Erst getrennt, dann gegründet

Meine Gründungsstory | Das Ende einer Beziehung kann hart sein. Noch härter ist es, wenn man es alleine durchstehen muss. Deshalb hat Katharina Wäschenbach Dearest gegründet, eine Coaching-App, die Menschen die Beziehung zu sich selbst eröffnen soll – und zu anderen.


Katharina Wäschenbach will mit Dearest die Beziehung von Menschen zu sich selbst und anderen verbessern.

Stellen Sie sich (und ggfs. Ihr Team) doch einmal vor.

Mein Name ist Katharina Wäschenbach und ich bin Mitgründerin und CEO von Dearest. Dearest ist eine Beziehungs-App, die Millennials hilft, gesündere Beziehungen mit sich selbst und anderen zu führen. Liebe über Dating-Apps zu finden, war nie leichter als heute. Ein paar mal swipen, die richtigen Worte finden und mit etwas Glück läuft die Sache. Doch niemand zeigt uns, wie wir diese Beziehungen auf eine gesunde Weise führen können.


Bei all den Informationen, die das Internet bietet, gibt es nur wenige Möglichkeiten, schnellen und unkomplizierten Zugang zu Beziehungsfragen, die professionelle Beratung benötigen, zu bekommen. Wir bieten niedrigschwelligen und zeitnahen Zugang zu Coaching – sowohl für Paare, als auch für Singles, die sich eine Beziehung wünschen, und mehr über ihr Beziehungsverhalten sowie ihre Muster lernen möchten. Unsere App kombiniert präventive Gesprächstherapie mit digitalen Lerninhalten. Wir glauben, dass gesündere Beziehungen für jeden zugänglich gemacht werden sollten, und wir damit sehr viel Leid und Einsamkeit aus dem Leben von Menschen nehmen können.


Leider ist das Thema Paartherapie bislang noch sehr stigmatisiert und teuer. Viele Paare warten oft zu lange bis sie sich entschließen, Hilfe zu suchen. Mit Dearest wollen wir das ändern, und zeitnah das Produkt auch für andere soziale Beziehungen öffnen. Der digitale Zugang zu psychologischen Tools und Methoden soll der Zielgruppe dabei helfen. Ich habe Dearest mit Lukas Weisheit gegründet. Aktuell haben wir mehr als 20 Coaches in unserem Produkt involviert und eine lange Warteliste. Unser Kernteam besteht heute aus Psycholog:innen, Performance Marketern, Tech und Content Strategen.


Was hat Sie zum Gründen bewogen? Wie entstand die Idee?

Schon früh hab ich immer danach gestrebt, mein eigenes Ding zu machen, vielleicht einmal selbst zu gründen. Das lag sicher auch daran, dass meine Eltern Unternehmer sind. Das Thema Selbstständigkeit und Unternehmertum wurde mir also quasi in die Wiege gelegt.


Ich habe Media Management, Global Governance & Management mit Schwerpunkt auf Human Resources studiert und nach einigen Jahren in Führungspositionen im People & Culture (HR) Bereich weitere Ausbildungen im Coaching und dann auch zur Paartherapeutin gemacht. Schon damals, als ich Paare und Einzelpersonen in ihren Beziehungsfragen begleitet habe fiel mir immer öfter auf, dass es keine guten digitalen Lösungen für den Umgang mit Beziehungsfragen und -problemen gibt. Während der Corona-Pandemie hat das Thema dann zusätzlich an Relevanz gewonnen. Ich habe realisiert, wie immer mehr Freunde, Familienmitglieder und Kolleg:innen damit begonnen haben, sich aktiv mit dem Thema Beziehungen auseinanderzusetzen und welche Auswirkungen die Pandemie auf Beziehungen hatte. Damit meine ich nicht nur den Effekt auf romantische Beziehungen, sondern auch auf Beziehungen in der Familie und am Arbeitsplatz.


