Gleichzeitig werden dominante Verhaltensweisen in vielen Kontexten weiterhin belohnt, gerade in Führungspositionen.
Horx: Historisch hatte das auch lange seine Berechtigung. In Agrar- und Industriegesellschaften war körperliche Stärke ein Vorteil und damit ein bestimmter Führungsstil. Doch dieser Vorteil verschwindet gerade. Maschinen ersetzen Muskelkraft, aber auch zunehmend Kontrolle und Mikromanagement. Was ich falsch mache, kann mir ein Roboter mittlerweile präziser und schneller sagen als jede Führungskraft. Was bleibt, ist das, was nicht automatisierbar ist: die Fähigkeit zu Kooperation, Empathie, emotionale Intelligenz. In einer von KI geprägten Arbeitswelt werden diese Fähigkeiten zum Wettbewerbsvorteil. Langfristig könnte das sogar zu einer Umkehr des Gender Pay Gap führen.
Wie bitte? Das müssen Sie aber genauer erklären.
Horx: In Großbritannien sieht man bereits, dass sich der Gender Pay Gap beim Berufseinstieg in einigen Bereichen umkehrt. Das hängt mit dem Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft zusammen und damit, dass Frauen höhere Bildungsabschlüsse erreichen. Solche Entwicklungen werden wir auch in Deutschland sehen.
Sie meinen wirklich, wir könnten eine Umkehr der klassischen Rollenbilder in der Arbeitswelt sehen?
Horx: Zumindest teilweise, ja. Die Entwicklung wird nicht linear verlaufen, aber die lange unterschätzten Kompetenzen rücken ins Zentrum. Wenn wir es gleichzeitig nicht schaffen, die abgehängten jungen Männer aktiv wieder zu integrieren, entsteht ein gefährlicher Widerspruch: eine hochkooperative Arbeitswelt auf der einen Seite und eine gar nicht mal so kleine Gruppe, die dafür kaum anschlussfähig ist, auf der anderen.
Wie lautet Ihre Empfehlung als Zukunftsforscher?
Horx: Wir müssen diese jungen Männer aus dem sektenartigen Denken herausholen. Das bedeutet: neue Vorbilder, eine ehrlichere Debatte über Männlichkeit und ganz konkrete Maßnahmen im Umgang mit Social Media. Solange die lautesten und aggressivsten Stimmen die größte Reichweite bekommen, reproduzieren wir genau das Alpha-Ideal, das uns wirtschaftlich und gesellschaftlich längst im Weg steht.