Anne Hünninghaus und David Selbach

Alles auf Anfang

Wir erleben gerade einen massiven Backlash: Ob Klimatransformation oder Diversity, die Fortschritte der vergangenen zehn Jahre werden abgewickelt. Die Trumps dieser Welt haben es dabei erstaunlich leicht, an viele Stellen gesellschaftliche und wirtschaftliche Errungenschaften rückgängig zu machen. Warum ist das so? Und gibt es eine Chance, dass sich der Wind bald wieder dreht?

Alles auf Anfang
Stehen wir tatsächlich wieder auf Start und müssen für vieles, was als selbstverständlich galt, von Neuem kämpfen. | Artwork: HANDRUSH SUPPLY

Möglichst bunt und möglichst nachhaltig?
Diese Zeiten sind in der Wirtschaft offenbar vorbei. Seit US-Präsident Donald Trump (79) wieder das mächtigste Amt der Welt bekleidet, knicken Unternehmen, die noch vor Regenbogenflaggen hissten und ihr Headquarter mit Solarpanels schmückten, reihenweise ein: Im Januar 2025 haben Meta, Amazon, McDonald’s, Walmart und Ford ihre DEI-Programme (Diversity, Equity, Inclusion) massiv zurückgefahren, oft auch diesseits des Atlantiks. Finanzriesen wie Blackrock ziehen sich gleichzeitig aus Klimabündnissen zurück. BP, HSBC und Pepsi schwächen ihre Maßnahmen zur CO₂-Reduktion ab. Mit spürbaren Folgen: Die Unternehmensberatung Accenture hat ermittelt, dass Stand jetzt wohl nur 16 Prozent der weltweit größten Unternehmen ihre Netto-Null-Ziele für 2050 erreichen werden.

Ja, es gibt daran viel Kritik, gerade in Europa und Deutschland, doch der Arm der US-Regierung reicht weit. Weil sie Diversity für linksradikales, „wokes“ Teufelszeug hält, hat der deutsche Softwarekonzern SAP Anfang vergangenen Jahres seine Bemühungen um Vielfalt und Frauenförderung offiziell gecancelt. Ein internationaler Konzern müsse eben die gesetzlichen Vorgaben in vielen verschiedenen Ländern einhalten, erklärte Vorstandschef Christian Klein (45) bei der Hauptversammlung. Und wenn die Regierung in einem der wichtigsten Märkte der Welt Druck macht, dann „gerät die persönliche Sichtweise in den Hintergrund“, sagte Christian Klein. Doch es ist nicht nur Trump.

Die gesellschaftliche Stimmung driftet auch in Deutschland nach rechts, das zeigen nicht nur AfD-Wahlerfolge, sondern Studien wie das Vielfaltsbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung: Demnach sind die Deutschen heute deutlich weniger tolerant als noch 2019, besonders gegenüber ethnischer und religiöser Vielfalt.

Was ist da los? Bewegen wir uns zurück in eine Neuauflage der vermeintlich glorreichen Achtzigerjahre, als Männer noch Männer sein durften und Klimaschutz nur Thema einiger „spinnerter“ Ökos war? Und das nach mehr als einer Dekade, in der sich die Progressiven für beinahe unaufhaltsam hielten?

Christine Steinleitner ist Expertin für Beziehungskompetenz. Menschlich miteinander umzugehen sei heute der einzige Weg, um nicht alle Brücken zueinander abzubrechen | Foto: Matthias Müller

Christine Steinleitner (41), Beraterin, Coach und Autorin, seziert den gesellschaftlichen Backlash aus psychologischer Sicht. Widerstand gegen Wandel, sagt sie, sei selten eine rationale Entscheidung, sondern ein emotionaler Reflex: „Er ist eine unbewusst ablaufende Selbstschutzstrategie, oft ausgelöst von Angst und Kontrollverlust.“ Wer Angst hat, der verliert die sogenannte Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Widerspruch und Vieldeutigkeit auszuhalten. Unsicherheit führt zu Abwehr oder Rückzug.

DIE MENSCHEN HABEN keine Geduld mehr, sich mit Veränderungen zu beschäftigen. Das hat einmal schlicht damit zu tun, dass die Zeiten hart sind. Seit der Corona Pandemie und dem Kriegsausbruch in Europa finden sich viele Bürger:innen in einer Dauerschleife der politischen und ökonomischen Krisen wieder. Die gesellschaftliche Mitte fürchtet, dass ihre Lebensweise in Gefahr sein könnte. Also sucht sie nach Schuldigen, und wenn es „Klimaideolog:innen“ sind, die ihr vorschreiben wollen, auf Fleisch zu verzichten und die Flugreise abzusagen. Gleichstellung und Diversität werden dabei als Nullsummenspiel empfunden.

