Sandra Piske

Wie sehen die Jobs der Zukunft aus, Dr. Yasmin Weiß?

Wir kennen die Zukunft nicht. Aber würden gerne wissen: Wie wird sich Arbeiten in 20 Jahren anfühlen – und was muss man können, um weiterhin auf dem Arbeitsmarkt gefragt zu sein? Welche Jobs wird es dann überhaupt noch geben und wo wird die KI übernehmen? Wenn eine Person diese Fragen beantworten kann, dann ist das Dr. Yasmin Weiß (44), renommierte Professorin für BWL mit dem Forschungsschwerpunkt Future of Work.

Frau Weiß, die Arbeitswelt wandelt sich so schnell wie nie. Haben Sie manchmal Angst vor der Zukunft?

Ich argumentiere als Arbeitsforscherin immer optimistisch. Auf dem Arbeitsmarkt wird es in Zukunft riesige Lücken und damit Chancen geben, für alle Anpassungs- und Lernwilligen brechen daher goldene Zeiten an.

Wie sehen die Jobs der Zukunft aus, Dr. Yasmin Weiß?
Wie sehen die Jobs der Zukunft aus, Dr. Yasmin Weiß?

 

Fotos: Simon Koy

 

 

 

Welche Jobs sind zukunftssicher?

Alle, die sich mit Technik, Robotik, KI oder direkt mit Menschen beschäftigen und dadurch emotionalen Mehrwert stiften. Händeringend gesucht werden etwa Pflegekräfte, Lehrer:innen oder Ärzt:innen. Aber: Deren Anforderungsprofile werden sich verändern.

 

Inwiefern?

Ärzt:innen müssen nicht nur eine medizinische Ausbildung haben, sondern auch Empathie mitbringen sowie mit den neuesten Technologien wie OP-Robotern umgehen können. Die Analyse großer Datenmengen oder wiederkehrende Tätigkeiten, die mit hoher Präzision durchgeführt werden müssen, werden dagegen an die Technologie abgegeben und automatisiert.

 

Sie haben zwei Töchter im Vor- und Grundschulalter. Wie machen Sie die beiden fit für die Zukunft?

Auch wenn es manchmal richtig anstrengend ist: Ich beantworte wirklich jede Warum-Frage und lasse oft mehr kreatives Chaos im Haus zu, als ich eigentlich ertragen kann. Eltern können schon ihren zweijährigen Kindern Neugier aufs Lernen machen, Forschergeist und Kreativität fördern.

 

„Technische Fähigkeiten müssen kombiniert werden mit anderen FutureSkills – also allen Formen von Sozialkompetenz. Hybrid qualifiziert zu sein, ist am Arbeitsmarkt das neue Sexy.“

 

Warum werden diese Kompetenzen wichtig sein?

Wir kennen heute die zukünftigen Anforderungen nicht – sowohl bei der Erstqualifizierung an Schulen als auch bei der weiterführenden Qualifizierung im Berufsleben. Also sollten wir Metakompetenzen ausbilden und eine Basis dafür schaffen, dass Neues schnell erlernt werden kann. Wir müssen Lern-, Krisen- und Problemlösungskompetenz vermitteln – unabhängig davon, was genau auf uns zukommt. Außerdem muss eine gewisse Ambiguitätstoleranz, also der Umgang mit Unsicherheiten oder widersprüchlichen Variablen, trainiert werden. Am wichtigsten ist: Wir dürfen nicht Sicherheit vor der Veränderung vermitteln, sondern Sicherheit in der Veränderung.

 

Worauf kommt es noch an, um junge Menschen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten?

Diejenigen, die den Lebensalltag verändern, sollten ihn auch erklären. Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie in Informatik nicht nur von einer Lehrkraft unterrichtet werden, sondern ergänzend auch von inspirierenden Praktiker:innen aus der Wirtschaft. Die anwendungsnah und lebendig Einblicke geben, welche Aufgaben man mit Informatik lösen kann und wie man sich hierfür die Fähigkeiten aneignet. Der Austausch zwischen jungen Menschen und Unternehmen ist für beide Seiten interessant. Die Jungen lernen, wie sie sich am besten auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Die Unternehmen erfahren, was sich junge Leute wünschen und welchen Kenntnisstand sie haben.

 


FIT FÜR DIE ZUKUNFT: 4 TIPPS VON YASMIN WEISS

 

1. Eigeninitiative

Noch nie hat sich der Arbeitsmarkt so stark und schnell verändert wie jetzt. Wer am Ball bleiben möchte, muss in Rekordzeit reagieren. Da sind strategische Weitsicht und Eigeninitiative gefragt. Wer darauf wartet, dass das Bildungssystem oder der Arbeitgeber irgendwann eine Weiterbildung anbietet, läuft der Veränderung hinterher.