Das war der letzte Anstoß, dass wir Dearest gegründet haben, um den Zugang zu Beziehungscoaching zu demokratisieren und darüber aufzuklären, welche Wege es gibt, an Beziehungen zu arbeiten und ihre Qualität zu verbessern.


Haben Sie allein gegründet oder im Team? Warum?

Während ich über die Gründung von Dearest nachdachte, habe ich einfach schnell gemerkt, dass es Sinn macht, die Schlüsselkompetenzen in einem Team zu verteilen. Lukas hatte mich zu Anfang als Berater unterstützt und war von Anfang an begeistert von der Idee. Er kam dann als Mitgründer an Bord, weil wir uns beide rückblickend nach Trennungen und in unseren früheren Beziehungen ein Produkt wie Dearest gewünscht hätten.


Mit VC Geld oder ohne? Warum?

Wir haben uns initial für den Weg entschieden über Angel Investments zu starten. Dieser Weg war für uns logisch, da wir so iterativ das Produkt entwickeln konnten, ohne sehr frühen Druck auf Performance zu spüren, der mit VC-Investoren doch deutlich schneller kommt.


Welche Hindernisse hatten Sie beim Gründen?

Ich habe gemerkt, dass die wichtigste Komponente beim Gründen der/die Gründer:in selbst ist. Die Performance des Teams, im Fundraising und die Beziehung zu deinem Co-Founder ist nur so gut, wie du selbst bist. First-time-Founder, vor allem weiblich, werden leider auch in 2022 immer noch mit Bias konfrontiert. Daher war mein persönliches Hindernis sicherlich ich selbst. Ich bin weiblich, habe zuvor nur eine Agentur gegründet und hatte signifikant wenig Netzwerk zu Startup-Investoren. Darüber war ich mir vor einem Jahr noch nicht so bewusst, und bin da sicherlich sehr motiviert reingegangen - so wie ich vieles im Leben mache. Wenn dann alles nicht so schnell klappt, wie gedacht, kam ich doch mental sehr an meine Grenzen. Coaching, mentales Wellbeing und der Austausch mit anderen Gründer:innen ist heute mein Anker geworden.


Wie haben Sie sich am Anfang finanziert?

Unsere Geschichte ist vielleicht etwas außergewöhnlich. Ich hatte meine Idee einem Angel Investor aus meinem Netzwerk gepitched, und er hat ohne Pitch Deck investiert. Danach kamen weitere Business Angel dazu.


Welche Fuckups mussten Sie und ihr Team bereits überwinden?

Wir haben uns nach circa sechs Monaten dafür entschieden, unsere Website zu einer Webapp umzubauen. Damit haben wir viel Suchvolumen über Google Search und an der Optik im Design verloren. An der Optimierung arbeiten wir aktuell. Mit den native Apps brauchen wir die Webapp auch nicht mehr.


Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Ich kämpfe noch immer damit, mir regelmäßige Pause zu gönnen. In schnell skalierenden Unternehmen ist das nicht einfach. In der Zeit seit der Gründung von Dearest habe ich gelernt, mehr auf mich selbst aufzupassen und mich regelmäßig zu fragen: Wie geht es mir eigentlich gerade? Ist mir das alles zu viel oder habe ich noch Kapazitäten? Der Beruf ändert nichts daran, dass man immer noch ein Mensch mit Bedürfnissen ist. Manchmal muss man sich einfach verletzlich zeigen und anderen vorleben, dass Pausen essentiell sind für langfristigen Erfolg. Mit kleinen, bewussten Breaks schaffe ich es gut im Alltag.


Wie haben Sie gelernt zu führen?

Vor allem durch meine eigenen Fehler beim Führen von Teams in der Vergangenheit. Und auch durch das Beobachten von Fehlern anderer Führungskräfte. Es hat mich viel über Geduld, Demut und Zwischenmenschlichkeit gelehrt. Heute versuche ich vor allem erst einmal in eine zuhörende Rolle zu gehen, und das vorzuleben, was ich mir von anderen wünsche und auch mir so den Druck rauszunehmen, dass meine Erwartungen erfüllt werden müssen. Freundlichkeit ist kostenlos.