Wenn etwa mehr Frauen Führungspositionen übernehmen oder Minderheiten sichtbarer werden, erleben manche das nicht als Fortschritt für alle. Im Gegenteil: Einige Männer oder Angehörige der weißen Mehrheit bekommen dann das Gefühl, in der gesellschaftlichen Hackordnung abzurutschen. „Wenn die einen gewinnen, glauben die anderen, sie verlieren. Das erklärt die Heftigkeit der Debatten“, sagt Steinleitner. „Sich im Gegenzug über alte weiße Männer‘ lustig zu machen vertieft die Gräben dann aber nur noch mehr.“

„ Das sind die Muster, die wir gesellschaftlich beobachten: erst Polarisierung, dann Rückzug, am Ende geht die Streitkultur verloren.“

Christine Steinleitner, Beraterin, Coach und Autorin

Siegeszug des Narzissmus
In diesem Klima werden populistische Begriffe mitunter zu Abwehrinstrumenten. Der Begriff „Wokeness“ etwa stand in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung mal schlicht dafür, wachsam zu sein, ob jemand andere diskriminierte. Heute ist „woke“ ein Schimpfwort.

Auch „Ideologie“, egal ob im Kontext von Gendern oder Klimaschutz, wird immer öfter zum Totschlagargument. Es genügt zu behaupten, dass etwas „ideologisch“ sei, und die Diskussion ist am Ende. So verhalten sich übrigens Narzisst:innen. Sie stellen ihre eigene Position als unantastbar dar, werten ihr Gegenüber ab, geben möglichst nicht zu, dass sie sich geirrt haben könnten oder etwas nicht wissen.

SIND WIR ALSO alle narzisstisch geworden? Populisten wie US-Präsident Donald Trump bedienen zumindest entsprechende Muster, beobachtet Steinleitner. Sie stutzen sich komplexe Themen zu einfachen Schablonen zurecht, die dann unwidersprochen zu bleiben haben, sonst schreien sie„Zensur!“, oder wieder: „Ideologie!“ Mit emotional aufgeladenen, zugespitzten Botschaften bespielen sie Social Media, erreichen Millionen.

Wenn AfD-Chefin Alice Weidel(46) in Aussicht stellt, eine „Remigration“ eingewanderter Menschen würde die Finanzierungsprobleme der Sozialkassen lösen, erhält sie dafür Hunderttausende Likes. „Populist:innen liefern die einfachen Antworten, nach denen sich viele sehnen“, sagt Christine Steinleitner. „Auch wenn sie völlig konstruiert sind.“Die demokratische Mitte hingegen bleibt digital meist blass und überlässt das Feld den Lauten. „Das sind die Muster, die wir gesellschaftlich beobachten: erst Polarisierung, dann Rückzug, am Ende geht die Streitkultur verloren. Ich sehe sie in Unternehmen und privaten Beziehungen“, sagt Steinleitner. „Davon müssen wir weg.“

Sie beschreibt diesen Teufelskreis in ihrem Buch „Das Geheimnis moderner Führung“. Steinleitners vielleicht wichtigste Erkenntnis: „Wir überschätzen, was rationale Argumente in Debatten bewirken.“ Ein eingefleischter Trump-Fan wird sich kaum durch Studien davon überzeugen lassen, wie verheerend der Klimawandel wirkt. Das einzige, mit dem wir verhindern können, alle Brücken zueinander abzubrechen, ist, weiter menschlich miteinander umzugehen. „Wirkliche Veränderung entsteht durch Dialog, Selbstreflexion und den Mut, sich wirklich auf den anderen einzulassen“, sagt die Expertin für Beziehungskompetenz.

