Mit einer App gegen die Smartphone-Abhängigkeit

Meine Gründungsstory | Stress, mangelnde Konzentration, Zeitverschwendung: Die Abhängigkeit zum Smartphone hat viele negative Auswirkungen. Um einen gesunden Umgang mit dem Smartphone zu ermöglichen, entwickelten Christina Roitzheim, Selcuk Aciner und Marius Rackwitz die App „not less but better“. Wir haben mit den drei Gründer:innen über die Idee, ihre Vision und die größten Herausforderungen gesprochen.

Die drei Gründer:innen (v.l.n.r. Christina Roitzheim, Marius Rackwitz und Selcuk Aciner) Foto: Tobias Herrmann



Christina, wie kam die Idee zu NLBB zustande?

Ich habe in Shanghai gelebt und dort einen komplett durch digitalisierten Alltag erfahren. Das ging nicht spurlos an mir vorbei: Ich fühlte mich zunehmend rastlos, gestresst und hatte Schwierigkeiten, präsent zu sein. Nach ein paar Monaten stellte ich schockiert fest: Statt auf die Menschen, die Stadt und die Kultur um mich herum hatte ich die meiste Zeit auf ihr Smartphone geschaut.


Meinem Mitgründer Selcuk ging es ähnlich. Er war damals Gründer eines Startups. Damit kamen auch viele Herausforderungen, vor denen er sich immer wieder in sein Handy flüchtete, um dem Stress aus dem Weg zu gehen.


Wir haben beide alles ausprobiert, um unsere ungesunden Gewohnheiten in den Griff zu kriegen. Aber nichts schien nachhaltig zu helfen. Deswegen entwickeln wir heute, auch zusammen mit unserem dritten Gründer Marius, mit not less but better die Lösung, die nicht da war, als wir es am dringendsten benötigt haben.



Wie genau funktioniert NLBB, Selcuk?

Selcuk: NLBB ist wie ein Fahrspurhalter für das Handy. Die App versteht das Nutzungsverhalten auf dem Handy, und kann dadurch erkennen, wenn sich Nutzer:innen in kopflosem Scrollen verlieren. Oft greifen wir mit einer Absicht zum Handy, zum Beispiel um abends nochmal den Kalender zu checken, und finden uns fünf Minuten später wieder beim Schauen von Instagram Reels. Und das, obwohl wir gerade eigentlich schlafen wollten. Unsere App interveniert genau in diesen Momenten.


Wir Gründer:innen haben alles ausprobiert, um unsere ungesunden Gewohnheiten in den Griff zu kriegen. Aber nichts schien nachhaltig zu helfen. Heute bauen wir das Grammarly für eine gesunde Handy-Nutzung.

Und finde ich Euch schon im z.B. App Store?

Selcuk: Die App mit der Erkennungs- und Interventionstechnologie ist im Moment für eine kleine Gruppe von Beta-Nutzer:innen verfügbar. Wir entwickeln sie aber für die über 300 Millionen Menschen auf der Welt, die wie wir ihre ungesunde Smartphone-Nutzung verändern wollen, aber mit den aktuellen Lösungen scheitern.


Wie war es für Euch von Arbeiternehmer:innen zu Gründer:innen zu werden?

Christina: Da ich direkt aus der Uni gegründet habe, hatte ich nur ein paar kurze Stationen als Arbeitnehmerin. Der Wunsch, selbst einmal Gründerin zu werden, wurde bei mir bereits im Studium während eines Auslandssemesters in - wenig überraschend - Kalifornien geboren. In mir steckt schon immer der Wunsch, gesellschaftlich Großes zu bewegen. Ich bin mit sechs Jahren als einzige in meiner Familie Vegetarierin geworden und habe auf dem Schulhof Unterschriften gegen Tiertransporte gesammelt. Als ich verstanden habe, wie Impact Entrepreneurship gesellschaftlichen Wandel “at scale” ermöglicht, war für mich klar: das ist mein Weg.


