deshalb nicht, dass Wirtschaft und Gesellschaft einfach so in die Muster von vor zehn Jahren zurückfallen und dann dabei verharren.
Steinleitner glaubt, dass es Teil des Fortschritts ist, zentrale Werte und Regeln immer wieder neu auszuhandeln, ein Wechsel aus Übertreibung, Rückschlag und Konsolidierung. Zwei Schritte vor, einen zurück. Aber am Ende geht es eben doch immer ein Stück nach vorne. Hoffnung macht Christine Steinleitner vor allem die junge Generation. Sie beobachtet, dass viele unter 30-Jährige therapieerfahrener und psychologisch geschulter sind als frühere Jahrgänge. Und damit besser gewappnet, sich nicht von Polarisierung vereinnahmen zu lassen. Hinzu kommt: Aktuelle Zahlen der US-Analysefirma GWI zeigen, dass die Social-Media-Nutzung bei jungen Menschen stagniert. Vielleicht ist das ein erstes, zartes Signal, dass die Rolle sozialer Medien als Brandbeschleuniger gesellschaftlicher Spaltung allmählich an Einfluss verliert und mit ihr die Extreme leiser werden könnten.
SO VIEL ZU DEN SOZIALEN Kulturkämpfen. Ob die sich immer weiter aufheizende Atmosphäre der Erde warten kann, bis die Gesellschaft ihre Haltung zum Klimawandel neu ausgehandelt hat, ist derweil fraglich. Es könnte früher als gedacht der Kipppunkt kommen, an dem niemand mehr die negativen Folgen der Klimaerwärmung ignorieren kann, weil Fluten, Stürme und Dürren unvorstellbare Schäden anrichten.
Dann spätestens werden Volkswirtschaften weltweit gegensteuern, weil sie dazu gezwungen sind, sagt Umweltökonomin Claudia Kemfert. Es wäre nicht Transformation by Design, sondern Transformation by Disaster, und die wird erheblich teurer, weil es dann ganz schnell gehen muss. „Der Druck durch Klimaschäden und Märkte wächst“, sagt Kemfert. „Aber wir sollten nicht auf Katastrophen warten.“ Auch sie bleibt verhalten optimistisch: „Es ist nie zu spät, Schäden zu mindern. Jede vermiedene Emission reduziert Risiken und Kosten für künftige Generationen.“
Im Zweifel treiben Unternehmer:innen die Transformation im Stillen und allein voran, weil sie nicht wollen, dass andere das Geschäft ohne sie machen. Und so ist der große Backlash, der sich gerade so dramatisch anfühlt, am Ende vielleicht nur ein Schritt zurück, nachdem die Gesellschaft drei Schritte auf einmal gemacht hat und ins Stolpern geraten ist. Dennoch bewegt sie sich nach vorn.