„Die demokratische Mitte ist noch da, sie will ihren Beitrag leisten und dreht bisher nicht durch.“

Harald Welzer, Sozialpsychologe

Genderverbote in Bayern, die Bremsung bei der Klimawende: Der Sozialpsychologe Harald Welzer beobachtet in Deutschland einen kulturellen wie politischen Backlash | Foto: Magdalena Türtscher

AUCH DER SOZIALPSYCHOLOGE Harald Welzer (67), Direktor des Berliner Thinktanks Futurzwei, beobachtet einen kulturellen und politischen Backlash. Dass dieser gerade mit derartiger Macht und Geschwindigkeit über uns hereinbricht, liegt aus seiner Sicht daran, dass es Regierungen sind, die gesellschaftliche Fortschritte rückabwickeln. In den USA sowieso, aber in abgemilderter Form auch in Deutschland: mit Genderverboten wie in Bayern oder indem die schwarz-rote Bundesregierung die Klimawende bremst. „Zivile Gruppen stoßen Modernisierung an und geben neue Impulse“, sagt Harald Welzer. „Wirksam wird all das dann durch den staatlichen Rahmen. Und der geht gerade verloren.“

Gerade die Deutschen haben inmitten der aktuellen Unsicherheiten das Gefühl, dass um sie herum vieles zerfällt, was lange verlässlich zu sein schien. Die Deutsche Bahn mit ihren ständigen Verspätungen und Ausfällen ist aus Welzers Sicht ein Symbol dafür und einer der Gründe für den Erfolg rechter Narrative. „Wenn der Alltag funktioniert und es den Menschen gut geht, dann sind sie liberal“, sagt Welzer. „Dann haben sie nichts gegen Flüchtlinge oder Transsexuelle.“ Nur steige eben seit Jahren die Verunsicherung und der kaputte Bahnsteig wird zum Fanal.

In dieser sensiblen Gemengelage fühlen sich Menschen schnell bevormundet, wenn ihnen die Debatte abverlangt, etwas an ihrer eigenen Sprache, ihrem eigenen Lifestyle zu verändern. „Es gibt eine erschöpfte Mitte, eine Mehrheit, die einfach nur leben und in Ruhe gelassen werden will“, erklärt der amerikanische Journalist Thomas Chatterton Williams (44) die Vorgeschichte des Backlashes im September im Interview mit dem „Zeit Magazin“. „Doch die Debattenräume wurden zunehmend von den Extremen dominiert, den Superprogressiven und den Ultrakonservativen.“ Die große Mehrheit sei aus Unsicherheit oder Angst vor Widerspruch einfach mitgelaufen, habe versucht, bloß nicht anzuecken. Wer sich nicht eindeutig zuordnen ließ oder eine differenzierte Meinung äußerte, riskierte, zum Ziel von Angriffen oder Shitstorms zu werden, von beiden Seiten.

Ist die Wokeness schuld?
Auch Sozialpsychologe Harald Welzer beobachtet, dass die ultraprogressive, woke Bewegung inzwischen vielfach Abwehrreflexe auslöst. „Menschen brauchen Orientierung und wollen sich einer Welt zugehörig fühlen“, sagt Welzer. Wenn schon in Vorabend-Werbespots für Schokoriegel die typische Kleinfamilie aussieht, wie aus einer Diversity-Broschüre, dann denken immer mehr Menschen: „Das sind wir doch gar nicht“, glaubt Welzer.

Zudem, sagt er, sei ein Großteil der gesellschaftlichen Modernisierung, die scheinbar gerade rückabgewickelt wird, bei konservativen Menschen nie wirklich angekommen. „Die haben sich vielleicht gesagt: ‚Okay, das macht man offenbar jetzt so‘, aber sie haben es nie verinnerlicht“, beschreibt Welzer. „Viele freuen sich jetzt sogar, dass so etwas wie das Gendern nun endlich wieder abgeschafft wird.“ Letztlich soll also übertriebene Wokeness schuld sein am Backlash?

"Wer sich in Zeiten der Krise mit der eigenen Biografie, den eigenen Gewissheiten und Privilegien auseinandersetzen soll, macht oft schnell dicht.“

Hadija Haruna-Oelker, Journalistin

Hadija Haruna-Oelker | Foto: Katarina Ivanisevic

Hadija Haruna-Oelker (45) seufzt: „Das ist mir zu einfach.“ Die Journalistin, die für den Hessischen Rundfunk arbeitet, hat gerade gemeinsam mit dem Lyriker Max Czollek (38) ein Buch zum Thema geschrieben: Es heißt „Alles auf Anfang“, was die beiden doppeldeutig meinen. Untertitel: „Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur.“ Darin kommen sie zu dem Schluss, dass die aktuellen Konflikte um Migration, Gleichstellung oder Identitätsfragen keine kurzlebigen Aufreger sind,sondern die Folge jahrzehntelang verschleppter Erinnerungs- und Anerkennungskämpfe.

