Diese zwei Gemüse-Influencer greifen die Food-Industrie an

My private Setup | Die längste Zeit ihrer Karriere arbeitete Jaclyn Schnau (43) in Konzernen der Lebensmittelindustrie. Dann merkte sie: Das Essen, das dort produziert wird, ist schlecht für die Menschen. Und dass sie das nicht wird ändern können. Deshalb gründete sie Pumpkin Organics – und macht dort einiges anders. Als auch ihr Mann einstieg, mussten sie auch im Privaten nachjustieren.


Jaclyn Schnau und ihr Mann Florian.

Was machen Sie beruflich?

Wenn man meine dreijährige Tochter fragt, würde sie sagen: „Mama macht einfach leckeres Essen“. Mein Leben hat sich schon immer um Lebensmittel und Ernährung gedreht, und jetzt ist es mein Beruf. Ich habe Pumpkin Organics gegründet, um Eltern dabei zu helfen, gesündere Essgewohnheiten für ihre Kinder im Alltag zu etablieren. Und zwar dann, wenn es am wichtigsten ist: in den ersten 1000 Tagen. Als Erwachsene haben wir alle damit zu kämpfen, dass wir uns gesünder ernähren müssten, es aber nicht machen. Kindern können wir aber noch beibringen, wie das geht. Das ist mein Job. Ich sehe mich selbst als eine Art Gemüse-Influencerin, eigentlich bin ich aber einfach eine Mutter, der die Gesundheit und das Glück unserer Kinder wirklich am Herzen liegt.


Die Leute fragen, warum ich mein Unternehmen Pumpkin Organics genannt habe. Das ist einfach zu erklären: Meine Großeltern haben mich „Pumpkin“ (also Kürbis) genannt, meine Schwester nannten sie übrigens Buttercup. Kürbis bedeutet in Kanada nichts anderes als Schatzi. Vieles von dem, was ich heute bei Pumpkin Organics mache – mein Einsatz für die Umwelt, mein Kampf für gute Ernährung von Babys – habe ich von meinen Großeltern gelernt. Deshalb habe ich mein Unternehmen mit ihnen im Sinn benannt.


Und wie lange schon?

Etwa 2013 wurde bei mir Hashimoto, eine Erkrankung der Schilddrüse, diagnostiziert. Bis dahin versuchte ich jahrelang, herauszufinden, warum ich ständig Schmerzen hatte. Ständig war ich todmüde, ich konnte mich nicht konzentrieren. Nach einem Termin in einer TCM-Klinik fragte mich der Arzt besorgt: „Wie leben Sie mit Ihrer Hashimoto-Krankheit, das sieht nicht gut aus?“ Damit begann für mich die Zeit, in der ich versuchen sollte, meine Gesundheit in den Griff zu kriegen. Von nun an steckte ich all die Energie, die ich sonst in meine Arbeit investierte, in meine Gesundheit. Bisher hatte ich das Ganze wie so viele andere auch – vor allem Frauen – auf den Stress geschoben.

„Immer, als ich in meinem Umfeld davon erzählte, sagten viele, dass ich meine Erfahrungen und mein Wissen doch weitergeben müsse.“

Nun begann ich mit Gesprächen mit Ärzt:innen und Ernährungswissenschftler:innen - Expert:innen westlicher und östlicher Medizin, Ayuveda-Expert:innen. Im Grunde habe ich zusammen mit einem der besten Endokrinologen mein eigenes Programm entwickelt, um meinen Körper wieder in den Griff zu bekommen. Früher liebte ich Essen, jetzt liebe ich die Ernährung.


Immer, als ich in meinem Umfeld davon erzählte, sagten viele, dass ich meine Erfahrungen und mein Wissen doch weitergeben müsse. Irgendwann ist mir klargeworden, dass ich das tatsächlich gerne tun würde – aber nur dort, wo ich damit wirklich etwas bewegen könnte.


Das Problem ist doch, dass wir Erwachsenen uns damit schwer tun, unsere guten Ernährungsabsichten zu verwirklichen. Die Gewohnheiten, die wir uns über Jahre antrainiert haben, sind zu stark. Wie wir uns ernähren, lernen wir in den ersten 1000 Tagen unseres Lebens. Wenn wir also wollen, dass sich Erwachsene später gesund ernähren, müssen wir das schon Babys beibringen.


Die Dinge, die in den Supermarktregalen stehen und als gesund gelten, sind leider alles andere als gut für Kinder. Das war mein erstes Learning und ein richtiger Schock für mich. Daher war schnell klar: Das muss ich selber und vor allem besser machen. Die Idee für Pumpkin Organics war geboren.