Haben Sie einen Mentor oder eine Mentorin, mit dem/der Sie sich austauschen?

Was mir sehr geholfen hat und noch immer hilft ist mein “Sounding Board”, also eine Gruppe vertrauter Gründer:innen, mit denen ich mich offen über verschiedene Herausforderungen austauschen kann und die auch ihre persönlichen Erfahrungen teilen. Zu wissen, dass ich mit meinen Sorgen und Ängsten nicht alleine bin, hilft ungemein und gibt mir Kraft. Auch besonders glücklich bin ich über unsere Advisor and Business Angel, die mir oft mit Rat und Tat zur Seite stehen.


Was haben Sie für Erfahrungen gemacht, als Sie vom Arbeitnehmertum ins Unternehmertum „gewechselt“ sind?

Geld darf niemals die Motivation sein, um zu gründen.


Was war Ihr größtes Learning?

Delegieren lernen! Das ist gerade als Gründer:in schwer, schließlich startet man meist allein oder zu zweit und hat zunächst die Kontrolle über so gut wie alle Bereiche und Belange des Unternehmens. Auch wenn das Unternehmen wächst, fühlt man sich in der Verantwortung und will die Kontrolle behalten, aber auf Dauer funktioniert das natürlich nicht. Die Themen Team und Unternehmenskultur spielen da eine wichtige Rolle: Wenn man weiß, dass die Leute zu hundert Prozent hinter der Idee stehen, kann man leichter Aufgaben abgeben. Dafür ist es hilfreich, regelmäßig mit dem Team über die Ziele und die Vision zu sprechen und sie einzubinden. Wenn alle wissen worauf sie zuarbeiten, ist es für alle leichter die Kontrolle abzugeben.


Worauf blicken Sie aus ihrer bisherigen Gründungszeit gerne zurück?

Das wir so mutig waren einen innovativen Ansatz in unserem Vertical zu gehen und sehr früh über ein low tech Produkt erste Revenue erzielt haben. Dadurch haben wir uns erst weiter dem heutigen Produkt, der App gewidmet. Diese Vorgehensweise hat mich darin bestärkt geduldig zu sein, auf den User, den Markt und das eigene Team zu achten und sich öfters zu hinterfragen. Und vor allem bin ich sehr glücklich darüber, dass unser Thema so viel positiven Zuspruch erfährt. Ich bekomme mittlerweile täglich Nachrichten von Menschen, die ich nicht kenne, und die mir sagen wie froh sie sind, dass es ein Startup und Produkt wie unseres gibt.


Wer ist Ihr Vorbild?

  • Whitney Wolfe Herd, CEO & Founder Bumble, sie ist die erste weibliche CEO, die eine B2C Company an die Börse gebracht hat und auch jüngste Milliardärin.

  • Lubomila Jordanova, Mitbegründerin und CEO von PlanA.Earth GmbH und Mitbegründerin der Greentech Alliance - sie ist eine umwerfende Netzwerkerin und steht mit ihrem Team und Produkt für ein sehr wichtiges Thema unserer Zeit.

Ihr Buch-/Filmtipp für Gründer:innen?

Welchen Tipp würden Sie ihrem 18-jährigen Ich in Sachen Gründung geben?

Denk nicht zu viel darüber nach, was auf dem Lebenslauf gut aussieht und nimm dir ausreichend Zeit, um deinen Talenten und außerberuflichen Interessen nachzugehen. Rückwirkend weiß ich ja heute durch meine Ausbildungen, dass die Beziehung zu unseren Eltern unsere 18-Jährigen Ichs mehr prägen, als es uns bewusst ist. Ich wollte immer eine Unternehmerin werden - bin ich ja geworden, allerdings auch mit einigen schmerzhaften Erfahrungen.