Leonie Schüssler

25. März 2024

7 Min. Lesedauer

Female Leader Loneliness: 5 Tipps gegen die Isolation an der Spitze

Gastbeitrag |  Wer an der Spitze eines Unternehmens steht, hat es geschafft. Doch der Erfolg hat eine Schattenseite: Neben hoher Verantwortung lauert am Gipfel die Einsamkeit. Das hat Leonie Schüssler, Strategiechefin und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Creative Company Ogilvy Germany, selbst erfahren. In diesem Gastartikel teilt sie ihre fünf Tipps, wie Female Leaders der Isolation an der Spitze entgegenwirken können.

Female Leader Loneliness: 5 Tipps gegen die Isolation an der Spitze
Female Leader Loneliness: 5 Tipps gegen die Isolation an der Spitze

Es klingt logisch: Je höher wir die Karriereleiter hinaufklettern, desto weniger Kolleg:innen können das Ausmaß der Verantwortung wirklich greifen und mit ihrem Erfahrungsschatz unterstützen. Die meisten Entscheidungen müssen wir eigenständig treffen. Gleichzeitig streben wir danach, Mentor:innen und Rolemodels zu sein, unseren Mitarbeitenden Sicherheit zu vermitteln, den Überblick zu behalten und Geschäftserfolge zu sichern. So gewöhnen wir uns daran, ständig alles, auch uns selbst, zu kontrollieren. Dieser vielschichtige Druck, den eine Führungsrolle mit sich bringt und dem wir uns als Einzelperson aussetzen, kann mit der Zeit einsam machen.

 

In einer Studie von TheLi.st, Berlin Cameron und der Benenson Strategy Group (2023) gaben rund 60 Prozent der weiblichen Führungskräfte an, dass das Gefühl der psychischen Isolation im Laufe ihrer Karriere zugenommen hat. Zudem sagten fast 30 Prozent der Frauen in Top-Positionen, dass sie keine Person in ihrem Umfeld haben, mit der sie über arbeitsbezogene Probleme sprechen können. Die Angst, sich verletzlich zu zeigen, hält viele davon ab, sich Hilfe zu suchen oder offen über Herausforderungen zu reden, was die psychische Isolation noch verstärkt.

Persönlicher Aha-Moment

Als Mitglied der Geschäftsleitung einer großen Kreativagentur kenne ich dieses Gefühl der Einsamkeit. So richtig bewusst wurde mir die Problematik aber erst kürzlich in einem Call mit einem Kollegen. Normalerweise gibt es etwas Konkretes zu besprechen oder eine dringende Angelegenheit zu klären, wenn das Telefon (oder der Laptop) klingelt. Dieses Mal war es anders. Mein Kollege fragte mich, wie es mir geht – und wollte die Antwort hören. Da wurde mir klar, wie selten mir jemand diese Frage stellt. Klingt albern? Für mich war diese Erkenntnis ziemlich erschreckend: Ich realisierte, wie isoliert ich mich fühlte und wie ich mit der Zeit gefühlsmäßig abgestumpft bin. Ich funktionierte einfach und wusste gar nicht mehr, wie es mir wirklich geht. Ich setzte mich mit diesem Gefühl auseinander – und stellte fest, dass ich nicht allein damit bin.

Mit zunehmender Verantwortung lernen wir, uns ständig selbst zu kontrollieren und konstant Stärke zu zeigen. Dieses Verhalten isoliert uns sogar von unserer eigenen Persönlichkeit, denn wir reflektieren unsere Gefühle nicht mehr. Stattdessen trainieren wir uns an, nicht verletzlich zu sein und immer zu funktionieren. Das wirkt sich auch auf unser Privatleben aus: Wir öffnen uns weniger, entfernen uns von geliebten Menschen und bauen unbewusst emotionale Barrieren auf.

Der Anruf meines Kollegen war einer dieser "Aha-Momente", der mich zum Umdenken anregte. Meine Erkenntnisse daraus können hoffentlich auch anderen helfen. Die gute Nachricht: Es gibt Mittel und Wege, der emotionalen Isolation vorzubeugen und ein (Arbeits-)Umfeld mit mehr Verständnis und Unterstützung zu schaffen – unabhängig davon, auf welcher Stufe der Karriereleiter wir stehen.

