Penta-Gründerin Jessica Holzbach: „Wir haben ganz schön provoziert“
Die Revolution der Bankerinnen | Das deutsche Bankwesen ist verkrustet, geprägt von Altherren-Business und überholten Attitüden. Für Frauen war es bisher schwer, nach oben zu kommen. Das ändert sich gerade: Gepusht von Fintechs und Neo-Banking revolutionieren kluge Managerinnen – allen voran die Penta-Gründerin Jessica Holzbach (31) – die Branche.
Bei ihrer ersten Begegnung mit der Welt der Banken war Jessica Holzbach, nun ja: „etwas desillusioniert“, sagt sie und lacht. Ein Praktikum im Studium führte sie zur Commerzbank, wo sie vor allem lernte, Formulare auszudrucken und durch die Prüf- und Genehmigungsschleifen auf den verschiedenen Entscheidungsebenen der Bank zu bringen. „Ich habe dann gemerkt: Wenn ich schnell etwas sehen, lernen und bewegen will in der Finanzbranche, geht das anderswo besser als in den klassischen Bank-Hierarchien.“
Holzbach begann ihre Karriere dann 2013 in der Unternehmensberatung, spezialisierte sich auf digitales Kundenbeziehungs-Management in der Finanzbranche. „Damals schien es den Entscheider:innen in den Banken noch völlig undenkbar, dass man Bankberatung ganz ohne Filialen machen könnte, der Widerstand gegen jede Art der Veränderung in den etablierten Strukturen war extrem groß“, sagt Holzbach.
Frustriert entschied sie sich, noch einen Finanzmanagement-Master zu machen, und entwickelte nebenbei ein kleines Food-Startup mit Freund:innen. „Das Startup selbst war nicht erfolgreich, aber es brachte uns auf eine neue Idee: Wir hatten nämlich festgestellt, dass es als Startup extrem aufwendig war, in Deutschland ein Firmenkonto zu eröffnen.“
Die Geburt von Penta
Im Jahr 2017 gründete Holzbach mit vier Freund:innen kurzerhand eine eigene Bank: Penta. Ein komplett digitaler, agiler Finanzdienstleister für junge Unternehmer:innen, die keine Lust auf wochenlanges Formulare-Ausfüllen bei klassischen Kreditinstituten haben. Bei Penta können sie ein Konto eröffnen, noch bevor sie zum Beispiel eine GmbH gründen – ein Novum in der Branche. „Damit haben wir natürlich ganz schön provoziert“, sagt Holzbach. Ein Team von Quereinsteiger:innen, „keiner von uns hatte jemals ernsthaft in einer Bank gearbeitet“, gewann innerhalb kurzer Zeit mehr als 30.000 Kund:innen. Insbesondere Holzbach selbst fiel auf in der Branche. Eine junge Frau als selbstbewusste Angreiferin, überhaupt: Eine Frau in einer Führungsposition, das ist im traditionellen Banker-Territorium ein ungewohntes Bild.
Frauen in Top-Führungsjobs kann man in der Finanzbranche auch im Jahr 2021 noch mit der Lupe suchen.
Schaut man in die Vorstände der größten deutschen Banken, haben es zwar einige Frauen ganz nach oben geschafft: Bei der Deutschen Bank steuern mit Christiana Riley (43), CEO für die Region Nord- und Südamerika, und Rebecca Short (46), Chief Transformation Officer, zwei Frauen gemeinsam mit ihren acht männlichen Vorstandskollegen das Geschäft. Auch bei den großen Landesbanken und Förderbanken sind in den vergangenen Jahren erfahrene Finanzmanagerinnen wie Ingrid Hengster (60), Melanie Kehr (46) und Christiane Laibach (59) – alle im Vorstand der Förderbank KfW – und bei der LBBW Stefanie Münz (41) in die erste Reihe vorgerückt. Und bei der Commerzbank sind mit Bettina Orlopp (51), CFO und stellvertretende Vorstandsvorsitzende, und Sabine Schmittroth (56), Privatkundenvorstand und Arbeitsdirektorin, zwei ausgewiesene Finanzexpertinnen auf der höchsten Führungsebene angekommen. Doch sie sind dramatisch in der Unterzahl – nicht einmal elf Prozent der Vorstandsposten in Banken sind laut einer Studie des DIW mit Frauen besetzt; 90 Prozent der Vorstandsgremien deutscher Banken kommen insgesamt ganz ohne Frauen aus.
