Dr. Laila Al-Halabi-Frenzel

„Als Gründerin kann ich mir Langsamkeit nicht leisten“

Während der Pandemie trafen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik Entscheidungen in Tagen statt in Monaten. Warum akzeptieren wir heute wieder endlose Abstimmungsschleifen, obwohl wir wissen, dass es anders geht? Biotech-Gründerin Dr. Laila Al-Halabi-Frenzel über Tempo, Verantwortung und strukturelle Bequemlichkeit.

„Als Gründerin kann ich mir Langsamkeit nicht leisten“
Foto: Getty/Kkolosov

Als ich 2019 gemeinsam mit meinem Doktorvater Prof. Dr. Dübel Abcalis gründete, war vor allem eines spürbar: Bürokratie.

Doch unser Ziel war klar: tierfreie, reproduzierbare Antikörper für Diagnostik und Forschung auf den Markt zu bringen. Kurz gesagt: zentrale Bausteine für medizinische Tests, vom Schwangerschaftstest bis zum Corona-Schnelltest.

Vom Labor in die Realität

Unser erster exist Forschungstransfer wurde nach Monaten der Prüfung abgelehnt. Dabei zielt dieses Programm speziell auf herausragende forschungsbasierte Gründungsvorhaben ab, die aufwändige und risikoreiche Entwicklungsarbeit leisten müssen.

Die Begründung für die Absage: Technologisch überzeugend, wirtschaftlich jedoch nicht präzise genug. Das war ein Wendepunkt.

In Deutschland hält sich hartnäckig der Mythos, Gründlichkeit und Tempo seien Gegensätze.

Dr. Laila Al-Halabi-Frenzel

Wir hörten auf zu erklären, was wissenschaftlich möglich ist und begannen zu zeigen, welches konkrete Problem wir lösen. 95 Prozent der in der Diagnostik eingesetzten Antikörper stammen aus tierischen Quellen, jede Charge ist unterschiedlich. Unternehmen investieren enorme Ressourcen, um diese Schwankungen auszugleichen. Reproduzierbarkeit schafft Planbarkeit. Und Planbarkeit ist ein ökonomischer Vorteil.

Beim zweiten Anlauf erhielten wir insgesamt 1,3 Millionen Euro Förderung.

Als Geschwindigkeit plötzlich Pflicht wurde

Dann kam Corona. Und mit dem Druck wuchs auf einmal die Entscheidungsfähigkeit. Kooperationen mit Universitäten entstanden in Tagen. Fördermittel wurden zügig bewilligt. Prüfungen liefen parallel statt nacheinander.

So entwickelten wir in kurzer Zeit Antikörper für Forschungsprojekte zu SARS-CoV-2 und arbeiteten dabei mit mehreren wissenschaftlichen Partnern zusammen. Dabei litt die Qualität nicht, im Gegenteil: Prozesse waren fokussierter, Zuständigkeiten klarer und Kommunikation direkter.

Verändert hatte sich nicht der Anspruch, sondern die Struktur.

In Deutschland hält sich hartnäckig der Mythos, Gründlichkeit und Tempo seien Gegensätze. Als müssten wir uns zwischen Sorgfalt und Geschwindigkeit entscheiden.

Die Pandemie hat das Gegenteil bewiesen. Dokumentation blieb Pflicht, Standards blieben bestehen. Doch Freigabeprozesse wurden verkürzt und Verantwortung nicht in Gremien verteilt, sondern konkret zugeordnet.

Zeit ist ein Kostenblock, kein abstrakter Faktor

Als Gründerin habe ich keinen Gremienpuffer. Wenn ich nicht entscheide, entscheidet der Markt. Wenn ich Tempo verliere, verliere ich Wettbewerbsfähigkeit. Gerade im Biotech-Bereich, wo Innovationszyklen lang und Kapital teuer sind, ist Zeit kein abstrakter Faktor, sondern ein Kostenblock.

Heute sind wir vielerorts zurück im Modus der Absicherung. Mehr Meetings, mehr Unterschriften, mehr Ebenen. Doch wir wissen, dass es anders geht. Wir haben es erlebt.

Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob wir schneller können. Sondern warum wir Innovationsgeschwindigkeit nur dort zulassen, wo Kapital und Krisendruck sie erzwingen. Tempo ist kein Risiko. Unklare Verantwortung hingegen schon.

Portrait

Dr. Laila Al-Halabi-Frenzel

Gründerin des Biotechs Abcalis

Dr. Laila Al-Halabi-Frenzel ist Biologin und Mitgründerin von Abcalis. Nach ihrer Promotion an der TU Braunschweig arbeitete sie über ein Jahrzehnt in der In-vitro-Diagnostik.

2019 gründete sie das Biotech-Startup Abcalis, das genetisch definierte, tierfreie Antikörper für Diagnostik, Forschung und pharmazeutische Qualitätskontrolle entwickelt. Als Teil der Life Science Factory Community gewann sie Zugang zu wertvollen Kontakten aus Wissenschaft, Politik und dem Startup-Ökosystem.

Foto: Privat