 

2. Unternehmergeist

Ob angestellt, selbstständig oder Führungskraft: Betrachten Sie sich als Unternehmer:in mit eigenem Kompetenzportfolio. Analysieren Sie, was Sie anzubieten haben, ob es auf genügend Nachfrage stößt, und beobachten Sie den Wettbewerb. Wer bereit ist, in neue Kompetenzen zu investieren, macht sich fit für die Zukunft.

 

3. Qualifikation

Besonders interessant für den neuen Arbeitsmarkt ist eine hybride Qualifikation aus technischen Skills und menschlicher Wärme. In diesem Sinne wandeln sich auch klassische Berufsbilder, wo inzwischen neben dem Umgang mit Computern, Robotern und Technik auch Sozialkompetenzen wie Empathie stark gefragt sind.

 

4. Offenheit

Die meisten Jobs sehen heute anders aus als vor fünf Jahren – und werden in fünf Jahren noch einmal anders aussehen. Automatisierung und künstliche Intelligenz ziehen in alle Arbeitsbereiche ein. Wer sich offen und lernbereit gibt, verliert nicht seinen Job, sondern erwirbt im Paartanz mit der Technik neue Kompetenzen und betritt spannende Betätigungsfelder.

 

 

Die meisten Unternehmen interessiert es gerade brennend, wie die Gen Z tickt.

Es heißt, diese Generation wäre so digitalkompetent. Digital Native und digitalkompetent zu sein, sind aber zwei Paar Stiefel. Es gibt viele 19-Jährige, die virtuos die Frontends amerikanischer oder chinesischer Apps bedienen können und dabei keinerlei Bewusstsein dafür haben, was im Backend mit ihren persönlichen Daten passiert und wie sie sich schützen können.

 

Dabei wird diese Digitalkompetenz für den Arbeitsmarkt der Zukunft existenziell.

Es ist gut, eine fachliche Expertise in den neuen Schlüsseltechnologien wie Softwareentwicklung, Cybersecurity, Quantum-Computing, KI oder Blockchain zu haben. Das allein entwickelt aber noch keine große Durchschlagskraft. Die Fähigkeit muss kombiniert werden mit anderen Future-Skills. Dazu gehören zum Beispiel alle erdenklichen Formen von Sozialkompetenz. Es geht vor allem um die Kombination verschiedener Fähigkeiten. Hybrid qualifiziert zu sein, ist am Arbeitsmarkt das neue Sexy.

 

Sozialkompetenz ist eine Future-Skill?

Unbedingt! Wir brauchen Sozialkompetenzen wie Empathie, Resilienz oder die Fähigkeit, tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen in dieser von starken Veränderungen bestimmten, schwierigen Welt. Wenn ich diese Sozialfähigkeiten mit technologischer Kompetenz paare, dann entwickele ich eine kraftvolle Wirkung.

 

Brauchen wir für Soft Skills Abschlüsse?

Ich plädiere dafür, von der Denke wegzukommen, dass alles nachgewiesen werden muss. Ich sage: Bildungserfolg ist das, was ich auf die Straße bringe. Wenn ich emphatisch bin und dementsprechend agiere, dann reicht das aus. Ein guter Softwareentwickler ist ja auch deshalb gefragt, weil er gute Software entwickelt, und nicht, weil er einen Abschluss darin hat. In Anbetracht des Fachkräftemangels können wir es uns gar nicht mehr leisten, nur auf formale Abschlüsse zu schauen. Auch informell erworbene Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung.

 

Wird es also bald weniger um Abschlüsse gehen?

Richtig, Bildungserfolg manifestiert sich in der tatsächlichen Fähigkeit, mit dem zurechtzukommen, was derzeit auf uns hereinprasselt. Es wird darauf ankommen, dass Bildung auf die tatsächlichen Anforderungen der Gegenwart und Zukunft vorbereitet.

 

„65 Prozent der Schüler:innen werden später einen Job haben, den wir heute noch nicht einmal benennen können.“

 

Wir haben eingangs über Future-Jobs gesprochen. Welche Berufe wird es dagegen in Zukunft gar nicht mehr geben?

Der Begriff „Future-Job“ an sich ist schwierig, weil sich Tätigkeitsprofile wie gesagt immer neu gruppieren. Es werden nicht ganze Jobs wegfallen, aber bestimmte Tätigkeitsprofile. 65 Prozent der jetzigen Grundschüler:innen werden einmal Jobs haben, die wir heute nicht einmal benennen können. Das heißt auch: Wir müssen sie in der Schule für eine Arbeitswelt qualifizieren, von der wir nicht genau einschätzen können, wie diese einmal aussehen wird.

 

Mit Unsicherheit umgehen zu können, wird also zur wichtigen Kompetenz.

Sowohl die Geschwindigkeit als auch die Intensität der Veränderungen ist sehr hoch, nahezu alle Tätigkeitsfelder sind von dieser Veränderungsdynamik betroffen. Wir haben ein komplexes Tagesgeschäft bei gleichzeitigem Druck, uns ständig weiterzuentwickeln. Jobs sehen heute durch die digitale Transformation oft anders aus als vor fünf Jahren.

