Gerade Führungsrollen werden oft mit Multitasking und einer hohen Belastbarkeit assoziiert. Wie gut passen Hochsensibilität und Führungsrollen Ihrer Erfahrung nach zusammen?
Hochsensible Menschen sind nicht schwächer oder weniger durchsetzungsstark, nur weil sie leiser sind. Sie spüren dank ihrer feinen Antennen Stimmungen bei Menschen oder im Team oft frühzeitig, dadurch schaffen sie eine Arbeitsatmosphäre, in der es weniger Konkurrenzgerangel gibt, weil sich Mitarbeiter:innen wirklich gesehen und wohl fühlen. Ihre intensivere Wahrnehmung ermöglicht es ihnen, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und sorgt dafür, dass sie sehr strategisch und lösungsorientiert sind. Hinzu kommt, dass sie sehr hohe ethische und moralische Ansprüche haben, das wirkt sich meist ausgesprochen positiv auf das gesamte Arbeitsklima aus.
Was brauchen hochsensible Menschen, um dieses Potenzial entfalten zu können? Worauf können gerade Führungskräfte achten?
Ganz grundsätzlich wäre die Akzeptanz für unsere unterschiedliche Art zu denken und zu fühlen, eine großartige Basis. Offene Kommunikation im Team kann helfen, dass sich niemand benachteiligt fühlt und außerdem dazu führen, dass sich die Mitarbeiter:innen bei den vermeintlichen Schwächen gegenseitig unterstützen und ihre Stärken gezielt bündeln. Reizarme Umgebungen, eventuell die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, sowie ein respektvoller Umgang mit Entscheidungen, die sich vom allgemein üblichen unterscheiden, wären ebenfalls eine große Erleichterung.
Wenn jemand dieses Interview liest und sich wiedererkennt: Welchen Rat haben Sie für hochsensible Menschen, die sich im Job unverstanden oder überfordert fühlen?
In erster Linie ist es wichtig, dass sie sich selbst über ihre Bedürfnisse bewusstwerden, denn erst dann können sie erkennen, was sie stresst bzw. was vielleicht schon gut für sie passt. Je nach Konstellation empfehle ich oft, das offene Gespräch zu suchen. Dabei ist es wichtig, nicht mit Schuldzuweisungen zu arbeiten, sondern eine Gesprächsebene zu wählen, in der sich niemand angegriffen fühlt. Es geht nie um „besser“ oder „schlechter“, sondern um das grundsätzliche Bewusstsein für unsere Unterschiede. Wenn gar nichts fruchtet und es von der „anderen Seite“ überhaupt keine Offenheit oder Akzeptanz in Bezug auf das Thema gibt, sollte man sich langfristig überlegen, ob ein anderer Arbeitsplatz oder ein Jobwechsel eine bessere Lösung wäre.