5 Tipps gegen Female Leader Loneliness

1. Eine gesunde Unternehmenskultur schaffen

Eine gesunde Unternehmenskultur braucht gegenseitige Empathie auf allen (!) Ebenen. Diese notwendige Basis entfällt nicht ab einem bestimmten Titel, denn niemand hat unbegrenzte (emotionale) Kapazitäten. Sich verletzlich zu zeigen und persönliche Grenzen aufzuzeigen, ist kein Zeichen von schlechter Führung oder Schwäche – ganz im Gegenteil. Es schafft eine vertrauensvolle und effektive Zusammenarbeit. Dazu gehört, aktiv Feedback aus dem Team einzufordern, zu reflektieren sowie offen zu kommunizieren, wenn das Gefühlsreservoir aufgebraucht ist.

2. Ehrlich mit sich selbst umgehen

„Ich fühle mich einsam“ – das auszusprechen, kann total befreiend sein. Mit diesem Eingeständnis stellen wir weder unsere Fähigkeiten noch unser Arbeitsumfeld infrage. Nur wer sich selbst reflektiert und ehrlich mit seinen Emotionen umgeht, ist in der Lage, ad hoc zu reagieren, wenn die mentale Belastungsgrenze in Schieflage gerät. Ihr kennt sicher das Beispiel aus dem Flugzeug: Zuerst sollten wir uns selbst helfen, danach unseren Mitreisenden.

 

3. Austausch mit dem Umfeld suchen

Auch das private Umfeld kann dabei helfen, Gefühle der Isolation zu vermindern. Wir neigen zwar dazu zu glauben, dass uns niemand so wirklich verstehen kann, wenn die Person nicht selbst in unseren Schuhen steckt. Doch auch Freund:innen und Familienmitglieder, die ganz andere Tätigkeiten ausüben, können zuhören und im besten Fall neue Perspektiven aufzeigen. Indem wir die Thematik ansprechen, kann unser Gegenüber auch besser einordnen, was in uns vorgeht.

 

4. Mental Load teilen

Emotionale Belastung im Job und zu Hause? Insbesondere Frauen bewältigen neben ihrem Job oft zahlreiche weitere Alltagsaufgaben. Diese Belastung – auch Mental Load genannt – kann sich zusätzlich auf das Stresslevel und das Empfinden von Abgeschiedenheit auswirken und das Gefühl bestärken, funktionieren zu müssen. Daher ist es sinnvoll, in der Beziehung oder Familie offen darüber zu sprechen und die alltägliche Last aufzuteilen.

 

5. Routinen etablieren    

Routinen können helfen, sich mentalen Freiraum zu schaffen und unsere Resilienz zu stärken. Ob Mentoring mit Peers, eine Meditation, ein neues Hobby, feste Slots im Kalender für sich selbst oder der Stammtisch mit anderen (Female) Leader:innen. Es ist nicht nur eine Option, dass wir uns als Leader:innen um uns selbst kümmern, sondern eine Pflicht.

Fazit

Einsamkeit an der Spitze ist ein reales Problem, das weder die Führungskräfte selbst noch ihr Umfeld unterschätzen sollten. Mit diesen fünf Tipps gelingt es hoffentlich, ein wenig Druck herauszunehmen und sich dem Thema bewusst zu stellen. Und vielleicht rufen wir einfach mal wieder jemanden an und fragen, wie es ihr oder ihm geht – und hören bei der Antwort ganz besonders genau hin.

Über die Autorin:

Leonie Schüssler ist Managing Partner Strategy und Mitglied der Geschäftsleitung bei Ogilvy Deutschland. Bereits 2008 hatte sie ihre Karriere bei Ogilvy gestartet und war 2020 zurückgekehrt, um die Leitung des deutschen Strategieteams zu übernehmen. Leonie hat zwei Kosmetikmarken als Intrapreneurin bei cosnova und ihre eigene Marke für nachhaltige Mode im Jahr 2016 gegründet. Die Expertin für Verbraucher:innen- und Zukunftstrends hat eine große Leidenschaft für die Kreation neuer Ideen und Lösungen für globale kulturelle Veränderungen, sich verändernde Rahmenbedingungen und Konsumverhalten. Bei Ogilvy betreut sie diverse renommierte Kunden, ist aktiv im Neukundengeschäft und treibt neben ihrer Rolle als Strategiechefin auch Kulturinitiativen voran.

                             

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