Das lässt ahnen, unter welchem Druck diese wenigen Top-Frauen stehen. Zumal ihnen der Weg ganz nach oben, auf einen CEO-Posten, bislang gänzlich verwehrt blieb. Orlopp, die im Jahr 2017 als erste Frau überhaupt in den Commerzbank-Vorstand eingezogen war und Berichten zufolge eigentlich als CEO im Gespräch war, wurde schließlich mit dem eigens neu geschaffenen Posten der „stellvertretenden Vorsitzenden“ abgespeist. Ähnlich lief es für Ingrid Hengster bei der Förderbank KfW: Die promovierte Juristin, die im Investmentbanking bei internationalen Instituten Karriere gemacht hatte, bevor sie 2014 zur KfW kam, galt eigentlich als naheliegendste Kandidatin für den einflussreichen CEO-Posten der Bank und als interne Favoritin. Am Ende wurde im Juni dieses Jahres mit Stefan Wintels (54) dann doch ein Mann als Vorstandschef berufen. Und Hengster? Hat wohl keine Lust mehr auf derlei Spielchen. Sie wechselt Berichten zufolge in Kürze zur britischen Großbank Barclays.
Bank-Vorständinnen bleiben Ausnahmeerscheinungen
Bank-Vorständinnen bleiben in Deutschland also Ausnahmeerscheinungen, die unter verschärfter Beobachtung stehen – und um ihre Positionen kämpfen müssen.
Parität ist nicht einmal annähernd in Sichtweite.
Der Frauenanteil in Führungspositionen ist nicht nur besonders niedrig, sondern zuletzt zudem weniger stark gestiegen als in anderen Branchen, zeigt das Managerinnen-Barometer des DIW. Große Kreditinstitute setzen sich nun, vor allem auf Druck des Gesetzgebers, öffentlichkeitswirksam Quotenziele von um die 30 Prozent. Christine Lagarde (65), Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), nimmt die Bankchefs beim Wort und will Taten sehen: In Zukunft sollen die Aufsichtsbehörden nicht nur die fachliche Eignung von Bankvorständen überprüfen, sondern auch deren Fortschritte in Sachen Diversität.
Warum aber braucht es überhaupt so viel Druck, damit sich etwas ändert in der Branche?
Alexandra Niessen-Ruenzi (41), Professorin für Betriebswirtschaft an der Universität Mannheim, hat die Hintergründe der niedrigen Frauenquoten in den Banken untersucht. Ihre Studie zeigt: Schon unter Studentinnen gehört eine Karriere in der Finanzbranche nicht zu den Favoriten. Ein wichtiger Grund: Die Branche gilt als sehr konservativ und zugleich als extrem wettbewerbsintensiv. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr liefen junge Goldman-Sachs-Banker:innen – beiderlei Geschlechts – Sturm gegen die Arbeitsbedingungen bei der Investmentbank. Statt bis zu hundert Stunden pro Woche wollten sie lieber „nur“ maximal 80 Stunden wöchentlich arbeiten. Das Management zeigte sich einsichtig und gab den Jung-Banker:innen einen Tag pro Woche frei, den Samstag.
Meldungen wie diese färben auf das Image der ganzen Branche ab. Angesichts der Debatten über New Work und Work-Life-Balance wirken sie nicht nur auf junge Frauen wie aus der Zeit gefallen. Männer, die sich einen Wettbewerb liefern, wer am längsten und härtesten arbeitet, die mit Klauen und Zähnen ihre Macht und die etablierten Strukturen verteidigen – und Jobs, in denen es zum guten Ton gehört, sich rund um die Uhr in den Dienst der Profitmaximierung zu stellen: Darauf haben wenige Frauen Lust. Das klingt nach einem Klischee, aber „die meisten Frauen arbeiten nun einmal erwiesenermaßen lieber sachorientiert, als sich in Machtkämpfen nach oben zu boxen“, sagt Forscherin Niessen-Ruenzi. Die Anzahl weiblicher Bewerberinnen in der Branche sei zuletzt sogar rückläufig gewesen.
„Die meisten Frauen arbeiten lieber sachorientiert, als sich in Machtkämpfen nach oben zu boxen“ – Alexandra Niessen-Ruenzi
Jessica Holzbach kann die Vorbehalte nachvollziehen: „Viele junge Frauen denken beim Bankwesen einfach an diese typischen Anzugmänner – man sieht ja auch tatsächlich viel zu wenige prominente Frauen, die die Branche repräsentieren.“ Stattdessen haben viele immer noch die mächtigen Granden der alten Bankenwelt vor Augen, etwa den ehemaligen DeutscheBank-Chef Josef Ackermann (73). Die Skandale aus der Zeit der Finanzkrise um 2007, für die mächtige Männer der Finanzbranche nicht die Verantwortung übernehmen wollten. Und die rücksichtslose „Work hard, play hard“-Attitüde ehrgeiziger Investmentbanker.