„Wir sind der erste zertifizierte klimaneutrale Babynahrungshersteller weltweit und der einzige von dreien in Europa, der vollständig recycelbare Verpackungen hat.“

Im Oktober 2016 begann ich mit der Unterstützung von 20 Freund:innen (ich nenne sie meine Kürbiskerne) mein Unternehmen aufzubauen. Inzwischen hat sich Pumpkin Organics als eines der führenden Unternehmen im Bereich nachhaltiger Ernährung etabliert. Unser Schwerpunkt ist es, Babys die Liebe zu Gemüse beizubringen und ihnen zu zeigen, dass nicht alles Leckere zuckersüß oder voller Früchte sein muss. Wir sind übrigens der erste zertifizierte klimaneutrale Babynahrungshersteller weltweit und der einzige von dreien in Europa, der vollständig recycelbare Verpackungen hat. Wir sind klein, aber wir haben viel vor.


Haben Sie Kinder? In welchem Alter haben Sie sie bekommen?

Ich habe Pumpkin Organics ein paar Jahre bevor ich mit 40 Jahren Mutter wurde gegründet. Für mich ist Mutter sein fantastisch: All die schlaflosen Nächte, immer da zu sein – eine ganz neue Art der Produktivität. Gleichzeitig erlebe ich aber auch die Tiefpunkte, die jede berufstätige Mutter erlebt. Jeden Tag muss ich Prioritäten setzen, zwischen Baby Nummer Eins (Olivia) und Baby Nummer Zwei (Pumpkin Organics). Ein ganz schöner Kampf.

Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Denn inzwischen ist Pumpkin Organics zu einem richtigen Ernährungspartner für Eltern geworden. Mein Ziel war es, gute Lebensmittel anzubieten und es den Eltern ermöglichen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Und immer wieder kommen neue Produkte hinzu: Zum Beispiel haben wir gerade Nudelsaucen auf den Markt gebracht. Pasta ist ein Essen, das jedes Kind liebt. Nur versteckt sich in den meisten Soßen auf dem Markt eben eine Unmenge an Zucker und Salz. Das haben wir geändert. Und seit ich selbst ein Kind habe, kann ich meine Produkte auch gleich zielgruppengerecht ausprobieren.


Wie organisieren Sie Ihr Berufs- und Privatleben?

Meine Familie ist in Kanada. Und auch die Familie meines Mannes ist nicht in München. Arbeit und Leben unter einen Hut zu bekommen ist ohne Großeltern, die einen manchmal unterstützen können, nicht so leicht. Deshalb mussten wir lernen, anderswo um Hilfe zu bitten. Anders geht es manchmal nicht, sonst kommen wichtige Dinge zu kurz.


Ich hatte mich damals bewusst dafür entschieden, meinen sicheren Job aufzugeben, mein Mann kam erst etwas später zu Pumpkin Organics hinzu. Jetzt leben und arbeiten wir zusammen. Vielleicht ist das ein bisschen verrückt, aber es funktioniert. Wir haben beide die Sicherheit gegen Freiheit eingetauscht. Ein guter Tausch, finde ich. Denn: Man weiß anfangs nie, worauf man sich einlässt. Das merke ich jeden Tag. Diese Erkenntnis habe ich weiterhin jeden Tag.


„Ein gesundes Frühstück als Familie und meine Tochter, die sieht, dass Mama und Papa sich die Arbeit teilen, ist für uns als Familie eine Priorität.“

Damit das alles funktioniert, braucht man eine feste Routine. Ich stehe zwischen 6:30 und 7 Uhr auf. Ich stelle mir keinen Wecker. Ich finde das wichtig, denn ich glaube fest daran, dass man auf seinen Körper hören (und ihn trainieren) muss. Ein gesundes Frühstück als Familie und meine Tochter, die sieht, dass Mama und Papa sich die Arbeit teilen, ist für uns als Familie eine Priorität.


Im Job gibt es keine Besprechungen nach 17:20 Uhr. Ich verlasse das Büro „laut“ und jede:r weiß, dass diese Zeit dann meiner Tochter gehört. Das ist auch das Signal, dass die anderen Kolleg:innen es genauso machen können.


Wer unterstützt Sie dabei?

Mein Mann unterstützt mich bedingungslos. Er hat für Pumpkin Organics seinen sicheren und gut bezahlten Job aufgegeben. Um als Mutter und Gründerin nicht nur zu funktionieren, sondern vollends in dem, was man tut, aufgehen zu können, braucht man Menschen, auf die man sich verlassen kann. Dazu gehört auch unser wundervolles Team. Mit diesem Gerüst aus Vertrauen und Verlässlichkeit kann man Großes bewirken. Dafür bin ich sehr dankbar!


Wie schalten Sie so richtig ab?

Wenn ich ganz ehrlich bin: selten. Es ist wirklich schwer, mein Gehirn auf Null zu bringen, zu entspannen. Ich versuche ständig, zu optimieren... Für meinen Mann funktionieren Meditation, Yoga, Pranayama-Atmung zur Entspannung. Ich kann das nicht. Außerdem: Wenn man Mutter ist und Unternehmerin, gibt es einfach keine wirklichen Auszeiten. Man hat so viele Verpflichtungen, man kann nicht einfach ein paar Tage frei nehmen. Man kann eigentlich nur lernen, richtig damit umzugehen. Aber einfach ist es nie.