„Sich als Frau durchzusetzen war nicht immer leicht“

What's your story? | Annemarie Leniger leitet die Ostfriesische Tee Gesellschaft (OTG). Warum es Ihrer Meinung nach wichtig ist, im Arbeitsalltag für sich selbst einzustehen und an seine Ideen zu glauben, erzählt sie hier.

Annemarie Leniger, die Geschäftsführerin von der Ostfriesischen Tee Gesellschaft



Was genau tun Sie, Frau Leniger?

Seit 2009 verantworte ich als Geschäftsführerin der Ostfriesischen Tee Gesellschaft (OTG) die Bereiche Nachhaltigkeit, Forschung und Entwicklung, Qualitätssicherung, Verpackungsentwicklung, Tee-Einkauf und Marketing. Die alltägliche Herausforderung dabei ist, Tee – ein Getränk, das bereits 5.000 Jahre alt ist – immer wieder neu zu erfinden. Damit es auch bei einer Traditionsmarke wie Meßmer und Milford für die Verbraucherinnen und Verbraucher nie langweilig wird.


Was muss eingetreten sein, damit Sie sagen Sie waren erfolgreich?

Erfolgreich war ich erst, wenn ich wirklich einen Unterschied bewirken kann. Das ist in Sachen Nachhaltigkeit gar nicht so einfach, weil die Zusammenhänge komplex sind, viele verschiedene Akteure an einem Strang ziehen müssen und man Ausdauer braucht. Um einen direkten Beitrag zu leisten und unmittelbare Erfolge zu erzielen, setzen wir deshalb zusätzlich auf Projektarbeit vor Ort, um gezielt die Lebensbedingungen für die Menschen in den Anbauregionen zu verbessern. Zum Beispiel haben wir ein aktuelles Projekt mit World Vision in Tansania: Hier unterstützen wir mit dem Verkauf von drei Women for Women-Teesorten Frauen“ bei einer nachhaltig gesunden Ernährung.




Wie gehen Sie mit Dingen um, die Sie nicht gut können?

Hier ist Selbsterkenntnis immer der erste Schritt – und sich dann die Hilfe zu suchen, die man braucht. Wichtig ist hierbei Vertrauen und auch, Verantwortung zu übergeben. Denn meine Aufgabe ist es nicht, alles zu können, sondern bestimmte Ziele zu setzen und die Kolleginnen und Kollegen beim Erreichen dieser Ziele zu unterstützen.


Und auch ich bin natürlich nicht Wonder Woman, das heißt, ich bin genauso auf mein Team angewiesen wie andere auch. Im Alltag heißt das, ich suche mir regelmäßig Kolleginnen und Kollegen oder auch andere Sparringspartner, die andere Wissensschwerpunkte als ich haben, tiefer in Themen stecken oder mir neue Sichtweisen ermöglichen, damit ich fundierte Entscheidungen treffen kann.



Insbesondere Frauen sagen viel zu oft noch „ja“ an Stellen, an denen ein „nein“ angebracht wäre, oder an denen sie eigentlich „nein“ sagen wollten.


Wie würde ihr Team Sie beschreiben?

Ich denke, mein Team würde mich als engagiert beschreiben und immer mit vollem Einsatz dabei. Das kann phasenweise natürlich auch mal herausfordernd sein. Aber ich habe gleichzeitig immer ein offenes Ohr für die Mitarbeitenden und Kolleginnen und Kollegen. Und ich glaube, ich habe auch etwas Humor. Aber das können andere wahrscheinlich besser beurteilen.

Wann haben Sie das letzte Mal „nein“ gesagt?

Ich finde „nein“ sagen zu können ist besonders wichtig im Berufsleben. Insbesondere Frauen sagen viel zu oft noch „ja“ an Stellen, an denen ein „nein“ angebracht wäre, oder an denen sie eigentlich „nein“ sagen wollten. In meinem Job ist es auch unerlässlich „nein“ sagen zu können, denn ich muss tagtäglich Entscheidungen treffen. Das heißt, wahrscheinlich habe ich diese Woche schon mehrmals „nein“ gesagt.

Was sind die ersten drei Dinge, die Sie im Büro (oder Home Office) machen?

