In der Teilzeitfalle

Gastbeitrag | Kaum ein Beruf hat einen so hohen Frauenanteil wie das Lehramt. Zu mehr Schuldirektorinnen, führt das aber meist nicht. Stattdessen gilt: Männer in Führungspositionen, Frauen als Teilzeitkräfte – und das obwohl der öffentliche Dienst das Thema Gleichstellung ernst nimmt. Für Lehrerin Kerstin Schäfer liegt das auch an der Einstellung ihrer Kolleg:innen: Viele von ihnen verharren noch in alten Denkmustern. Warum sich das ändern muss.


Männer in Leitungspositionen und Frauen als Teilzeitkräfte? (Symbolbild)



Das Lehramt hat ein weibliches Gesicht. Schon der Großteil der Studierenden ist weiblich. Auch den Lehrer:innenzimmern sitzen mehr Frauen als Männer. Meine Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen ist da keine Ausnahme: Der Frauenanteil beträgt dort rund 75 Prozent, die meisten Kolleginnen arbeiten allerdings in Teilzeit. Von den männlichen Kollegen arbeiten nur wenige halbtags. Lediglich ein Zehntel aller Teilzeitanträge kommen von Männern.



Es überrascht mich immer wieder, wie hartnäckig sich das Bild von der halbtagsarbeitenden Lehrerin ohne Karriere-Ambitionen hält.


Der Rahmen ist da…


Dass Männer selten in Teilzeit gehen, zum Beispiel, um sich mehr um die eigenen Kinder zu kümmern, ist auch in vielen anderen Branchen ein gängiges Bild. Oft wird dieser Umstand von den Argumenten begleitet, dass Teilzeit die eigene Karriere bremse oder womöglich den Job gefährde. Doch Lehrer müssen sich diese Sorgen nicht machen: Die meisten sind verbeamtet, der Job ist sicher. Und für den beruflichen Aufstieg zählt vor allem die Anzahl der Dienstjahre.



Natürlich ist es ein Glück, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Lehramt großgeschrieben wird. Aber wieso ist es so selbstverständlich, dass Frauen, diese Vereinbarkeit leisten müssen, in Teilzeit gehen und ihr berufliches Fortkommen hintenanstellen? Es überrascht mich immer wieder, wie hartnäckig sich das Bild von der halbtagsarbeitenden Lehrerin ohne Karriere-Ambitionen hält – vor allem wenn man bedenkt, dass die Bedingungen im öffentlichen Dienst vorbildlich sind! Den Gender-Pay-Gap gibt es nicht, dafür Quoten bei Einstellungsgesprächen. Frauen werden bevorzugt in Leitungspositionen und spannende Abordnungen berufen. Teilzeit ist üblich, ein Zurück in Vollzeit ist möglich und auch Führungspositionen können inzwischen geteilt werden. Es gibt Mentoring-Programme und Fortbildungen, bei denen Frauen ihre Karriereplanung angehen und erfahren, wie sie den Alltag als Chefin meistern können und wie sie auch im Privaten bei der Care-Arbeit für Gleichberechtigung sorgen können.


… aber das Mindset bremst


Fantastisches Angebot? Bestimmt. Aber reicht das aus? Die Leitung ist beim Großteil der Schulen jedenfalls weiterhin männlich – und das trotz eines Frauenanteils von etwa zwei Dritteln unter den Lehrkräften insgesamt. An Grundschulen gibt es im Vergleich zwar mehr Schulleiterinnen, dafür verdienen sie aber deutlich weniger als ihre meist männlichen Kollegen am Gymnasium.



Vielleicht liegt es auch daran, dass der Beruf der Lehrerin besonders Frauen mit einem traditionellen Rollenbild anspricht. So verschwinden einige meiner Kolleginnen regelmäßig vor dem Ende von Konferenzen mit den Worten: „Ich muss meine Kinder abholen.“ Auch im Studium galt der Lehrer:innenberuf für Frauen als ideale Möglichkeit, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. Noch 2010 empfahlen mir Kommilitoninnen, dass ich vom reinen Fach-Bachelor zum Lehramt wechseln solle: „Das lässt sich dann besser mit der Familienplanung vereinbaren,“ und „Für Frauen ist es einfach der beste Beruf!“, lauteten die Begründungen.


Während sich so mancher Dax-Konzern von den Unterstützungsmaßnahmen für Lehrerinnen-Karrieren etwas abschauen könnte, bleibt die Realität an vielen Schulen ähnlich wie in anderen Branchen: Männer in Leitungspositionen und Frauen als Teilzeitkräfte. Um daran etwas zu ändern, reicht es nicht, nur den Rahmen zu verbessern und Frauenförderung zu stärken. Auch die Rollenbilder in den Köpfen müssen diverser werden. Nur dann kann sich die Gleichstellung von Männern und Frauen wirklich in den Lehrer:innenzimmern und anderswo durchsetzen. Eine echte Chance auf eine Vorreiter:innenrolle für unseren Berufsstand.


Über die Autorin:

Kerstin Schäfer ist Lehrerin und Sonderpädagogin. Sie arbeitet seit 2012 an verschiedenen Schulen in Nordrhein-Westfalen. Nebenberuflich ist sie als Dozentin im Bereich Inklusion, Diversity und Pädagogik tätig. Als Facilitator im VirtuesProject unterstützt sie Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung.