Zu weich fürs C-Level?

Lisa Rosa Bräutigam (nuwo) und Francia Street (reBuy) sind beide im C-Level tätig, seit kurzem kooperieren ihre beiden Unternehmen miteinander. Im Interview teilen sie ihre Sicht auf die Bedeutung von HR- und Marketing-Rollen, und, warum es Frauen ihnen zufolge noch immer schwer haben, in Vorstandspositionen zu kommen.


Francia Street, Chief People Officer von reBuy und Lisa Rosa Bräutigam, Founder & CEO nuwo
Francia Street, Chief People Officer von reBuy und Lisa Rosa Bräutigam, Founder und CEO von nuwo.

Frau Street, Frau Bräutigam, im Vorfeld haben wir über einen Forbes-Artikel gesprochen, in dem steht, dass Frauen deshalb seltener die C-Suite erreichen, weil sie in ihren Jobs häufig weniger Profit and Loss (P&L) Verantwortung haben als Männer. Das läge an weniger Coaching-Optionen und Förderung in diesem Bereich. Sie sind beide selbst in C-Level-Positionen tätig. Würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Street: Der Forbes-Artikel ist für mich sehr widersprüchlich. Warum ist die C-Suite mit einer P&L-Verantwortung verbunden, wenn es die Summe aller Funktionen ist, die das Unternehmen erfolgreich macht? CTOs sind beispielsweise häufig männlich. Was haben sie mit P&L-Verantwortung zu tun? Ich denke, dass Frauen es insofern oft schwerer im Business haben, weil Männer Freundschaften und Partnerschaften miteinander eingehen und Frauen, ob nun absichtlich oder nicht, aus dieser Gleichung häufig ausgeschlossen werden. Ich glaube sogar, dass dieses Ungleichgewicht zur Abwertung bestimmter Funktionen geführt hat, womit wir wieder bei der CTO-Diskussion wären. Als CTO ist man in ebenso einer „unterstützenden“ Funktion wie als CMO oder Chief People Officer.

Bräutigam: Mich hat besagter Artikel wütend gemacht, da er in seiner Analyse veraltete Sichtweisen aufgreift und verfestigt. Zu behaupten, dass Frauen nur deshalb nicht Teil der C-Suite sind, weil es ihnen an Mentor:innen, Coaches und Vorbildern mangelt, verkennt den Kern des Problems und verkürzt die Debatte. Zahlreiche Studien und Berichte über das Problem der „gläsernen Decke“ zeigen, dass es oft ein mehrdimensionales Netz sozialer Sperren mit selektiver Durchlässigkeit ist, das Frauen im Weg steht. Wie Francia bereits gesagt hat: Männer gehen Freund- und Partnerschaften ein, die ihren Karriereweg beflügeln, sie verfügen über das nötige Netzwerk bzw. das soziale Kapital. Interessant ist die Fragestellung, was uns Frauen aus diesem Netzwerk fernhält?


"Frauen wird die nötige Härte und Durchsetzungskraft für C-Level-Positionen per se abgesprochen. Diese veraltete Sicht auf Führung ist ein Problem." – Lisa Rosa Bräutigam

Und, was ist Ihre These?

Bräutigam: Ich glaube, dass häufig noch immer die Ablehnung von Frauen als Führungspersönlichkeiten qua Geschlecht dahintersteckt.

Frauen wird die nötige Härte und Durchsetzungskraft für C-Level-Positionen per se abgesprochen. Diese veraltete Sicht auf Führung ist ein Problem, das es zu erkennen und zu reflektieren gillt. Ausflüchte dafür im Fehlen von P&L-Verantwortung aufgrund mangelnder Coachings zu suchen, verkennt den Ernst der Lage.

Sie haben gesagt, dass Marketing und HR oft als unterstützende Funktionen betrachtet werden. Welche Rolle spielen diese Funktionen Ihnen zufolge für den Unternehmenserfolg?

Street: Es gibt den Spruch „Culture eats strategy for breakfast“ und je weiter ich in meiner Laufbahn gekommen bin, desto stärker glaube ich an diese Aussage.Das soll nicht heißen, dass Strategie nicht wichtig ist. Beide arbeiten Hand in Hand. Aber Kultur kann nicht ignoriert werden und sollte ein Teil der Strategie sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein Unternehmen, das nicht weiß, was es sein will, letztendlich scheitern wird. Ganz gleich, ob dieses Scheitern auf mangelndem internen Zusammenhalt, unterschiedlichen Denkweisen oder einer falsch ausgerichteten Kultur resultiert. Menschen, die kollaborativ zusammenarbeiten und dieselbe Denkweise und dasselbe Ziel verfolgen, erreichen gemeinsam einfach mehr und erfreuen sich auch einer besseren persönlichen Gesundheit und eines besseren Wohlbefindens.

Bräutigam: Dem kann ich nur zustimmen. Kultur und Strategie sind aus meiner Sicht gleichrangige Teile eines Ganzen und bedingen sich gegenseitig. Die kulturelle DNA einer Firma schlägt sich direkt in der Strategie und Vision nieder.

Seit kurzem kooperieren nuwo und reBuy miteinander. Was ist die Vision in Bezug auf Ihre Kooperation?

Street: In unmittelbarer Zukunft wird die Zusammenarbeit mit nuwo Vorteile für die Mitarbeiter:innen von reBuy bringen, da sie mit gesunden, nachhaltigen und stilvollen Möbel für zu Hause ausgestattet werden. Sie werden also in ihrem Zuhause genauso bequem arbeiten können wie im Büro.


"Ich wünsche mir, dass die Arbeitswelt so inklusiv wird, dass wir zurückblicken und sagen können: '...weißt du noch, als Inklusion eine Sache war...'" – Francia Street

Was wünschen Sie sich für die Arbeitswelt in fünf bis zehn Jahren?

Street: Ich wünsche mir, dass sie so inklusiv wird, dass wir zurückblicken und sagen können: „...weißt du noch, als Inklusion eine Sache war...“ und vielleicht sogar darüber lachen können, wie rückständig das war. Das ist mein Wunsch, und ich bin optimistisch, dass wir dieses Ziel erreichen werden. Aber ich bin mir auch bewusst, dass dazu ein Bewusstseins- und Wertewandel erforderlich ist, der in vielen Bereichen stattfinden muss. Dieses Thema müssen wir als Kollektiv anerkennen – und dann in die Umsetzung kommen.



Lisa Rosa Bräutigam ist Gründerin und Chief Executive Officer des Homeoffice as-a-Service Anbieters nuwo. Mit nuwo möchte sie Firmen dabei unterstützen, zu Hause Arbeitsplätze zu schaffen, an denen sich Mitarbeiter:innen wohlfühlen und gesund sind. Lisa Rosa Bräutigam war Lehrerin bevor sie dem Beamtenverhältnis den Rücken kehrte und aktiv den Schritt ins Unternehmertum wagte. Heute arbeitet sie mit Zielstrebigkeit und Passion am Wachstum und der strategischen Weiterentwicklung von nuwo.


Francia Street ist Chief People Officer des Berliner Re-commerce-Unternehmens reBuy. Bei reBuy setzt sie sich mit Leidenschaft und Leistungsbereitschaft für die Schaffung von Arbeitsumfeldern ein, in denen Menschen sich bestmöglich entfalten können und glücklich sind. Francia Street blickt auf eine internationale Karriere im Bereich People and Culture zurück.