Ich stimme mich gerne mit einer Tasse Tee auf den Tag ein. Währenddessen checke ich anstehende Termine, lese die wichtigsten Schlagzeilen und spreche mit Mitarbeitenden über anstehende Projekte oder aktuelle Themen.



Ich habe irgendwann verstanden, dass niemand auf mich zukommen wird und mich zum Erfolg trägt.


Was war die größte Herausforderung, die Sie überwinden mussten?

Sich als Frau durchzusetzen, war tatsächlich nicht immer leicht. Vor einigen Jahren wurde mir in einem anderen Unternehmen gesagt, dass ich es als Frau nicht bis an die Spitze schaffen würde. Ich habe mich davon nicht unterkriegen lassen und heute bin ich Geschäftsführerin der OTG. Manchmal muss man für sich selbst die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit man sein Ziel erreicht. Und manchmal bedeutet das, dass man eben das Unternehmen wechseln muss, auch wenn das für viele auch oft eine große Hürde ist. Ich ermutige jeden bzw. vor allem Frauen, sich genau anzusehen, ob das Umfeld zum eigenen Ziel passt. Wenn nicht, dann hilft es in manchen Fällen, sich eine Mentorin oder einen Mentor zu suchen oder selbst etwas am Umfeld zu ändern.

Was hat Sie auf Ihrem Weg bislang immer weitergebracht?

Für mich selbst einzustehen und an meine Ideen zu glauben. Ich habe irgendwann verstanden, dass niemand auf mich zukommen wird und mich zum Erfolg trägt. Das ist immer noch häufig ein Problem bei Frauen, dass sie sich nicht für sich selbst einsetzen. Hier sind Männer uns Frauen oft einen Schritt voraus, weil sie sich häufig besser vernetzen, austauschen und ihre Grenzen austesten. Ich ermutige deshalb Frauen auch immer wieder dazu, sich zu trauen, größer zu denken und für ihre Pläne und Vorstellungen einzustehen.



Was hat Sie auf Ihrem Karriereweg behindert?

Ohne klare Visionen und Ziele zu arbeiten, bringt aus meiner Sicht nichts. Wenn das ganze Team einschließlich mir sich darüber klar ist, wo die Reise hingehen soll, ist die Zusammenarbeit viel einfacher und effizienter. Als Familienunternehmen sind wir sehr stark darin, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Das schätze ich wirklich sehr. Aber ich habe während meiner Laufbahn auch schon Situationen erlebt, bei denen zum Beispiel dekonstruktive Kritik ganze Teams zerlegt hat. Wenn ein Team nicht zusammenarbeitet oder von dem oder von der Vorgesetzten nur ausgebremst wird, kann es keinen Fortschritt oder auch keine positiven Entwicklungen geben.

Was als Ihren größten Misserfolg?

Die Frage, die ich mir hier stellen würde: Was ist überhaupt Misserfolg? Fehler gehören aus meiner Sicht zu jeder guten Karriere dazu. Denn natürlich läuft nicht immer alles 100 Prozent nach den eigenen Vorstellungen. Aber ich bin sehr dankbar dafür, dass mir bisher nichts unterlaufen ist, was überhaupt nicht mit meinen Werten übereinstimmte oder sich nicht mehr korrigieren ließ.


Was war der größte Fehler, den Sie während Ihrer Karriere gemacht haben?

Bei einem Berufswechsel in der Vergangenheit habe in nur auf meinen Kopf und nicht auf meine Intuition gehört. Im Nachhinein hat sich das als Fehler herausgestellt. Als ich merkte, dass der Job nicht passt, habe ich das Unternehmen verlassen und so meine Entscheidung korrigiert.


Wenn Sie eine Zeitreise zu Ihrem 20-Jährigen ich machen könnten, welchen Karrieretipp würden Sie sich geben?

Ich denke, ich würde ihr sagen, dass sie immer an sich selber glauben soll. Denn nur mit einer eigenen festen Überzeugung kann man auch andere überzeugen. Also: denke groß und folge deinen Ideen!

Was ist der beste Tipp, den Sie je bekommen haben?

Der beste Tipp, den ich bekommen habe, ist „Run if you see a dogma!”