Von der Kunst, zu investieren

STRIVE+ Rekordsummen bei Versteigerungen von Christie’s und Sotheby’s beflügeln die Fantasie der Anleger:innen: Macht es Sinn, Geld in Kunst zu investieren? Worauf man dabei achten muss – und welche Nachwuchsstars man jetzt kennen sollte.


"Black" von Victoria Pidust

To watch! 5 Künstler:innen, die man jetzt kennen sollte - empfohlen von Mon Müllerschön.


Victoria Pidust (Foto: Luis Bortt)

Tipp Nr. 1: Victoria Pidust

Victoria Pidust (*1992 in Nikopol, Ukraine) Ausbil - dung: Fotografiestudium an der Schule NTUU KPI in Kiew, Visuelle Kommunikation und Malerei an der Weißen - see Kunsthochschule Berlin. Werk: In ihren Arbeiten ver - schwimmen Fotografie und Malerei zu „Hybriden“. Die Bilder sind analog und digital zugleich, z.B. „Black“ (Foto). Ausstellungen: Solo-Show im Kölner Kunstverein kjubh. Preis: ca. 6.000 Euro pro Kunstwerk (214 x 160 cm)


Als im Spätherbst 2014 beim New Yorker Versteigerer Christie’s der Hammer auf dem Pult des Auktionators aufschlug, war die Freude in Nordrhein-Westfalen groß. Andy Warhols Bilder „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ aus den 1960er-Jahren wechselten für 151,5 Millionen Dollar die Besitzer:innen. Dabei hatte die Landesbank Westspiel die dreifach gedruckten Elvisse Ende der 70er-Jahre für nur 85.000 und die vierfachen Brandos für 100.000 Dollar gekauft. Wertsteigerung: 37.000 Prozent.


Storys wie diese machen das Leben von Mon Müllerschön (60) nicht gerade leichter. „Hier liegt eines der größten Probleme des aktuellen Kunstmarktes. Alle möchten am liebsten genau das erleben. Ich sage dann immer: ‚Bin ich Hellseherin? Fragen Sie doch mal Ihre Bankberater:innen nach solchen Renditen. Da werden Sie ausgelacht!“ Dass es sehr wahrscheinlich ist, bei einem Kunstkauf einen ebenso raketenhaften Verkaufserfolg zu erleben – man ahnt es –, ist nicht der Fall.


Müllerschön arbeitet als Kunstberaterin, sie betreut seit über 30 Jahren die Sammlung des Verlegers Hubert Burda, inzwischen auch wichtige Sammlungen wie die der Unternehmensberatung Roland Berger sowie einige Privatsammlungen. Im Rahmen ihres Art Managements kauft und verkauft sie Kunst, erstellt Hängungskonzepte und Expertisen für Versicherungen, hält Vorträge und schreibt Kunstkataloge sowie eine Kolumne für die „Bunte“.


Boris Saccone

Tipp Nr 2:

Boris Saccone (*1991 in Schongau) Ausbildung: Studiert Bildende Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München, Malerei und Grafik, Klasse Prof. Gregor Hildebrandt. Werk: Saccone verwendet Farbschwaden und abstrakte Formen, z.B. in „Nacht“ (oben) und „Ophelia“ (Mitte). Ausstellungen: „Der River“ in der Leipziger Baumwollspinnerei, Gruppenausstellung „Schanzentisch“ im Showroom Bergschmiede in München. Preis: 2.000 Euro pro Kunstwerk (100 x 100 cm)


Die Frage nach der Wertsteigerung potenzieller Käufe hört sie heute deutlich öfter als früher. „Ich verstehe natürlich die Frage, aber wenn es einem Menschen nur darum geht, nehme ich den Job nicht an. Ob sich ein Künstler oder eine Künstlerin gut entwickelt, hängt von zu vielen Faktoren wie der Teilnahme an wichtigen Ausstellungen oder engagierten Galerist:innen und dem Zeitgeist ab. Der Kunstmarkt ist extrem situativ und volatil“, weiß die studierte Kunsthistorikerin. Eine sichere Bank für die Altersvorsorge ist Kunst also nicht. Der Versuch, das eigene Spielgeld zu vermehren, ist aber natürlich trotzdem legitim.


„Nacht“ von Boris Saccone

Müllerschön rät ihren Kund:innen zunächst einmal, ihre Schmerzgrenze zu definieren. „Die liegt beim einen bei 500 Euro, bei der nächsten bei 5.000 und bei wieder anderen bei fünf Millionen.“ Wenn es innerhalb dieser Schmerzgrenze mit dem Werterhalt oder der Wertsteigerung nichts wird, hat man trotzdem noch ein Bild zu Hause hängen, das einem über viele Jahre Freude bereitet hat. Schon allein deshalb sollte die ausgewählte Kunst auch immer den eigenen Geschmack oder am besten direkt ins Herz treffen. Aber ab welcher Summe lohnt sich ein Kauf voraussichtlich auch finanziell? Für Müllerschön verlässt man erst bei mittleren fünfstelligen bis sechsstelligen Summen den höchst spekulativen Bereich. Der Weg von etablierteren Künstler:innen lässt sich eben etwas leichter einschätzen als der von blutjungen Akademieabsolvent:innen.