„Tatsächlich ist es aber so, dass sich die Branche gerade ganz massiv verändert“, sagt Holzbach. „Es dreht sich nicht mehr alles um diese großen, mächtigen Bankinstitute, in deren Hierarchien man sich nach oben kämpfen muss.“ Die Bankwelt werde digitaler und damit auch viel dezentraler und vielfältiger, „weil sich die Branche öffnen muss für digitale Talente und neue Perspektiven.“ Bank- und Finanzdienstleistungen würden nun „in ihre Einzelteile zerhackt, als digitale Services neu gedacht, optimiert und kundenfreundlicher gestaltet“. Damit fallen auch die alten Hierarchien, die Kultur verändert sich. Ein guter Zeitpunkt also für alle, die etwas bewegen und das neue, digitale Bankwesen mitgestalten wollen. Auch Holzbach selbst denkt gerade darüber nach, wo sie sich als Nächstes in die Banken-Revolution einklinkt: Im Frühling 2021 ist sie bei Penta ausgestiegen. Der Branche will sie nach einer Auszeit aber treu bleiben. Ihr Rat an ehrgeizige Managerinnen mit einem Händchen für Finanzen und Digitales:
„Sich von dem Image der alten Men’s World in der Finanzwelt abschrecken zu lassen wäre ein Fehler.“ – Jessica Holzbach
Das sieht auch Nadine Urseanu (38) so. Sie ist nach dem BWL-Studium in einer der am stärksten von Männern dominierten Sparten der Branche gestartet: im internationalen Investmentbanking. „Tatsächlich hat mir damals ein Freund gesagt, der selbst im Investmentbanking war: Nadine, wir haben zu viele Männer hier, das muss sich ändern! Komm zu uns, du kannst das!“, erzählt sie. Für eine Karriere im Investmentbanking müsse man sich für Unternehmensbewertungen interessieren und „gut mit Kunden können“. „Auch eine gute Portion Street Smartness gehört dazu, also praktisches Denken und Durchsetzungskraft.“
Vor langen Arbeitszeiten und harter Konkurrenz hatte Urseanu keine Angst. Heute ist sie Executive Director bei der Investmentbank Goldman Sachs im Private Wealth Management, kümmert sich also um die privaten Geldanlagen vermögender Unternehmer:innen und Gründer:innen. Die Erfahrung, oft als einzige Frau am Tisch zu sitzen, hat sie durch ihre Karriere begleitet: „Als ich 2010 bei Goldman Sachs gestartet bin, gab es in meinem Jahrgang sogar besonders wenige Frauen“, sagt sie.
Durch die Finanzkrise, die im Jahr 2008 mit der Pleite von Lehman Brothers begann, gab es viele Kündigungen, das Image der Branche war schwer angeschlagen. „Mein Eindruck ist, dass sich zu diesem Zeitpunkt viele Frauen aus der Finanzwelt und speziell aus dem Investmentbanking ausgeklinkt haben“, sagt Urseanu. Aber: „Alle, die geblieben sind, haben dann tolle Karrieren gemacht. Denn letztlich hat in dieser Zeit ein großer Wandel in der Branche eingesetzt, der viele neue Chancen mit sich bringt.“
Im Private Wealth Management, in dem sie heute tätig ist, gebe es bereits relativ viele Frauen in Führungspositionen, berichtet sie. Lange Arbeitszeiten sind auch hier an der Tagesordnung – trotzdem lassen sich Karriere und Familienplanung unter einen Hut bringen, sagt Urseanu, die zwei kleine Kinder im Alter von sechs und vier Jahren hat. „Ich erlebe immer noch oft, dass Frauen Angst haben, das nicht beides zu schaffen, dass sie ihre Karrieren aufgeben, wenn Kinder kommen“, sagt sie. „Meine Mentorin und meine Vorgesetzten haben mir von Anfang an signalisiert: Es ist okay, wenn du jetzt eine Zeit lang nicht 100 Prozent geben kannst – wir wollen, dass du bleibst!“
Neue Frauen-Chancen
Momentan, glaubt Urseanu, haben Frauen im Bankwesen eine riesige Chance, sich zu beweisen und Karriere zu machen. Denn nicht nur die Branche ist in Bewegung, sondern auch die Kund:innen: „Bei den Familienunternehmen, die wir beraten, kommt die nächste Generation in Verantwortung – und immer häufiger sind es die Töchter, die dort übernehmen.“ Und bei Tech-Unternehmen und Startups trifft sie immer öfter auf Gründerinnen und Managerinnen, die sich bei ihrer Bank diversere Berater:innen-Teams wünschen.
