Tristan Horx

„Das Alpha-Ideal steht uns längst im Weg“

Auf Social Media werden sogenannte „Alpha-Männer“ für ihre Stärke und Führungsqualitäten gefeiert. Im STRIVE-Interview erklärt Zukunftsforscher Tristan Horx, warum das nicht nur für die Männer selbst gefährlich ist, wie fehlende Vorbilder die Dynamik verstärken und warum er glaubt, dass sich der Gender Pay Gap drehen könnte.

„Das Alpha-Ideal steht uns längst im Weg“
Foto: Klaus Vyhnalek

STRIVE: Herr Horx, Sie sagen, ein „fundamentales Missverständnis rund um Männlichkeit“ mache immer mehr junge Männer krank. Was genau meinen Sie?

Tristan Horx: Spätestens seit den Debatten um die sogenannte Manosphere sehen wir, dass sich in der jungen Generation ein Männlichkeitsbild etabliert, das stark rückwärtsgerichtet, fast schon biologisch-reduktionistisch ist. Es basiert auf einer einfachen Alpha-Beta-Logik: Die „Alphas" sind dominant, durchsetzungsstark und machen, überspitzt gesagt, alle anderen platt. Die „Betas“ sind unterwürfige Loser. Dieses Bild ist nicht nur falsch, sondern auch unglaublich schädlich für die Harmonie zwischen den Geschlechtern. Gerade weil es so verlockend simplizistisch ist, wird es von einigen Influencern aber aggressiv verbreitet.

Woher kommt dieses Bild?

Horx: Es beruht auf einem Buch des Biologen David Mech aus den 1970er-Jahren zum Rudelverhalten von Wölfen. Das zentrale Missverständnis: Seine Beobachtungen bezogen sich auf Tiere in Gefangenschaft. In freier Wildbahn funktionieren Rudel ganz anders. Da gibt es eher Alpha-Pärchen. Noch dazu gehen die Leittiere hinten und sorgen dafür, dass die Schwachen und Kranken nicht verloren gehen. Es geht also um Kooperation und nicht darum, sich dominant aufzuspielen. Mech selbst versucht, diese Fehlinterpretation seit Jahren zu korrigieren.

Warum verfängt es gerade bei jungen Männern trotzdem so stark?

Horx: Das hat viel damit zu tun, wie wir in den letzten Jahren über Männlichkeit gesprochen haben. Alles, was klassisch männlich assoziiert ist, wurde stark kritisiert, teilweise pathologisiert – oft zu Recht. „Toxische Männlichkeit“ ist ja kein ausgedachtes Problem. Männer sind statistisch gewalttätiger als Frauen, begehen insgesamt mehr Straftaten. Aber durch diese berechtigte Kritik ist eine generelle Aversion gegenüber allem Männlichen entstanden. Und das hat eine Lücke gerissen.

„Wir dürfen nicht naiv sein: Da wächst gerade ein Kohortenblock junger, bildungsmäßig abgehängter Männer heran, der sich zunehmend von Gleichberechtigung und Mehrheitsgesellschaft abwendet. Das hat teilweise sektenartige Züge.”

Tristan Horx

Welche Lücke meinen Sie?

Horx: Vielen jungen Männern fehlen positive Identifikationsfiguren. Früher war der Vater oft das zentrale Vorbild. Heute wachsen viele Kinder ohne Vaterfigur auf. Auch im Bildungssystem gibt es vergleichsweise wenige männliche Bezugspersonen. Gleichzeitig schneiden Jungen in der Schule im Schnitt schlechter ab. Wenn man dann ständig hört, man sei besonders privilegiert, diese Erfahrung aber subjektiv nicht macht, wird man anfällig für radikale Erzählungen. Genau dort docken Figuren wie Andrew Tate mit der stumpfsten, dümmsten und unkooperativsten Form von Männlichkeit an.

Wenn ich daran denke, dass diese jungen Männer irgendwann gesellschaftlich Verantwortung übernehmen werden, finde ich das beunruhigend. Sie auch?

Horx: Absolut, sonst würde ich mich mit dem Thema nicht so intensiv beschäftigen. Studien zeigen, dass etwa 30 Prozent der jungen Männer für solche Ideologien empfänglich sind. Das ist also kein Randphänomen. Wir dürfen nicht naiv sein: Da wächst gerade ein Kohortenblock junger, bildungsmäßig abgehängter Männer heran, der sich zunehmend von Gleichberechtigung und Mehrheitsgesellschaft abwendet. Das hat teilweise sektenartige Züge. Und es ist kein rein europäisches Phänomen: In den USA haben viele junge Männer Donald Trump nicht trotz, sondern wegen seiner chauvinistischen Aussagen gewählt.

Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für das Verhältnis zwischen Männern und Frauen?

Horx: Wir beobachten bereits eine Entkopplung der Geschlechter. Parallel zur Manosphere entsteht gerade auch eine Art „Femosphere“, also ein weiblich geprägtes Gegenmilieu. Die Kontakttheorie zeigt: Je weniger Austausch zwischen Gruppen stattfindet, desto stärker werden Vorurteile. Diese Dynamik sehen wir im Moment.

Klingt verfahren. Wie lässt sich die Dynamik zumindest perspektivisch auflösen?

Horx: Ich gehe davon aus, dass die Politik mit regulatorischen Gegenmaßnahmen reagieren wird. Schon allein wegen der sinkenden Geburtenraten. Eine schrumpfende Gesellschaft ist ökonomisch und politisch unglaublich bedrohlich. Schauen Sie mal nach Japan. Ein mittelfristiger Hebel könnten strengere Regulierungen sozialer Medien für Kinder und Jugendliche sein. So ließe sich der Einfluss verzerrter Vorbilder zumindest begrenzen.

Gleichzeitig werden dominante Verhaltensweisen in vielen Kontexten weiterhin belohnt, gerade in Führungspositionen.

Horx: Historisch hatte das auch lange seine Berechtigung. In Agrar- und Industriegesellschaften war körperliche Stärke ein Vorteil und damit ein bestimmter Führungsstil. Doch dieser Vorteil verschwindet gerade. Maschinen ersetzen Muskelkraft, aber auch zunehmend Kontrolle und Mikromanagement. Was ich falsch mache, kann mir ein Roboter mittlerweile präziser und schneller sagen als jede Führungskraft. Was bleibt, ist das, was nicht automatisierbar ist: die Fähigkeit zu Kooperation, Empathie, emotionale Intelligenz. In einer von KI geprägten Arbeitswelt werden diese Fähigkeiten zum Wettbewerbsvorteil. Langfristig könnte das sogar zu einer Umkehr des Gender Pay Gap führen.

Wie bitte? Das müssen Sie aber genauer erklären.

Horx: In Großbritannien sieht man bereits, dass sich der Gender Pay Gap beim Berufseinstieg in einigen Bereichen umkehrt. Das hängt mit dem Strukturwandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft zusammen und damit, dass Frauen höhere Bildungsabschlüsse erreichen. Solche Entwicklungen werden wir auch in Deutschland sehen.

Sie meinen wirklich, wir könnten eine Umkehr der klassischen Rollenbilder in der Arbeitswelt sehen?

Horx: Zumindest teilweise, ja. Die Entwicklung wird nicht linear verlaufen, aber die lange unterschätzten Kompetenzen rücken ins Zentrum. Wenn wir es gleichzeitig nicht schaffen, die abgehängten jungen Männer aktiv wieder zu integrieren, entsteht ein gefährlicher Widerspruch: eine hochkooperative Arbeitswelt auf der einen Seite und eine gar nicht mal so kleine Gruppe, die dafür kaum anschlussfähig ist, auf der anderen.

Wie lautet Ihre Empfehlung als Zukunftsforscher?

Horx: Wir müssen diese jungen Männer aus dem sektenartigen Denken herausholen. Das bedeutet: neue Vorbilder, eine ehrlichere Debatte über Männlichkeit und ganz konkrete Maßnahmen im Umgang mit Social Media. Solange die lautesten und aggressivsten Stimmen die größte Reichweite bekommen, reproduzieren wir genau das Alpha-Ideal, das uns wirtschaftlich und gesellschaftlich längst im Weg steht.

Portrait

Tristan Horx

Zukunftsforscher und Co-Gründer von The Future:Project

Tristan Horx, Jahrgang 1993, ist Zukunftsforscher und Co-Gründer von The Future:Project. Er hat Kulturanthropologie studiert und ist Dozent für Trend- und Zukunftsforschung. Im Herbst erscheint sein Buch „Die Zukunft der Männer“ im Reclam-Verlag. Horx lebt in Wien und Frankfurt.

Foto: Klaus Vyhnalek