Lucia Mattes (Foto: Lucia Mattes)

Tipp Nr. 3:

Lucia Mattes (*1996 in Heidelberg) Ausbildung: Staatliche Akademie der Bilden - den Künste Karlsruhe Werk: In ihren handgearbeiteten Werken geht Lucia Mattes mit Ironie und Überzeichnung auf kulturelle Phänomene ein – und überträgt diese so in eine neue Form, z.B. „Chain_Z“ (Foto). Ausstellungen: „Chaineration Z“ in der Städtischen Galerie Fruchthalle Rastatt, „System can’t fail – If there is no system“ in der Poly Galerie Karlsruhe Preis: ab 2.500 Euro


Hat man die Werke bestimmter Künstler:innen im Visier, kann man ihre Historie durch eigene Recherche leicht im Netz finden. Plattformen wie Artnet oder Artprice funktionieren wie Preisdatenbanken, mit denen sich Entwicklungen nachvollziehen lassen. Blue Chips – um eine Analogie zum Aktienmarkt zu bemühen – gibt es im Kunsthandel übrigens auch. Künstler wie Gerhard Richter, Jean-Michel Basquiat oder eben Andy Warhol unterliegen kaum noch Schwankungen – kosten allerdings auch einiges in der Anschaffung. Richters „Abstraktes Bild 599“ ging 2015 für 46,3 Millionen Dollar (rund 41 Millionen Euro) weg, selbst ein Frühwerk des Künstlers im letzten Jahr für 2,625 Millionen Euro.


Charlie Stein

Tipp Nr. 4:

Charlie Stein (*1986 in Waiblingen) Ausbildung: Studium der freien Malerei und Grafik beim Künstler Gerhard Merz, Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Christian Jankowski. Werk: Digitale Medien, Soziale Netzwerke u. moderne Formen der Kommunikation liefern das Material, z.b. für „Get Away Plane“ (oben). Ausstellungen: Manifesta11 in Zürich, Blackball Projects in New York, Songjiang Art Museum in Shanghai, Istanbul Bienniale 2017. Preis: auf Anfrage


Wer diese Summen nicht aufbringen kann, muss sich informieren: Werden die anvisierten Künstler:innen von namhaften Galerien vertreten oder haben sie an Ausstellungen in renommierten Museen teilgenommen? Müllerschön empfehlt auch den Austausch mit anderen, erfahrenen Sammler:innen, Galerist:innen und den Künstler:innen selbst. Messen wie die Art Cologne oder das Gallery Weekend Berlin sind gute Gelegenheiten, sich in der Szene umzutun. Außerdem haben fast alle großen deutschen Städte Auktionshäuser, darunter Karl & Faber in München, Grisebach in Berlin oder Lempertz in Köln, an deren Versteigerungen jede:r (auch erst mal ohne Kaufabsicht) teilnehmen kann. Schwellenangst ist unbegründet, selbst bei Christie’s und Sotheby’s werden 80 Prozent der Werke unter 8.000 Euro versteigert. Aber Vorsicht: Wer sofort wie im Rausch mitsteigert, kann schnell die Flughöhe verlieren.


„Get Away Plane“ von Charlie Stein

Sich bei der Recherche breit aufzustellen und Zeit zu lassen lohnt sich. Müllerschön: „Ich habe schon viele Menschen weinen gesehen, die nicht ausreichend informiert waren und sich die Finger verbrannt haben.“ Auch die breite Streuung innerhalb der eigenen Sammlung – ähnlich wie in einem Aktien-Portfolio – macht Sinn. Neben vermeintlich sicheren Anlagen bringen die Werke junger Künstler:innen nicht nur spekulative Möglichkeiten, sondern auch eine inhaltliche Dynamik. Müllerschön zum Beispiel steht auch beim Kauf junger und preiswerterer Künstler:innen zur Seite – schon allein, um den Nachwuchs zu unterstützen.


Um das große neue Ding der Kunstszene aufzuspüren, braucht es neben einem soliden Wissen und Gespür für Trends aber auch eine Portion Glück. Im April dieses Jahres ging das digitale Werk „Everydays: The First 5000 Days“ des amerikanischen Künstlers Beeple beim Auktionshaus Christie’s für 69.346.250 US Dollar (ca. 58 Millionen Euro) unter den Hammer.


