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vor 10 Tagen

12 Min. Lesedauer

Wie bekommen wir mehr Frauen in männerdominierte Berufe?

Elisabeth Falck und Anika Martin haben das Volkswirtschaft-Frauenetzwerk gegründet – ein Raum für Frauen, um sich gegenseitig auszutauschen, zu helfen und zu inspirieren. Ein Ziel der beiden ist es, Mitarbeiterinnen im Zentralbereich Volkswirtschaft für Führungspositionen zu motivieren und die Gleichstellung zu fördern. Wie sie das angegangen sind, erzählen sie im Interview.

Wie bekommen wir mehr Frauen in männerdominierte Berufe?
Wie bekommen wir mehr Frauen in männerdominierte Berufe?

Liebe Elisabeth, liebe Anika, ihr arbeitet beide als Ökonominnen bei der Deutschen Bundesbank. Warum habt ihr Euch dazu entschieden, in einem männerdominierten Bereich zu arbeiten?

Anika Martin: Die Entscheidung kam schon deutlich früher auf – nämlich bei der Studienwahl, beziehungsweise spätestens bei der Spezialisierung auf "klassische" Makroökonomie. Ich hatte immer großes Interesse und Freude daran und das war auf jeden Fall ausschlaggebend für meine Entscheidung. Um die Geschlechterverteilung habe ich mir erstmal gar nicht so viele Gedanken gemacht. 

Elisabeth Falck: Das Interesse an den Fragestellungen war auch bei mir im Vordergrund. Im Studium war bei mir die Geschlechterverteilung zudem noch etwas ausgeglichener. In der Promotion war das anders, insbesondere im Bereich der Makroökonomie. Hier waren in Deutschland zuletzt nur 7% der Professor:innenschaft weiblich.

AM: Ich hatte in den meisten Studienabschnitten das Glück, zumindest ein paar wenige Kommilitoninnen zu haben, die sich für die gleichen Kurse interessiert haben, und Lehrkräfte und Professoren, die einen in diese Richtung ermuntert und mitgerissen haben. Somit war der Grundstein gelegt.

Gibt es auch besondere Herausforderungen?

AM: Definitiv – dem Fußballtalk zu folgen (lacht).

EF: Ich mag Fußball ja, das hilft tatsächlich…

AM: Aber die Klischees beiseite, Frauen werden von Männern teilweise immer noch anders wahrgenommen, als Männer einander wahrnehmen. Es ist oft sehr subtil im Gespräch oder durch Fragen, die man gestellt bekommt.

EF: Mir ist zum Beispiel schon als Dozentin an der Uni oder bei Vorträgen aufgefallen, dass man sich, insbesondere bei männlichen Zuhörern, erstmal einen gewissen Respekt "verdienen" muss. Solche Verhaltensmuster passieren meist unbemerkt. Um darauf aufmerksam zu machen, werden heute ja auch gezielt Fortbildungen zu diesem "unconscious bias" angeboten, auch in der Bundesbank.

Was wäre aus Eurer Sicht hilfreich, um mehr Frauen für die Volkswirtschaft zu begeistern?

AM: Aus meiner persönlichen Erfahrung glaube ich, dass es besonders wichtig ist, bereits im Studium anzusetzen und zu veranschaulichen, wie viel Reichweite volkswirtschaftliche Analysen eigentlich haben.

EF: Sehr viel Einfluss haben auch Vorbilder und Lehrkräfte, die einen mitreißen und unterstützen.

AM: In Zukunft wird es hoffentlich mehr Frauen in Führungspositionen in der VWL geben, sodass diese als Rollenbilder dienen und mehr Frauen anziehen. Dadurch würde sich sicher auch der Umgangston ändern. Dieser ist insbesondere an der Universität im Makro-Bereich manchmal etwas harsch.

 EF: Und natürlich hoffen wir, dass es auch in der Bundesbank in Zukunft mehr weibliche Vorgesetzte im Zentralbereich Volkswirtschaft (Vo) geben wird. Unsere Atmosphäre ist zwar jetzt schon angenehm und wir arbeiten mit den (oft männlichen) Kollegen sehr gerne zusammen. Mehr Diversität würde aber allen guttun.

Ihr habt 2023 das Vo-Frauennetzwerk gegründet. Wie kam es dazu?

EF: Mir lag die Förderung von Frauen schon immer am Herzen. Ich hatte damals im Bachelor-Studium eine Professorin, die mich sehr bestärkt hat. Man darf nicht unterschätzen, wieviel Einfluss Rollenbilder und Netzwerke auf berufliches Weiterkommen haben. Im Oktober 2023 habe ich dann auf der "Her Career" Messe in München einen Vortrag über interne Frauennetzwerke gehört. Daraufhin war die Idee geboren und wir haben von unseren Führungskräften und innerhalb der Bank sofort Rückenwind bekommen.

AM: Ich war von der Idee ganz begeistert! Wir haben miteinander sehr viel über Gleichstellungsthemen gesprochen, insbesondere, als wir beide ziemlich zeitgleich Mütter wurden. Es war für uns eine kleine große Emanzipationsperiode. Ab dem Zeitpunkt wurden mir die gesamte Problematik und vor allem die Folgen der immer noch etwas hinkenden Gleichstellung richtig bewusst – und das nicht nur für Mütter. Für mein eigenes Verständnis meiner Rolle im Beruf und zu Hause hat mir der Austausch mit anderen Frauen sehr geholfen. Somit kam Elisabeths Idee wie gerufen!

