Warum ich nicht mehr auf Diversity-Panels sprechen werde

Weltfrauentag | Immer wieder bekomme ich Einladungen, auf Konferenzen über Diversity zu sprechen und Teil von Diversity-Panels zu sein. Klar, liegt im ersten Moment nahe. Zumindest fürs Thema Gender-Diversity. Ich bin eine Frau und habe ein Wirtschaftsmagazin für Frauen gegründet – also ist das genau das Thema, über das ich sprechen sollte, denken offenbar viele. Aber: Einladungen für solche Panels landen bei mir direkt im Papierkorb. Und das hat einen guten Grund.


Katharina Wolff ist die Herausgeberin des STRIVE-Magazines.

Es ist ein typisches Bild auf den meisten Konferenzen: Auf den Bühnen sitzen viele Männer, meistens weiße, und diskutieren eifrig über ihr Fachgebiet. Irgendwo am Rand gibt es dann oft noch eine kleinere Bühne, auf der ein anderes Programm stattfindet. Gefühlt eine andere Welt. Hier wird dann zum Beispiel darüber gesprochen, warum diverse Teams erfolgreicher sind, warum die Wirtschaft mehr Vielfalt braucht und warum das wichtig für uns alle ist. Auf dieser Bühne sieht man sie dann auch: die Frauen, People of Colour und vielleicht ist auch noch jemand aus der LGBTQ-Community mit dabei. Hier dürfen dann auch sie sprechen. Als wären sie, qua Geschlecht, qua Hautfarbe oder Sexualität, die Expert:innen in Sachen Diversität. Auch ich werde häufig gefragt, ob ich an Diversity-Panels teilnehmen will. Meine Antwort lautet dann sehr schnell: Will und werde ich nicht mehr!


Denn ich kriege nicht nur immer wieder solche Einladungen, ich kriege auch regelmäßig die Krise, wenn ich gefragt werde, auf solchen Panels aufzutreten. Vorweg: Natürlich sind Diversity-Panels wichtig und natürlich finde ich das Thema spannend, aber ich bin keine Expertin auf dem Gebiet. Wovon ich ernsthaft etwas verstehe, sind Fragen wie: Wie kann man sein Unternehmen zukunftsfähig aufstellen? Oder wie sieht modernes Leadership aus? Ich bin Gründerin und CEO von vier Unternehmen (meine Holding mit eingerechnet) und da würden einem oder einer Journalist:in ganz andere Fragen einfallen, wenn ich ein Mann wäre.


Wir brauchen Rolemodels!

Da es den meisten Frauen meines Kalibers, die ich kenne, schon mal ähnlich ergangen ist, hier ein paar Zahlen. Sie zeigen, wie groß das Problem wirklich ist: Der „Gender Diversity & Inclusion in Events Report“ von 2018 hat ergeben, dass 70 Prozent der Speaker:innen auf Events weltweit Männer sind, auf deutschen Konferenzen sind sogar nur 16 Prozent Frauen. Eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigt: Es bessert sich etwas, aber langsam. 2019 waren bereits 33 Prozent der Speaker:innen auf Events Frauen.


Wie sich die Sache weiter entwickeln wird, wird sich zeigen, durch die Pandemie sind die Zahlen der vergangenen Jahre unvollständig. Die Open Society Foundation zeichnet ein ähnliches Bild. Sie legt den Fokus auf die wichtigsten politischen Konferenzen in Mittel- und Osteuropa – das Ergebnis: drei von vier Vorträgen wurden von Männern gehalten, besonders unterrepräsentiert waren die Frauen bei den Themen Außen-, Sicherheits- und Klimapolitik. Ähnlich ist es bei Wirtschaftsthemen. Geht es hingegen um Diversity, sind Männer kaum vertreten. Das ist dann also Frauensache.


Das heißt dann, dass da auf den Panels zum Beispiel Ökonominnen sitzen, die erzählen müssen, wie sie als Frau in ihrer Branche klarkommen. Fintech-Gründerinnen sprechen darüber, wie es für Frauen ist, in dieser Branche Geld einzusammeln. Dabei sollten sie doch, wie die Männer auch, darüber reden, was sie wirklich machen. Das würde nicht nur ihren Status zeigen, sondern auch die Konferenzen besser machen. Außerdem brauchen wir Rolemodels, anhand derer andere Frauen sehen können: Auch sie können auf der Bühne stehen.


Also sehen wir hier ein tiefsitzendes systemisches Problem. Die Gatekeeper, die sich um die Besetzung der Panels kümmern, sind in den meisten Fällen Männer. Und die haben meist männlich dominierte Netzwerke, aus denen sie ihre Buddies für Panels besetzen. Exakt wie bei den Vorstandsposten – früher zumindest. Brauchen wir deswegen eine Quote? Vielleicht. Ich wünsche mir jedoch, dass wir nicht jeden Bereich unseres Lebens durchregulieren müssen, um eine Veränderung zu schaffen.


Wir müssen Frauen sichtbar machen!

Das Problem liegt eher darin, dass die meisten Veranstalter:innen keine Zeit – und das heißt keine Lust – haben, sich wirklich mit dem Problem zu befassen. Dabei könnte man locker jedes Panel mit einer Expertin besetzen. Zu sagen, dass es schwer ist, sie zu finden, oder dass es sie gar nicht gäbe, ist schlicht falsch – wir treten mit jeder STRIVE-Ausgabe, in der wir tolle Frauen sichtbar machen und deren Geschichten erzählen, den Gegenbeweis an.


Tijen Onaran, Gründerin von Global Digital Women drückt es mit dem Titel ihres Buches recht gut aus: „Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“. Sie bezieht sich damit zwar in erster Linie auf soziale Medien, auf Panels ist es aber ähnlich. Denn nur wer über seine Themen sprechen darf, wird auch wahrgenommen. Wir müssen die Realitäten anerkennen, dass Frauen es verdient haben, auf denselben Bühnen zu sitzen wie ihre männlichen Kollegen und dass ihre Stimmen als Expertinnen mindestens genauso laut gehört werden müssen. Zu allen Themen, aber vor allem: zu ihren fachlichen Themen. Für die sie Expertinnen sind. Diese Anforderung habe ich in Zukunft an die Event-Veranstalter:innen dieses Landes. Zumindest, wenn sie möchten, dass ich dort spreche.