Auch Sibylle Strack (53) sieht die Finanzwelt an einem Punkt, an dem ein kultureller Wandel ins Rollen kommt. In den Bankvorständen mögen noch nicht viele Frauen angekommen sein – doch in den neuen Digitaleinheiten der Banken wurden zuletzt viele Stellen mit ehrgeizigen Frauen aus der Branche oder mit Quereinsteigerinnen aus dem Digitalbusiness besetzt.
Strack ist eine von ihnen: Sie kennt die Finanzbranche in- und auswendig. Nach der Ausbildung bei der Deutschen Bank studierte sie BWL, beriet dann als Senior Manager bei der Beratungsgesellschaft Accenture Finanzinstitute, leitete beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband den Bereich Zahlungsverkehr, baute als Co-CEO das Fintech Kontist mit auf. Anfang des Jahres ließ sie sich dann doch zurücklocken zur Deutschen Bank, wo sie nun als Chief Growth Officer den neu gegründeten Geschäftskundenbereich „Deutsche BizBanking“ in Berlin aufbauen soll.
Gerade jetzt scheint ihr der Impact bei einem Traditionshaus wie der Deutschen Bank besonders groß zu sein: „Bei einem Fintech fange ich mit ein paar Tausend oder Zehntausend Kund:innen an. Hier bei der größten deutschen Bank geht es um mehr als 800.000 Kund:innen, für die wir zusätzlich zu dem Bewährten etwas ganz Neues bauen – das hat mich gereizt“, sagt Strack. „Eine große Herausforderung ist dabei, die alte und die neue Finanzwelt zusammenzubringen. Wo brauche ich die bisherigen Fähigkeiten, wo die neuen? Und wie bringt man die oft doch sehr unterschiedlichen Kulturen zusammen?“
Aus ihrer Zeit beim Fintech Kontist ist sie diverse, international aufgestellte Teams gewohnt. Die baut sie jetzt auch für ihren Bereich in der Bank auf. Zwischen den Fintechs und den etablierten Banken entwickle sich gerade ein reger Wechsel von Fachkräften. Mitarbeiter:innen der Bank empfiehlt sie gerne, sich anderswo, am besten in einem Digitalunternehmen, einen Job zu suchen – und erst danach wieder zurückzukehren in die Bank. Statt zur klassischen Banklehre rät sie Nachwuchskräften: „Macht erst mal was Digitales.“ Damit eckt sie an. Aber Strack ist überzeugt:
„Die klassische, lineare Bank-Karriere, bei der man 30 Jahre bei ein und demselben Institut bleibt, wird es in Zukunft immer weniger geben.“ – Sibylle Strack
Wer Mut und digitales Know-how habe, hätte in der Branche dagegen richtig gut Chancen – „nicht nur als Frau“.
Sibylle Strack (53) baute als Co-CEO das Fintech Kontist mit auf, wechselte dann Anfang des Jahres zur Deutschen Bank, wo sie nun als Chief Growth Officer den neu gegründeten Geschäftskundenbereich „Deutsche BizBanking“ in Berlin aufbauen wird.
Die Bankenbranche in Zahlen
Die Frauenquoten in der Finanzwelt sind niedriger als in vielen anderen Wirtschaftsbereichen. Das zeigen folgende Zahlen:
10,5%
der Vorständ:innen in Deutschlands 100 größten Banken sind weiblich. Damit schaffen es noch weniger Frauen nach oben als im Durchschnitt der DAX-Konzerne.
4%
der Vorstandsgremien in Volks- und Raiffeisenbanken sind mit Frauen besetzt.
6%
der Vorstände in deutschen Spar- kassen sind weiblich – 55 Frauen treffen auf rund 870 Männer. Anders als bei den börsennotierten Großbanken gibt es hier keinen Druck durch gesetzlich vorgegebe- ne Frauenquoten.
90%
der Vorstände deutscher Banken kommen unterm Strich ganz ohne Frauen aus.