Ein zweiter großer Antreiber für mich persönlich ist die Entwicklung einer eigenen Unternehmenskultur. Nachdem ich als Arbeitnehmerin das Feedback erhalten hatte, bitte “weniger zu lächeln, wenn ich hier Erfolg haben möchte” tauchte ich tief in die Themen New Work und psychologische Sicherheit ein, um selbst einen Ort zu schaffen, an dem Menschen ihr ganzes Selbst zeigen können.


Wie lief die Investoren-Suche ab? NLBB war ja auch mal bei „Die Höhle der Löwen“ zu Gast.

Selcuk: Wir sind super zufrieden mit den Investor:innen, die unsere Reise begleiten. An diesen Punkt zu kommen war allerdings aus verschiedenen Gründen herausfordernd. Erstens haben wir die Investor:innen-Suche gestartet ohne ein Netzwerk zu haben. Kapitalakquise basiert auf Vertrauen und dieses Vertrauen mussten wir uns mit guten Ergebnissen erarbeiten.


Außerdem ist uns wichtig mit Investor:innen zu arbeiten, die unsere Werte teilen und operative Erfahrung in den Bereichen mitbringen, die relevant für unseren Markt sind. Das verlängerte die Suche. Diesem Standard sind wir treu geblieben, und es hat sich gelohnt. Das war auch einer der Gründe, woran die Partnerschaft bei DHDL gescheitert ist. Wir hatten unterschiedliche Perspektiven. Das passiert und ist vollkommen okay.


Was war die größte Hürde, die ihr beim Gründen überwinden musstet?

Selcuk: Wir mussten gleich am Anfang pivotieren, sprich unser Business Modell ändern.

Der gesamte Pivot-Prozess war herausfordernd — angefangen beim Erkennen, dass der Schritt notwendig ist, bis hin zum Umbau der Organisation.


In zehn Jahren werden unsere Tools über 20 Millionen Menschen geholfen haben, mehr von den Dingen zu tun, die sie lieben, indem sie die Kontrolle über ihre Bildschirmnutzung zurückerlangen.

Gestartet sind wir als Headspace für Handy-Nutzung: Wir haben psychologische Übungen und Kurse entwickelt, mit denen User ungesunde Handy-Nutzung erkennen und mit gesunden Gewohnheiten ersetzen können. Die Inhalte haben funktioniert und waren wirksam, wurden aber nur wenig genutzt. Unsere User erwarteten von uns, dass wir ungesunde Nutzung für sie in Echtzeit erkennen und ihnen dann in der kritischen Situation aushelfen. Das war technologisch herausfordernd, aber wir haben es hingekriegt. Heute bauen wir das Grammarly für gesunde Handy-Nutzung.



Welcher Gründer:innen-Tipp hat Euch am meisten geholfen?

Christina: Der Gründer von wefox Julian Teicke sagte im OMR Podcast etwas faszinierendes, das uns heute sehr prägt: “Das Wachstum des Unternehmens ist immer limitiert vom Wachstum des Gründungsteam.”


Was ist Eure Vision für NLBB? Was muss passieren, damit ihr sagt, ihr habt Erfolg gehabt?

Christina: In zehn Jahren werden unsere Tools über 20 Millionen Menschen geholfen haben, mehr von den Dingen zu tun, die sie lieben, indem sie die Kontrolle über ihre Bildschirmnutzung zurückerlangen.


Und wir werden sie dabei unterstützen. Dabei sich besser zu konzentrieren, sich wohler zu fühlen und besser zu schlafen. Dadurch werden sie gesündere Mitglieder unserer Gesellschaft.

Als “Robin Hood” der Aufmerksamkeitsökonomie wird unsere Arbeit dazu beitragen, dass sich Aufmerksamkeit verlagert: Weg von Big Tech hin zu den eigentlichen Eigentümer:innen, den Nutzer:innen.