BUSINESS & POLITICS

Von der Kollegin zur Chefin

Kolumne: First-Time Leader 

Von Katrin Grunwald

16. März 2021

 

Wie finde ich gut in die neue Führungsrolle, wenn ich zuvor im gleichen Team selber Teammitglied war und nun meine ehemaligen Kolleg:innen führe? Diese Frage stellen sich einige der First-Time Leader, mit denen ich als Coach arbeite. Sie sind unsicher, wie es ihnen gelingt, einen sauberen Übergang in die neue Rolle zu schaffen. Zudem sorgen sie sich, ob ihre ehemaligen Teamkolleg:innen sie auch tatsächlich in der Führungsrolle annehmen werden.

Die folgenden sechs Tipps helfen, um sich schnell in die neue Rolle einzufinden und eine gute Beziehung zu den ehemaligen Kolleg:innen und nun Mitarbeiter:innen zu behalten:

1. Selbstreflexion: Veränderung und Beständigkeit

Überlege dir, was mit der neuen Rolle anders sein wird und was gleich bleibt. Wahrscheinlich wirst du manchmal z.B. Infos vom Management früher bekommen als alle anderen, die du zunächst noch für dich behalten musst. Andererseits bekommst du auch nicht mehr alles mit, was im Team Thema ist. Unverändert jedoch bleibt beispielsweise deine Persönlichkeit und dein Humor. Überlege dir auch, welche Dinge unter der vorherigen Führungskraft gut im Team geklappt haben und was du davon weiterführen möchtest. Dies sind alles Themen, die du beim Auftakt offen mit deinem Team teilen kannst!

 

2. Der Auftakt

Besonders bei deinem ersten Tag als neue Führungskraft aus dem Team heraus ist es wichtig, dass dir und dem Team klar ist, dass sich die Rollen verändert haben. Welche Rituale gibt es, um den Übergang zu markieren? Dies könnten z.B. ein gemeinsames Meeting mit der Führungskraft über dir sein mit einer offiziellen Übergabe, ein Umzug in ein neues Büro oder ein gemeinsames Kuchenessen als Symbol zum Einstand sein.

3. Hopes & Fears Übung

Um herauszufinden, welche Hoffnungen dein Team mit dir als neue Führungskraft verbindet und welche Bedenken oder offenen Fragen es gibt, kannst Du diese circa 30-minütige Workshop-Übung machen. Gib dem Team zehn Minuten für das Brainstorming über ihre Hoffnungen und Bedenken jeweils auf Post-its (geht auch virtuell über virtuelle Whiteboards wie Miro oder Mural). Parallel kannst du für dich diese Fragen auch auf Post-its beantworten. Dann teilt das Team mit dir seine Post-its und du deine mit dem Team. Ich finde es sehr ehrlich, sich als Führungskraft auch verletzlich zu zeigen, indem du z.B. auch deine Unsicherheiten teilst.


Dann startet eine zweite Brainstormingrunde gemeinsam: Was kannst du und was kann das Team machen, um die Chancen zu vergrößern, dass die Hoffnungen tatsächlich eintreten und was habt ihr in der Hand, dass die Bedenken möglichst nicht eintreten? Überlegt euch konkrete Aktionen, die ihr in den ersten gemeinsamen Wochen umsetzen möchtet und haltet diese fest.

 

4. Lerne dein Team aus der neuen Perspektive kennen

Auch wenn du denkst „Ich kenne doch alle im Team“, empfehle ich in der Anfangszeit ausführlich Zeit für 1:1 Gespräche zu nehmen. Zwar weißt du aus Kolleg:innen-Sicht, was eine Person an Aufgaben gemacht hat und was für sie wichtig bei der Arbeit ist, nicht jedoch aus Sicht der Führungskraft des Teams. Somit sehen deine Teammitglieder direkt, dass es dir wichtig ist, sie aus deiner neuen Rolle heraus zu sehen und wertzuschätzen.

 

5. Chefin und Freundin, geht das?

Vielen Coachees, mit denen ich arbeite, fällt es schwer, Teammitgliedern, mit denen sie befreundet sind, auch unbeliebte Aufgaben und negatives Feedback zu geben. Sie haben oft das Gefühl, Chef:in ODER Freund:in sein zu müssen. Ich finde, es geht auch Chef:in UND Freund:in! Mache dir selber klar, dass du dich mit deinen Teammitgliedern auf einer persönlichen Ebene gut verstehen kannst und gleichzeitig auch klares Feedback geben kannst, wenn Aufgaben etwa nicht pünktlich fertig werden.

 

6. Neid dir gegenüber oder von einzelnen Teammitgliedern

Neid oder Missgunst könnte aufkommen, wenn sich andere Kolleg:innen auch auf deine Stelle beworben haben. Hier ist es wichtig, dass deine eigene Führungskraft ihren Teil dazu beiträgt, dass es für alle im Team klar ist, dass du aus Gründen XY für die Teamleitung ausgewählt wurdest. Um dir langfristig die Unterstützung der Teammitglieder zu sichern, die sich ebenfalls auf deine Stelle beworben haben, ist es aus systemischer Sicht wichtig, dass diese sich gesehen, gehört und wertgeschätzt fühlen. In einem Gespräch kannst du rausfinden, was es genau war, das sie dazu bewogen hat, sich auf die Rolle zu bewerben: Wenn es vielleicht darum ging, mit der Rolle mehr Visibilität im Unternehmen zu bekommen, schau als ihre Führungskraft, was du nun tun kannst, dass die Person über andere Wege mehr Sichtbarkeit bekommt, z.B. durch cross-funktionale Projekte.

 

Auch wenn der Schritt von Kolleg:in zum/r Chef:in Herausforderungen mit sich bringt, können dir diese sechs Tipps den Start erleichtern. Als Food for Thought kannst du dich außerdem in die Schuhe deines Teams stellen und dir die Frage stellen: Was würde ich als Teammitglied von mir als Chef:in erwarten oder wissen wollen?

Katrin Grunwald ist Teamentwicklerin und Coach für First-Time Leader. Als Gründerin der Beratung The Globe Team in München begleitet sie angehende Führungskräfte bei einem erfolgreichen Start in die erste Führungsrolle und Teams weltweit dabei, besser zusammenzuarbeiten.

Sie teilt in ihrer Kolumne konkrete Tipps und Tricks aus ihrer Erfahrung in europäischen Konzernen, Start-Ups, Regierungsorganisationen und NGOs. Für alle, die auf dem Sprung in die erste Führungsrolle und darüber hinaus sind.

Foto: Lucie Greiner

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