STRIVE-Redaktion

Hochsensibel und Führungskraft: Wie geht das zusammen?

Wer hochsensibel ist, nimmt Reize intensiver wahr als andere Menschen. Das kann gerade im Arbeitskontext schnell zu Überforderung führen, aber auch einen strategischen Vorteil bedeuten, findet Coach und Autorin Chris Gust. Sie ist selbst hochsensibel. Wir haben mir ihr gesprochen.

Hochsensibel und Führungskraft: Wie geht das zusammen?

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie besonders feinfühlig bzw. hochsensibel sind, Frau Gust?

Als ich mich vor einigen Jahren aus meiner Angststörung herausgearbeitet habe, sagte mir meine beste Freundin irgendwann mit einer Selbstverständlichkeit, die ich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht teilen konnte, auf den Kopf zu, dass ich doch hochsensibel sei, wie es im Buche steht. Ich habe mich dagegen gesträubt, weil in mir sofort viele der gängigen Vorurteile aufploppten. Doch gleichzeitig spürte ich, dass ich mich mit dem Thema intensiver auseinandersetzen sollte. Von da an machte auf einmal alles einen Sinn. Vor allem rückblickend erklärte es so vieles in meinem Leben, dass es einem Befreiungsschlag glich.

Haben Sie ein Beispiel? In welchen Situationen merken Sie vor allem im Jobkontext, dass Sie anders fühlen als die meisten?

Netzwerken im herkömmlichen Sinn und Smalltalk sind für mich wirkliche Herausforderungen. Wo andere sofort fröhlich und locker miteinander plaudern, bin ich erst einmal zurückhaltend, weil ich genug damit zu tun habe, die auf mich einprasselnden Reize zu verarbeiten. Viele halten mich deswegen anfänglich für arrogant. Ich habe extrem hohe ethische und moralische Ansprüche an mich und an andere, und kann nicht wie andere mal eben „fünf gerade sein lassen“, nur um eine Situation zu erleichtern, was in unserer Gesellschaft für die meisten ganz normal ist. Außerdem machen mich mein Perfektionismus und mein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn oftmals für andere unbequem. Mittlerweile weiß ich aber, wie hilfreich die richtige Kommunikationsebene dabei ist, und habe einen besseren Umgang für mich und andere mit solchen Situationen gefunden.

„Gerade im beruflichen Kontext merkt man mir oftmals nicht einmal an, dass ich hochsensibel bin, weil ich zur Rampensau mutiere, wenn ich über die Dinge spreche, für die ich brenne.“

Chris Gust

Gibt es Momente, in denen Sie Ihre Sensibilität als besonderen Vorteil empfinden?

Meine Hochsensibilität ermöglicht es mir, alles, was ich tue mit einer Leidenschaft zu machen, die mich erfüllt und beflügelt. Das empfinde ich als großes Geschenk. Darüber hinaus habe ich als Selbstständige den Luxus, mir meine Arbeit größtenteils so gestalten zu können, wie es zu mir und meinen Bedürfnissen passt. Gerade im beruflichen Kontext merkt man mir oftmals nicht einmal an, dass ich hochsensibel bin, weil ich zur Rampensau mutiere, wenn ich über die Dinge spreche, für die ich brenne. Allerdings sorge ich dafür, dass ich nach Veranstaltungen oder Lesungen auch wieder die für mich notwendige Ruhe zum Regenerieren habe.

Dennoch sprachen Sie eben von Vorurteilen, die auch Ihnen begegnen. Was genau erleben Sie, wenn Menschen erfahren, dass Sie hochsensibel sind?

Wir gelten schnell als Dramaqueens oder werden sogar als unsozial eingeordnet, wenn wir uns in Bezug auf das „übliche“ Verhalten, gerade im Zusammenhang mit Gemeinschaftsaktionen von den anderen unterscheiden. Wenn wir um mehr Ruhe oder eine reizärmere Arbeitsumgebung bitten, denken viele, wir würden uns wichtig machen wollen, dabei versuchen Hochsensible meist nur die Rahmenbedingungen für sich so zu gestalten, dass ihr Alltag nicht noch herausfordernder ist, als er es eh schon ist.

Gerade Führungsrollen werden oft mit Multitasking und einer hohen Belastbarkeit assoziiert. Wie gut passen Hochsensibilität und Führungsrollen Ihrer Erfahrung nach zusammen?

Hochsensible Menschen sind nicht schwächer oder weniger durchsetzungsstark, nur weil sie leiser sind. Sie spüren dank ihrer feinen Antennen Stimmungen bei Menschen oder im Team oft frühzeitig, dadurch schaffen sie eine Arbeitsatmosphäre, in der es weniger Konkurrenzgerangel gibt, weil sich Mitarbeiter:innen wirklich gesehen und wohl fühlen. Ihre intensivere Wahrnehmung ermöglicht es ihnen, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und sorgt dafür, dass sie sehr strategisch und lösungsorientiert sind. Hinzu kommt, dass sie sehr hohe ethische und moralische Ansprüche haben, das wirkt sich meist ausgesprochen positiv auf das gesamte Arbeitsklima aus.

Was brauchen hochsensible Menschen, um dieses Potenzial entfalten zu können? Worauf können gerade Führungskräfte achten?

Ganz grundsätzlich wäre die Akzeptanz für unsere unterschiedliche Art zu denken und zu fühlen, eine großartige Basis. Offene Kommunikation im Team kann helfen, dass sich niemand benachteiligt fühlt und außerdem dazu führen, dass sich die Mitarbeiter:innen bei den vermeintlichen Schwächen gegenseitig unterstützen und ihre Stärken gezielt bündeln. Reizarme Umgebungen, eventuell die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, sowie ein respektvoller Umgang mit Entscheidungen, die sich vom allgemein üblichen unterscheiden, wären ebenfalls eine große Erleichterung.

Wenn jemand dieses Interview liest und sich wiedererkennt: Welchen Rat haben Sie für hochsensible Menschen, die sich im Job unverstanden oder überfordert fühlen?

In erster Linie ist es wichtig, dass sie sich selbst über ihre Bedürfnisse bewusstwerden, denn erst dann können sie erkennen, was sie stresst bzw. was vielleicht schon gut für sie passt. Je nach Konstellation empfehle ich oft, das offene Gespräch zu suchen. Dabei ist es wichtig, nicht mit Schuldzuweisungen zu arbeiten, sondern eine Gesprächsebene zu wählen, in der sich niemand angegriffen fühlt. Es geht nie um „besser“ oder „schlechter“, sondern um das grundsätzliche Bewusstsein für unsere Unterschiede. Wenn gar nichts fruchtet und es von der „anderen Seite“ überhaupt keine Offenheit oder Akzeptanz in Bezug auf das Thema gibt, sollte man sich langfristig überlegen, ob ein anderer Arbeitsplatz oder ein Jobwechsel eine bessere Lösung wäre.

Portrait

Chris Gust

Autorin und Coach

Chris Gust ist Autorin und engagiert sich seit Jahren für ein stärkeres Bewusstsein für mentale Gesundheit und Hochsensibilität. Im Frühjahr ist ihr Buch “How we feel: Hochsensible fühlen anders” im mvg-Verlag erschienen.