Start-ups im Hintergrund verändern die Wirtschaft

Start-ups sind nicht mehr länger nur schillernde Neugründungen, die jeder kennt. Eine neue Generation arbeitet mehr im Hintergrund und sieht sich als „Enabler“ anderer Wirtschaftszweige. Was es damit auf sich hat, beschreiben Paulina Lutz (27) and Nina Rinke (29) von Earlybird Venture Capital.


Eine neue Generation von Start-ups wächst heran. Foto: Symbolbild

Mit FinTech verbindet man häufig Services, die sich direkt an Verbraucher und Ver- braucherinnen oder Unternehmen richten – wie N26, TradeRepublic oder Penta. Gleiches gilt für den E-Commerce-Sektor, den man mit großen Marktplätzen wie Amazon oder Zalando assoziiert. Diese erste Welle an Tech-Unternehmen hat Kund:innenerlebnisse in etablierten Branchen revolutioniert. Innovationen dieser Art halten an, zum Bei- spiel in „Social Commerce“ oder „Female Finance“. Neuerdings sehen wir aber einen Trend unter europäischen Startups, als „Enablers“ im Hintergrund zu fungieren. Diese neue Welle an B2B-Startups baut Infrastruktur, um Prozesse oder auch den Launch neuer Produkte für andere Unter- nehmen zu vereinfachen und somit Innovation zu beschleunigen.


1. Worin liegt das Potenzial von „Infrastruktur-Startups“ aus einer VC-Brille?

Infrastruktur hat immenses Potenzial, Innovation voranzutreiben. Zahlreiche Unternehmen bauen hierauf ihre Services bzw. Produkte, sodass Entwicklungszeit verkürzt sowie Kosteneffizienz und Qualität gesteigert werden. Während E-Commerce und FinTech zumeist transaktionale Geschäftsmodelle aufweisen, kommt Infrastruktur häufig in der Form von Software-as-a-Service-Modellen mit wiederkehrenden Umsätzen und hohen Margen. Durch tiefe Einbettung in Produkte bzw. Services der Kund:innen bauen Infrastruktur-Startups langfristige Beziehungen zu ihren Kund:innen auf.


Ein Trend, der zunimmt: Europäische Startups fungieren als Enabler im Hintergrund.

2. FinTech – wo sehen wir Trends in der Innovation von Infrastruktur? Erste Erfolgsgeschichten im Bereich FinTech-Infrastruktur sind zunächst Kernprozesse in FinTechs oder Finanzinstituten angegangen: Unternehmen wie Mambu oder Thought Machine entwickeln Kerninfrastruktur für Banken in der Cloud; Tink, Yapily oder Truelay- er bauen Schnittstellen zu Banken, um offenen Datenfluss zu verein- fachen; ComplyAdvantage verein- facht Geldwäsche-Compliance. Heute sehen wir zunehmend Unternehmen, die als Aggregatoren Infrastruktur-Services zusammen- bringen. Eine einfache Schnittstelle umfasst dabei komplexe Lösungen, die Entwicklungszyklen drastisch reduzieren. Diese richten sich einer- seits an Unternehmen außerhalb der Finanzbranche, um Financial Services anzubieten. Der Trend „Embedded Finance“ beschreibt, wie Financial Services zunehmend in Softwareprodukte verschiedenster Art eingebettet werden. Ein Bei- spiel wäre eine B2B-Software, die ihren Kunden flexible Zahlungen und Kreditlösungen anbietet, um Kund:innen zu binden und besser zu monetarisieren. Zeitgleich entsteht eine „Infrastruktur 2.0“, die Finanzinstituten (oder FinTechs) dabei hilft, ihre Produkte zu erweitern oder noch effizienter zu gestalten. Viele Financial Service Provider wollen zum „One-Stop-Shop“ für Finanzlösungen werden. Infrastruktur wie zum Beispiel die API für Investmentprodukte von dem Berliner Unternehmen Upvest hilft dabei. Als dritten Trend haben wir Aggregatoren identifiziert, die etablierte Zahlungsprozesse grundlegend verändern. Dies umfasst „Payment Orchestration“, die Zahlungsströme bei Kartenzahlungen optimiert, oder auch „Bank-to-Bank Payments“, die etablierte Kartenzahlungen gänzlich angreifen durch direkte Schnittstellen zu Banken.


In den letzten Jahren sehen wir immer mehr Marken, die unabhängig von großen Marktplätzen wie Amazon oder Zalando entstehen.