Hell Gette (Foto: Kilian Blees)

Tipp Nr. 5:

Hell Gette (*1986 in Qarabulaq, Kasachstan) Ausbildung: Malereistudium an der Akademie der Bildenden Künste München. Werk: Gette verbindet die analoge mit der digitalen Welt. Sie schafft mit Malerei, Handzeichnungen, experimentellen Drucken u. digitalen Tools wie Photoshop eine zeitgenössische „#Landschaft3.0“. Ausstellungen: u.a. „#Interspace“ in der Münchener Pinakothek der Moderne. Preis: ca. 9.500 Euro pro Kunstwerk (150 x 120 cm)


Der Clou: Dank eines digitalen Echtheitszertifikats, einem NFT (Non-Fungible Token), ist es nicht kopierbar. Mit einem derartigen Erfolg haben weder Sammler:innen noch das Auktionshaus oder der Künstler selbst gerechnet. Geht es in dem Stil mit den NFTs weiter? Auch das: Spekulation. Fest steht, dass die digitalen Werke zu Hause nicht an die Wand gehangen werden können. Die „emotionale Rendite“ fällt also schon einmal deutlich geringer aus. Genauso ist es mit Kunst-Fonds, mithilfe derer sich Anleger:innen am Erwerb großer Namen beteiligen können. The Fine Art Group oder Masterworks bieten solche Co-Investments an. Für vermögende Anleger:innen eine Überlegung, denn laut Artprice hat Blue-Chip-Kunst den S&P 500 – also den Aktienindex mit den 500 größten börsennotierten US-Unternehmen – von 2000 bis 2018 um 180 Prozent übertroffen.

Werk von Hell Gette

Garantiert gewinnbringend sind aber auch solche Anlagen nicht. Ein gewisser Nervenkitzel bleibt wohl immer erhalten, auch das macht den Handel mit Kunst aus. Ein kleiner Investment-Gedanke: Die Werke von Künstlerinnen werden bisher zu weit weniger hohen Summen verkauft als die von Männern. Unter den lebenden zeitgenössischen Künstler:innen sieht das konkret so aus: Das teuerste Kunstwerk eines Mannes stammt von Jeff Koons. Seine Skulptur „Rabbit“ wechselte 2019 für 91,1 Millionen US Dollar (81,1 Millionen Euro) den Besitzer. Das teuerste Kunstwerk einer Frau ist Jenny Savilles Gemälde „Propped“, das 2018 vergleichsweise schlappe 9,5 Millionen britische Pfund (10,7 Millionen Euro) einbrachte. Wenn die Sache mit dem Zeitgeist stimmt, dürfte sich am Wert der Künstlerinnen bald etwas ändern.



STRIVE Tipps


Fotos und Farbexplosionen – zwei Künstler:innen, die die Redaktion begeistern.


Über Franziska Stünkel (oben links, Foto: Marc Ewig)(*1973 in Göttingen):

Ausbildung: Studierte Bildende Kunst in der Film- und der Fotokunstklasse an der Kunsthochschule Kassel sowie an der Hochschule für Bildende Kunst Hannover; war Meisterschülerin von Prof. Uwe Schrader. Werk: Stünkel reist für ihre Serie „Coexist“ durch Asien, Afrika, Europa und Amerika auf der Suche nach Reflexionen auf Schaufensterglas, z.B. „All the stories 65“ (oben rechts). Außerdem arbeitet sie als Regisseurin, ihr Film „Nahschuss“ mit Lars Eidinger kam im Sommer 2021 in die Kinos. Ausstellungen: Sprengel Museum Hannover, Ernst Leitz Museum Wetzlar, Barlach Halle K Hamburg. Preis: Zwischen 2.500 und 10.500 Euro (ab 60 x 90cm)


Über Paul Schrader (unten links)(*1981 in Hamburg):

Ausbildung: Schrader begann mit zwölf mit dem Sprühen von Graffitis und verließ als promovierter Rechtsanwalt seinen Job in einer Großkanzlei, um sich als Autodidakt auf die Kunst zu konzentrieren. Gut zu wissen: Das Magazin der „AD“ nannte ihn unlängst den „Künstler der Stunde“. Seine Werke werden gehypt und erfahren aktuell eine konstante Wertsteigerung. Auch wenn die Kunstszene sich mitunter schwertut, den Quereinsteiger als einen der ihren zu akzeptieren – wer investieren will, findet in seinen zugänglichen Bildern einen guten Einstiegspunkt. Werk: „Ausbruch und Freiheit der Kunst“ beschreibt Schrader die Leitbilder seiner Malerei. Seine großformatigen, abstrakten Werke sind für ihre intensive Farben bekannt, z.B. „By the Lake“ (unten). Ausstellungen: Berliner König Galerie, heliumcowboy artspace Hamburg. Preis: Ca. 16.000 Euro pro Kunstwerk, (140 x 100 cm)


Über Mon Müllerschön:

Mon Müllerschön gehört zu den wichtigsten Kunstberater:innen des Landes. Sie betreut sowohl die Privat- als auch die Unternehmenssammlung des Verlegers Hubert Burda, außerdem u.a. die Sammlung der Unternehmensberatung Roland Berger. Aktuell lässt sie ihre Online-Galerie Wunderkunst wieder aufleben.