Dass wir noch gar nicht beim Kern angekommen waren, bei den Strukturen, die Diskriminierung und Ungleichbehandlung verursachen. Und trotzdem „sind die Menschen erschöpft“, sagt Haruna-Oelker. „Wer sich in Zeiten der Krise mit dereigenen Biografie, den eigenen Gewissheiten und Privilegien auseinandersetzen soll, macht oft schnell dicht.“

Dass jetzt so viele Fortschritte im Eiltempo auf null gesetzt werden, das hat sie dann aber doch überrascht. „Das Thema Diversität ist bei uns eben noch längst nicht so verwurzelt gewesen wie etwa in den USA. Viele Unternehmen haben in Deutschland nur Kosmetik betrieben, anstatt wirklich etwas zu verändern.“ Und so reichte ein Sturm, um die zarten Pflänzchen, die sich hierzulande gebildet hatten, wieder herauszureißen. Haruna-Oelker kritisiert dabei auch, dass bei Themen wie Populismus und Backlash oft gerne als Erstes gen USA geschaut wird. „Natürlich kommen viele Trends von dort, im Positiven wie im Negativen“, sagt sie. „Aber wir haben in Deutschland eine eigene leidvolle Gewaltgeschichte, der wir uns stärker widmen sollten. Und auch in Deutschland befinden sich die Rechtsextremen im Aufwind.“

Für Cawa Younosi lautet das entscheidende ökonomische Argument pro Diversity: Der demografische Wandel zwingt Unternehmen, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen aktiv einzubinden, weil sie sonst nicht genügend Arbeitskräfte finden | Foto: Privat

DER BLICK IN DIE USA kann in Sachen Diversity aber sogar einen ersten Hoffnungsschimmer bringen, so paradox das auch erscheint. Cawa Younosi (50), Diversity-Experte und langjähriger Personalchef von SAP, ist inzwischen Geschäftsführer der Charta der Vielfalt, einer Unternehmensinitiative für mehr Diversität und Inklusion. „Es gibt ein paar Konzerne in den USA, die aus opportunistischen Gründen ihre Bemühungen für mehr Diversität und Nachhaltigkeit einstellen“, sagt er.

Doch aus seiner Sicht ist das eher Symbolpolitik der großen Player und viele Unternehmen machen im Hintergrund genauso weiter wie bisher „Nach allem, was ich beobachtet habe, werden dort eher die Abteilungen umbenannt, weil DEI inzwischen nicht mehr opportun ist“, sagt Cawa Younosi.

Doch am Ende könnten es sich gerade die kleineren oder mittelständischen Unternehmen gar nicht leisten, große Teile ihrer Belegschaften zu verprellen. „Diversität ist keine Mode und auch kein Karneval, sondern eine Überlebensfrage für Unternehmen“, sagt Younosi. „Wer Vielfalt verschläft, wird morgen abgehängt.“ Younosi will das Thema zwar nicht auf den reinen ökonomischen Nutzen reduzieren: „Wir haben viel zu lange geglaubt, der Business Case sei das Hauptargument. Echte Veränderung braucht Werte und Haltung.“ Dass ein Team per se erfolgreicher arbeitet, wenn es aus Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds besteht, hält Younosi für eine Verkürzung, die viel zu lange von Unternehmensberatungen verbreitet wurde. Für weiße Männer an der Spitze brauche es ja auch keinen Business Case, fügt Younosi süffisant hinzu.

Das entscheidende ökonomische Argument pro Diversity lautet: Der demografische Wandel zwingt Unternehmen, Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen aktiv einzubinden und auf ihre Bedürfnisse einzugehen, weil sie sonst nicht mehr genügend Arbeitskräfte finden und halten können „Wenn ich in einer Firma arbeite, wo ich weiß, dass man mich sieht und für mich da ist, dann bin ich natürlich ganz anders committed“, sagt der Ex-Personaler.

Und so bleiben viele Unternehmen auch im Kulturkampf dabei, selbst wenn sie sich offiziell von der Diversity verabschiedet haben. Weil Vielfalt ihnen etwas bringt und eben keine Ideologie ist. Als Beispiel nennt Younosi den Chiphersteller Infineon, dessen CEO Jochen Hanebeck (57) sich auch öffentlich politisch äußert und für Vielfalt einsteht.