3. E-Commerce – wie verändern „E-Commerce Enabler“ die Industrie? Marktplätze wie Amazon oder Zalando gehören zu den Pionieren im Bereich E-Commerce. Sie ha- ben große Investments in Logistik oder Zahlungsoptionen getätigt und mit kostenloser Lieferung und Discounts Konsumenten den Onlinekauf so angenehm und attraktiv wie möglich gemacht. Außerdem haben sie es Marken ermöglicht, ihre Produkte ohne eigene Infrastruktur oder hohe Investitionen in Marketing oder eigene Shops online zu verkaufen. So konnten sie viele Unternehmen und Konsument:innen auf ihre Plattformen locken und haben damit maßgeblich zur Annahme von E-Commerce beigetragen. Allerdings ist der Verkauf auf großen Marktplätzen nicht ideal für Unternehmen, die eine starke eigene Marke aufbauen möchten, da sie die Kundenbeziehung maßgeblich an Amazon und Co. abgeben. In den letzten Jahren sehen wir daher immer mehr Marken, die unabhängig von diesen Marktplätzen entstehen und direkte, persönliche Beziehungen zu ihren Kunden on- line aufbauen. Während eine steigende Wahrnehmung und Präferenz von sogenannten Direct-to-Consumer-(D2C)-Marken eine Rolle spielt, sind Haupttreiber dieser Entwicklung Unternehmen, die die notwendige Infrastruktur bereit- stellen: „E-Commerce Enabler“. Zu den bekanntesten E-Commerce Enablern gehört Shopify. Shopify ermöglicht es D2C-Marken, ihren eigenen Onlineshop mit minimalen Set-up-Kosten und in kürzester Zeit aufzubauen. Zusätzlich haben Instagram und andere Social-Me- dia-Netzwerke den Zugang zu kostengünstiger, effizienter Kundenattraktion demokratisiert. Zu den neueren E-Commerce Enablern gehören zum Beispiel Earlybirds Portfoliounternehmen Hive und Vue Storefront.


Drei Startups, von denen wir hören werden – zusammengestellt von Earlybird Venture Capital:

1. Carbo Culture

Carbo Cultures Technologie ermöglicht langfristige CO2-Bindung in Bio-Kohlenstoff und Bio-Grafit. Henrietta Moon und Chris Carstens kombinieren Unternehmer- und Erfindergeist, um einen Beitrag zur Bewältigung einer der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu leisten: des Klimawandels. Mit Carbo Culture haben die beiden eine Technologie entwickelt, mit der aus Abfällen der Holzproduktion und Landwirtschaft Bio-Kohlenstoff und Bio-Grafit CO2-schonend gewonnen wer- den können. Das Ziel: bis 2023 eine Gigatonne CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen und in der Landwirtschaft einzusetzen. USP Umweltfreundliche Technologie zur Bindung von CO2 in Bio-Kohlenstoff und -Grafit Markt Ungenutztes Emissionsausgleichs-Potenzial bei heutigem CO2-Ausstoß ca. 138 Milliarden Euro Team Carbo Culture beschäftigt 13 Mitarbeiter:innen in den Helsin- ki und in Kalifornien


2. Vitamin

Vitamin unterstützt Frauen bei der Gestaltung ihrer finanziellen Zukunft mit Know-how und verschiedenen Tools. 59 Prozent der deutschen Frauen finden, dass sie ihr Geld nicht smart anlegen: aufgrund von mangelndem Wissen oder Selbstbewusstsein. Nur 13 Pro- zent investieren in Aktien. Das Ergebnis: eine Investitionslücke, die Frauen viel Geld kostet. Die ehemalige Bankerin Andrea Fernandez und ihr Mitgründer Artyom Chelbayev wollen das ändern: Mit Vitamin geben sie Frauen das Know-how und Tools an die Hand, ihre finanzielle Zukunft zu gestalten. USP Entkoppeltes Produkt zum Investment-Kompetenzaufbau bei Frauen statt Investment-Aus- führung Markt Frauen besitzen mit 32,5 Prozent des globalen Vermögens ca. 60,4 Billionen Euro Team Momentan arbeiten neun Mitarbeiter:innen bei Vitamin in Berlin


3. Formel Skin

Formel Skin bringt Patient:innen dermatologische Behandlung digital nach Hause. Hauterkrankungen wie Akne sind für Betroffene oft ein lebenslanges Problem mit Einfluss auf die Lebensqualität. Für konventionelle stationäre Behandlungen braucht man Zeit – obwohl viele Patient:innen remote diagnostiziert und behandelt werden könnten. Diesem Problem haben sich Dr. Sarah Bechstein, Florian Semler und Anton Kononov angenommen: Mit Formel Skin bieten sie Patient:innen digitalen Zugang zu dermatologischer Behandlung. USP Digitaler Zugang zu evidenz- basierter, personalisierter dermatologischer Behandlung Markt Der deutsche Markt für der- matologische Behandlungen und Kosmetik wird auf neun Milliarden Euro geschätzt Team Das Team von Formel Skin ist 55 Mitarbeiter:innen stark



Paulina Lutz & Nina Rinke


Über die Autorinnen:

Nina Rinke (29) und Paulina Lutz (27) arbeiten im Digital West Investment Team von Earlybird Venture Capital – und schreiben die Kolumne in dieser Ausgabe an Stelle von Dr. Hendrik Brandis, Co-Founder und Partner von Earlybird.


Sie interessieren sich für FinTech oder E-Commerce? Nina und Paulina freuen sich über Ihre Nachricht via nina@earlybird.com oder paulina@earlybird.com.