BUSINESS & POLITICS

Vom Startup in die Politik

Ein Interview mit Verena Hubertz

von Sarah Jürs

13. Januar 2021

Verena Hubertz hat 2013 zusammen mit ihrer Co-Founderin Mengting Gao die Kochrezepte-App „Kitchen Stories“ entwickelt und¬ daraus ein erfolgreiches Startup mit rund 60 Mitarbeitern gemacht. Über ihren Exit spricht sie zusammen mit den Unternehmern Fabian Heilemann, Gründer von DailyDeal und Heiko Hubertz, Gründer von BigPoint, ausführlich in dem Artikel „How to Exit“ in unserer ersten Ausgabe. Vor wenigen Wochen hat die Gründerin Kitchen Stories verlassen. Jetzt zieht es sie für die SPD in die Bundespolitik. 

Wann hast Du angefangen, Dich aktiv für Politik zu engagieren?


Ich bin bereits mehr als zehn Jahre Parteimitglied. Das große politische Engagement ist neben einer Gründung allerdings eher schwierig. Nach meinem anfänglichen Engagement im Ortsverein Trier, ging es für mich dann erst wieder richtig vor vier Jahren los, kurz vor der Bundestagswahl 2017, als die Partei strauchelte und unter Mitgliederschwund litt. Ich habe damals Kontakt zur SPD gesucht und musste feststellen, wie schwierig das ist von außen mit einer Idee vorzusprechen. Die Partei, so mein Eindruck damals, war nicht sehr durchlässig und was die Mitmachangebote anbelangt nicht sehr modern. Daraufhin haben wir uns zu elft zusammengetan und die Initiative „SPD++“ gegründet. Hier haben wir uns für Online-Mitmachtmöglichkeiten durch Themenforen eingesetzt, aber auch für strukturelle Erneuerungsideen wie eine Jugendquote. Das kam sehr gut an und einiges wurde davon auch am Parteitag beschlossen. Da ich die einzige Gründerin dieser Kampagne war, fand die Presse mich besonders spannend.

Bento schrieb: „Die 29-Jährige will die Partei revolutionieren. Und auf einmal wurde ich von Ministern und vom SPD-Vorstand eingeladen.

Wann hast Du Dich dann entschlossen, voll und ganz in die Politik zu wagen?


Als letztes Jahr klar wurde, dass Jemand in meiner Heimatstadt Trier gesucht wird, der für das Bundestagsmandat von Katharina Barley antreten möchte, habe ich mir zum ersten Mal ernsthaft darüber Gedanken gemacht. Ich habe dies dann offen mit meiner Mitgründerin besprochen und gemeinsam haben wir einen Coach gebucht, der uns zusätzlich beratend zur Seite stand. Da haben wir dann schnell festgestellt, dass mein Herz sehr für die Politik schlägt. Für mich war es auch wichtig deutlich zu machen, dass ich in jedem Falle diesen politischen Weg einschlagen möchte und nicht nur dann, wenn es klappt mit Trier. Dafür gebe ich alles und wenn es nicht funktioniert, dann mache ich wahrscheinlich auch erst einmal eine Pause.


Wieso bist Du Sozialdemokratin geworden? Als Unternehmerin nicht unbedingt die gängigste politische Wahl.


Das liegt an meiner Prägung. Mein Vater ist Schlosser, meine Mutter ist ehemalige Gemeindereferentin und Religionslehrerin. Mir war immer klar: Man muss das Wirtschaftliche mit dem Sozialen zusammendenken. Ich bin auch in die SPD eingetreten, weil wir den Mindestlohn gefordert haben. Als Studentin habe ich bei Burger King gejobbt. Als es dann eine Gehaltserhöhung von 6,13 Euro auf 6,17 Euro pro Stunde gab, habe ich mich gefragt, wie mein Kollege mit Kind mit diesem Gehalt über die Runden kommen soll. Es muss in diesem Land in der Politik darum gehen, dass jeder gut von seiner Arbeit leben kann. Für mich ist die SPD nach wie vor die Partei, die sich dafür einsetzt, dass hier jeder Mensch unabhängig von Geschlecht oder Herkunft die gleichen Startmöglichkeiten bekommt.


Was möchtest Du erreichen als SPD-Bundestagsabgeordnete?


Ich wünsche mir sehr, dass ich in die SPD einen Zukunftsoptimismus einbringen und an der Beantwortung der Frage mitwirken kann, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und was das für Jobs sein werden, wenn die Automobilindustrie vielleicht nicht mehr unser wirtschaftliches Rückgrat sein kann. Da sehe ich gerade durch die Bank weg in der Politik sehr wenig Visionen. Da wünsche ich mir, dass wir als SPD diese Themen authentisch, mutig und mit Optimismus anpacken.


Was machst Du, wenn es nicht klappt mit der Politik? Was ist Dein Plan B?


Ich habe keinen Plan B. Für mich ist der aktive Abschnitt mit „Kitchen Stories“ beendet, wenngleich ich als Gründerin natürlich immer eng verbunden bleiben werde. Losgelöst von der Politik wollte ich erstmal wissen: bin ich die Person auf dem richtigen Stuhl für die nächsten fünf Jahre plus für unser Unternehmen?  Man muss diese Frage zu 120 % mit „ja“ beantworten können, denn 80 % reichen nicht im Startup. Ich finde, man kann die Dinge auch nur richtig gut machen, wenn man sie mit Freude macht und da habe ich gemerkt, dass die eher Management bezogenen Aufgaben in einer Skalierungsphase nicht so gut zu meinen Stärken passen. Und deswegen war es für mich der richtige Zeitpunkt, Kitchen Stories jetzt zu verlassen und gemeinsam mit meiner Mitgründerin Mengting einen Nachfolgeprozess zu starten.


Im Falle, dass es nicht mit dem Bundestagsmandat klappen sollte, bin ich überzeugt, dass es einen Weg in der Politik für mich geben wird. Deswegen mache ich mir darüber jetzt noch keine Gedanken, sondern denke erst darüber nach, wenn es soweit ist.


Wie sicher bist Du Dir, dass die Politik wirklich das Richtige für Dich ist? Du tauscht kurze Entscheidungswege und Agilität gegen lange, komplizierte Prozesse ein.


Ich bin mir bewusst, dass es eine krasse Umstellung sein wird. Ich glaube aber, dass meine Leidenschaft und mein Antrieb für die Themen, die ich anstoßen möchte, groß genug sind. Das wird ein bisschen so sein wie beim Gründen. Da zählen auch Eigenschaften wie Durchhaltevermögen und Überzeugungskraft. Bei Kitchen Stories befanden wir uns in einem sehr saturierten, gesättigten, Old School Markt mit einer neuen Idee, für die ich stetig werben musste.  Entsprechend sind wir auch sieben Jahre gelaufen und klopfen auch heute noch teils lange an Türen, bis man sagt: ja, treten Sie ein. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich mich da durchkämpfe. Zudem macht es mir große Freude auf Menschen zuzugehen, ihre Herausforderungen zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu finden. 

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