Hierzulande sieht Cawa Younosi „keine großen Rückschritte“ bei diesem Thema. Trotz gesellschaftlicher Polarisierung wachse die Zahl der Unternehmen in Deutschland sogar, die sich der Charta anschließen und sich damit verpflichten, Diskriminierung am Arbeitsplatz aktiv entgegenzuwirken oder Vielfalt bei Neueinstellungen und Beförderungen systematisch zu berücksichtigen. „Die Hürden sind heute höher als noch vor einigen Jahren: Vielfalt wird häufiger angegriffen, ist kein Konsensthema mehr. Aber gerade deshalb ist es ein starkes Signal, dass sich immer mehr Unternehmen bekennen“, findet Younosi. Der Anti-Woke-Debatte kann er sogar etwas Positives abgewinnen: „Es regt sich nur Widerstand, wo sich
tatsächlich etwas verändert.“

„Die Wirtschaft ist oft weiter als die Politik.“

Claudia Kemfert, Wirtschaftswissenschaftlerin

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am DIW Berlin. Sie meint, dass Unternehmen längst pragmatisch seien und deshalb weiter in Zukunftstechnologien investi | Foto: Oliver Betke

Ein ähnliches Phänomen beobachtet Claudia Kemfert (57) beim Thema Klimawende. „Viele Unternehmen sind längst pragmatisch“, sagt die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Sie wollen verlässliche Rahmenbedingungen und günstigen grünen Strom.“ Deshalb investiert die Wirtschaft weiter in Zukunftstechnologien.

Während es kulturell und politisch wirkt, als stehe Klimaschutz auf verlorenem Posten, könnte 2025 als ein Rekordjahr beim Ausbau erneuerbarer Energien in die Geschichte eingehen. Das gilt sogar für die USA, wo Unternehmen immer schneller Solarparks, Windräder und Batteriespeicher bauen, obwohl die Regierung alles tut, um energiepolitisch das Rad zurückzudrehen. „Die Wirtschaft ist oft weiter als die Politik“, sagt Kemfert. Die gesellschaftliche Stimmung empfindet die Energieökonomin derweil als widersprüchlich. „Auf der einen Seite verschärft sich die Klimakrise, auf der anderen wächst der politische Gegenwind.“ Darin erkennt sie ein Rückzugsgefecht der Vertreter:innen des fossilen Geschäftsmodells, weil sie merken: Die Transformation lässt sich nicht stoppen.

Das Bewusstsein in Gesellschaft und Wirtschaft nimmt trotz allem zu, beobachtet Kemfert. Natürlich brauche die Wirtschaft beim Umbau auf Erneuerbare auch politischen Rückenwind, betont die Ökonomin. Sprich: Wenn Regierungen das Thema Klimatransformation aggressiv ausbremsen, wird die Klimawende zumindest deutlich schwieriger und teurer für den privaten Sektor werden. Und sie wird viel länger dauern.

AUFGEBEN IST ALSO KEINE OPTION. Aber wann und wie kommen wir aus dieser Spirale aus Müdigkeit, Gereiztheit und gesellschaftlicher Polarisierung wieder heraus? Schlägt das Pendel zurück in Richtung Fortschritt? Sozialpsychologe Harald Welzer ist pessimistisch: „So bald nicht, fürchte ich“, sagt er. „Wir haben alle nicht damit gerechnet, dass der Backlash uns derartig überrollt.“ Ob in Frankreich, Italien oder mit der AfD auch in Deutschland: „Die Bataillone, die das amerikanische Modell übernehmen wollen, stehen bereit.“ Andererseits weiß auch Welzer: Bei den jüngsten Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen etwa entschieden sich rund 85 Prozent der Menschen dagegen, radikal zu wählen.

„Diversität ist keine Mode und auch kein Karneval, sondern eine Überlebensfrage für Unternehmen.“

Cawa Younosi, Diversity-Experte

Die Hoffnung, die bleibt Diese große Mehrheit ist für Welzer eine „Ressource“. Die demokratische Mitte mag erschöpft sein, sich zurückziehen und den Radikalen die Debattenräume überlassen. „Aber sie ist noch da, sie will ihren Beitrag leisten und dreht bisher nicht durch“, sagt er. Genau dort setzt Welzer an, organisiert mit seinem FuturzweiInstitut Begegnungen mit jungen Leuten in strukturschwachen Regionen, will die Menschen wieder miteinander ins Gespräch bringen. Auch Hadija Haruna-Oelker betont, dass man vor allem im Kleinen etwas tun könne. „Zum Beispiel die unterschiedlichen Bedürfnisse eines
Menschen akzeptieren, sich lieber mit dem Kontext dahinter beschäftigen, als sich in sinnlosen Diskussionen über Empfindungen aufzureiben.“ Sie hat jedenfalls noch lange nicht aufgegeben: „Ein wenig Hoffnung ziehe ich aus der Überzeugung, dass gesellschaftliche Bewegungen sich jederzeit verändern und auch ins Positive kippen können“, sagt die Journalistin.