 

Puh, wie macht man sich da zukunftsfähig?

Durch strategische Weitsicht und Eigeninitiative. Es gibt eine hohe Dynamik von dem, was kommt, was bleibt und was geht. Noch nie hat sich der Arbeitsmarkt so stark verändert wie jetzt. Wir müssen es schaffen, in Rekordzeit zu reagieren. Wenn ich darauf warte, dass das Bildungssystem oder der Arbeitgeber mir irgendwann die richtigen Angebote zur Weiterbildung macht, laufe ich der Veränderung hinterher.

 

Können Sie konkreter werden?

Unabhängig davon, in welcher Branche wir arbeiten, sollte sich jede:r als Unternehmer:in mit eigenem Kompetenzportfolio begreifen. Dazu muss man analysieren, was man anzubieten hat und ob das auf Nachfrage stößt. Man muss den Wettbewerb im Blick haben und erkennen, was sich daraus für Marktchancen und Risiken für das eigene Kompetenzportfolio ergeben. Und man muss auch bereit sein, persönlich zu investieren. Gleichzeitig müssen wir uns fragen, ob das, was wir mitbringen, bereits durch neue Technologien herausgefordert wird.

 

Stichwort künstliche Intelligenz…

Ja, wir werden bald nicht mehr nur menschliche Kolleg:innen haben. In den USA gibt es schon jetzt Managementmeetings, in denen ein Stuhl bewusst frei gelassen wird. Er repräsentiert die KI, die basierend auf der Analyse riesiger Datenmengen bestimmte Entscheidungen vorbereitet.

 

Was müssen Führungskräfte können?

Wir wissen ziemlich sicher, dass Krise und Transformation Dauerzustände sein werden. Außerdem müssen Führungskräfte Talentmagnete sein, weil sich der Arbeitsmarkt immer mehr von einem Arbeitgeber- zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt. Sie brauchen eine Kombination aus Empathie, sozialer Kompetenz, Sichtbarkeit und eine Vorbildrolle.

 

Und wo muss die Wirtschaft an sich arbeiten?

Wir brauchen mehr Flexibilität gegenüber ungewöhnlichen Werdegängen und informell erworbenem Wissen. Man kann auch jemanden ohne fertigen Abschluss einstellen und ihm den Rest beibringen. Werdegängen mit Brüchen, Pausen, Disruption und Neuanfängen sollte eine Chance gegeben werden. Jemand, der mit einem eigenen Unternehmen gescheitert ist, bringt ein Potenzial mit, weil er oder sie Unternehmergeist gezeigt und Widerstandskraft entwickelt hat.

 

Zu Ihrem Forschungsfeld zählt auch die Zusammenarbeit von humaner und künstlicher Intelligenz. Wie sieht das im Optimalfall aus?

Mensch und Maschine müssen den harmonischen Paartanz erlernen. Es geht nicht darum, den einen Partner vom Parkett zu schubsen, sondern stärkenbasiert mal den einen, mal den anderen führen zu lassen. Wir sehen, wo die KI der humanen Intelligenz überlegen ist – und zwar immer da, wo riesige Datenmengen in einer kurzen Zeit auf Muster untersucht werden müssen. Die Entwicklung der MRNA-Impfstoffe in Rekordzeit ist ein gutes Beispiel. Die richtige Wirkstoffkombination konnte mithilfe einer KI unter Analyse riesiger Datenmengen weltweit herausgefunden werden. Dann hat das menschliche Forscherteam seine Erfahrung, Gespür und Intuition in die Entwicklung gegeben.

 

Welche Aufgaben übernimmt bald nur noch der Computer?

Tätigkeiten, die dumb, dull und dangerous sind. Und solche, bei denen Datenmengen und Muster in hoher Geschwindigkeit und Präzision analysiert werden müssen. Die gute Nachricht: Menschen wollen keine langweiligen, eintönigen oder gefährlichen Tätigkeiten übernehmen. Ein Beispiel für dangerous sind beispielsweise Roboter zur Entschärfung von Kriegsminen. Wenn all das die Technologie übernimmt, sind unsere menschlichen Kapazitäten freigespült, um das zu tun, was wir gerne machen. Das, wo wir als Mensch eine wirkliche Wertschöpfung erbringen und emotionalen Mehrwert stiften können.

 

Yasmin Weiß zu Gast im neuen STRIVE-Podcast

Welche Jobs werden in Zukunft gefragt sein – und welche Berufe wird es in zehn Jahren nicht mehr geben? Was müssen wir lernen? Welche Skills müssen wir draufhaben, um uns selbst fit für den Arbeitsmarkt von morgen zu machen? Darüber spricht die Bildungsexpertin und Zukunftsforscherin Prof. Dr. Yasmin Weiß mit STRIVE-Herausgeberin Katharina Wolff in unserem neuen Podcast „STRIVE up your Life“. Zu hören ab dem 1. Februar hier.

Zurück zum Blog