Women only?

AM: Auf gar keinen Fall. Wir planen ja keine Machtübernahme! Es ist sehr wichtig, gemeinsam an Gleichstellungsthemen zu arbeiten und wirklich alle ins Boot zu holen.

EF: Viele Themen betreffen ja auch die männlichen Kollegen. Man muss dabei hervorheben, dass in der Bundesbank schon überdurchschnittlich viele männliche Kollegen in Elternzeit gehen und damit beispielsweise das Thema der Vereinbarkeit oft bekannt ist.

AM: Aber auch das Bewusstsein für Problemfelder wie Karriere und Aufstiegschancen oder allgemeine Wahrnehmung von Frauen muss bei beiden Seiten bestehen. Gegenseitiges Verständnis ist essenziell, damit es zu einer Verbesserung kommen kann. Ziel des Vo-Frauennetzwerks ist es, einen Raum zu schaffen, in dem wir im Fokus sind und Vertrauen zueinander aufbauen können, um auch Dinge anzusprechen, die sonst keinen Anklang finden, beziehungsweise von Kollegen nicht immer nachvollzogen werden können.

Was habt ihr für die Zukunft des Netzwerks geplant?

EF: Wir möchten uns diversen Themen widmen. Eins unserer Ziele ist es, Mitarbeiterinnen für Führungspositionen zu motivieren, indem wir zum Beispiel Rollenbilder aktiv aufzeigen. Dazu gehört der Erfahrungsaustausch über Abordnungen in anderen Behörden oder auch Beispiele von Führungs-Tandems zu zeigen.

AM: Aber auch über personalwirtschaftliche Themen wie das Mentoring Programm, frauenspezifische Fortbildungen oder Auswirkungen von Teilzeit und Betreuungszeiten auf das Ruhegehalt wollen wir informieren. Zusätzlich möchten wir uns natürlich auch mit anderen Problemfeldern in männerdominierten Bereichen befassen, wie beispielsweise dem „unconscious bias“ oder einem sicheren Auftreten.

EF: Dazu hoffen wir auch immer wieder, aus der Erfahrung externer Gäst:innen zu lernen. Im Zentrum stehen immer die Vernetzung und der Austausch.

Was habt ihr aus Eurer Arbeit im Netzwerk gelernt?

AM: Dass Bedarf nach einem solchen Raum besteht und viele Kolleginnen sich mehr Vernetzung und Austausch untereinander wünschen. In unserer ersten kleinen Umfrage nach Interessensgebieten und Problemfeldern wurden sehr vielseitige Themen genannt: von Rente und Teilzeitarbeit, Führung ohne Arbeit am Wochenende oder Wissensaustausch zu Flexibilität, Selbstzweifel oder vorlauten Kollegen.

EF: Wir stehen noch am Anfang – haben uns aber über die positiven Rückmeldungen sehr gefreut.

Was würdet ihr Frauen raten, die sich ebenfalls für einen männerdominierten Beruf interessieren?

AM: Ich hätte selbst gerne DAS Geheimrezept! Grundsätzlich ist es für uns Frauen wichtig, dass wir sichtbarer und lauter werden und unsere aktive Rolle selbstverständlicher wird. Dazu müssen wir einerseits selbstbewusster und weniger konfliktscheu werden…

EF: … und verstehen, dass man nicht alles wissen und können muss. Dabei hilft es, authentisch zu bleiben. Männer sind auch nicht immer so kompetent, wie sie vielleicht auf den ersten Blick erscheinen wollen. Deshalb wäre mein Rat an alle Frauen, sich einfach trauen und zu Wort zu melden! Es hilft auch, aktiv auf Kolleginnen zuzugehen und sich zu vernetzen. Dazu ist ein Frauennetzwerk wunderbar geeignet.

AM: Andererseits ist es auch wichtig, sich nicht nur an den Umgang anzupassen, sondern den Umgang selbst zu verändern. Je mehr und je sichtbarer wir sind, umso besser kann das gelingen.

Über die Personen:

Elisabeth Falck ist seit Oktober 2019 in der Abteilung Volkswirtschaft der Deutschen Bundesbank tätig. Inhaltlich widmet sie sich dort insbesondere der Frage, wie sich strukturelle Einflüsse, wie die Digitalisierung oder der demografische Wandel, auf die Volkswirtschaften im Euroraum auswirken. Elisabeth hat an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. im Bereich der Makroökonomie promoviert und bringt umfassende Kenntnisse und Erfahrung in ihre Arbeit ein. Ihre Leidenschaft für volkswirtschaftliche Fragestellungen spiegelt sich in ihrer engagierten Tätigkeit bei der Bundesbank und Publikationen in internationalen Fachzeitschriften wider.

 

Anika Martin ist seit Oktober 2020 in der Abteilung Volkswirtschaft der Deutschen Bundesbank tätig. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit den makroökonomischen Auswirkungen des Klimawandels, insbesondere der Klimapolitik auf die deutsche Wirtschaft. Anika hat an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. im Fachbereich Makroökonomie promoviert und bringt ihre fundierten Kenntnisse in volkswirtschaftlichen Fragestellungen in ihre Arbeit bei der Bundesbank ein. Ihre Expertise trägt dazu bei, ein tiefgreifendes Verständnis für wirtschaftliche Entwicklungen zu fördern.

 

Falls Du Interesse an einem Job bei der Deutschen Bundesbank hast, findest du hier mehr Informationen: https://www.bundesbank.de/de/karriere/jobboerse

 

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