Für Haruna-Oelker ist nicht Harmonie das Herzstück einer lebendigen Demokratie, sondern die Fähigkeit, Protest und Aushandlung auszuhalten, auch wenn das oft unbequem ist.Das wäre dann die Fähigkeit, die Beraterin Christine Steinleitner „Ambiguitätstoleranz“ nennt. Steinleitner glaubt, dass wir sie wieder stärken können, indem wir eine neue Streitkultur schaffen und den Mut finden, digitale Räume aktiv zurückzuerobern. Besonders mit Blick auf Social Media mahnt sie: „Die demokratische Mitte darf die modernen Kommunikationsinstrumente nicht länger den Populist:innen überlassen. Wer nicht lernt, emotional und pointiert zu kommunizieren, wird im digitalen Zeitalter nicht gehört.“ Christine Steinleitner glaubt fest daran, dass es möglich ist, die Gesellschaft wieder in Richtung Fortschritt zu lenken: „Auf jede Bewegung folgt ein Gegenimpuls.“ Sie erwartet deshalb nicht, dass Wirtschaft und Gesellschaft einfach so in die Muster von vor zehn Jahren zurückfallen und dann dabei verharren.

Steinleitner glaubt, dass es Teil des Fortschritts ist, zentrale Werte und Regeln immer wieder neu auszuhandeln, ein Wechsel aus Übertreibung, Rückschlag und Konsolidierung. Zwei Schritte vor, einen zurück. Aber am Ende geht es eben doch immer ein Stück nach vorne. Hoffnung macht Christine Steinleitner vor allem die junge Generation. Sie beobachtet, dass viele unter 30-Jährige therapieerfahrener und psychologisch geschulter sind als frühere Jahrgänge. Und damit besser gewappnet, sich nicht von Polarisierung vereinnahmen zu lassen. Hinzu kommt: Aktuelle Zahlen der US-Analysefirma GWI zeigen, dass die Social-Media-Nutzung bei jungen Menschen stagniert. Vielleicht ist das ein erstes, zartes Signal, dass die Rolle sozialer Medien als Brandbeschleuniger gesellschaftlicher Spaltung allmählich an Einfluss verliert und mit ihr die Extreme leiser werden könnten.

SO VIEL ZU DEN SOZIALEN Kulturkämpfen. Ob die sich immer weiter aufheizende Atmosphäre der Erde warten kann, bis die Gesellschaft ihre Haltung zum Klimawandel neu ausgehandelt hat, ist derweil fraglich. Es könnte früher als gedacht der Kipppunkt kommen, an dem niemand mehr die negativen Folgen der Klimaerwärmung ignorieren kann, weil Fluten, Stürme und Dürren unvorstellbare Schäden anrichten.

Dann spätestens werden Volkswirtschaften weltweit gegensteuern, weil sie dazu gezwungen sind, sagt Umweltökonomin Claudia Kemfert. Es wäre nicht Transformation by Design, sondern Transformation by Disaster, und die wird erheblich teurer, weil es dann ganz schnell gehen muss. „Der Druck durch Klimaschäden und Märkte wächst“, sagt Kemfert. „Aber wir sollten nicht auf Katastrophen warten.“ Auch sie bleibt verhalten optimistisch: „Es ist nie zu spät, Schäden zu mindern. Jede vermiedene Emission reduziert Risiken und Kosten für künftige Generationen.“

Im Zweifel treiben Unternehmer:innen die Transformation im Stillen und allein voran, weil sie nicht wollen, dass andere das Geschäft ohne sie machen. Und so ist der große Backlash, der sich gerade so dramatisch anfühlt, am Ende vielleicht nur ein Schritt zurück, nachdem die Gesellschaft drei Schritte auf einmal gemacht hat und ins Stolpern geraten ist. Dennoch bewegt sie sich nach vorn.