Jede Menge Papiergeld

Kolumne | Gehälter in Startups sind oft alles andere als üppig, mit den großen Konzernen können sie nicht immer mithalten. Juristin Sophie Pollok erklärt, wie die jungen Unternehmen trotzdem Talente gewinnen können – und welche Vorteile das hat.

Um die klügsten Köpfe zu rekrutieren zu können, gewähren viele Startups ihren Mitarbeiter:innen virtuelle Geschäftsanteile (Symbbolbild)



Der Venturecapital-Boom führt nicht nur dazu, dass die Bewertungen europäischer Startups Spitzenwerte erreichen. Er hat auch den netten (Neben-)Effekt, dass sich immer mehr Mitarbeiter:innen von jungen Unternehmen auf dem Papier Millionär:innen nennen können. Denn mittlerweile partizipieren nicht mehr nur Gründer:innen und Investor:innen am Erfolg der Unternehmen, sondern häufig die gesamte Belegschaft. Mitarbeiter:innenbeteiligungsprogramme sind in der Startup-Szene nicht mehr wegzudenken. Im Kampf um Talente und Expert:innen können Unternehmen mit Gehältern, die in Großkonzernen gezahlt werden, nicht mithalten.


Um trotzdem die klügsten Köpfe zu rekrutieren zu können, gewähren viele Startups ihren Mitarbeiter:innen virtuelle Geschäftsanteile („VSOP“) oder die Option auf den Erwerb von Geschäftsanteilen („ESOP“) und beteiligen sie am Wachstum des Unternehmens. Dabei verpflichtet sich das Unternehmen in bestimmten Fällen, etwa beim mehrheitlichen Verkauf oder im Falle eines Börsenganges des Unternehmens, den Gegenwert der virtuellen Geschäftsanteile auszuzahlen oder die gewährten Optionen in tatsächliche Geschäftsanteile zu wandeln.


„Durch die Beteiligungen sollen Mitarbeiter:innen denken wie Gründer:innen.“

Im Gegensatz zu einer Kapitalbeteiligung sind diese Modelle einfacher zu strukturieren und zu implementieren. Durch sie sollen Mitarbeiter:innen eher wie Mitgründer:innen denken: Das Ziel ist die Wertsteigerung des Unternehmens. Statt das eigene Süppchen zu kochen, steht der Unternehmenserfolg im Fokus, auch mit dem Ziel, die Beteiligung möglichst gewinnbringend zu materialisieren. Diese Rechnung geht für die Mitarbeiter:innen meist erst Jahre später auf – wenn überhaupt. Wie für Investor:innen gilt auch für die Beurteilung der gewährten Mitarbeiter:innenbeteiligung: Je früher man in ein Unternehmen einsteigt, desto höher ist das Risiko, dass sich die erhoffte Upside nicht realisiert.


Dieses Risiko sollten Mitarbeiter:innen bei der Gehaltsverhandlung berücksichtigen. Hinzu kommt, dass die steuerlichen Bedingungen für Mitarbeiter:innen in Deutschland nicht optimal sind. Egal ob Optionen oder virtuelle Geschäftsanteile, bei beiden Modellen müssen Mitarbeiter:innen im Falle der Realisierung tief in die Tasche greifen. So kann eine Papier-Million schnell zusammenschrumpfen. Unterm Strich überwiegen jedoch für beide Seiten die Vorteile. Viele, die schon im Umfeld eines schnell wachsenden Startups gearbeitet haben, wissen, dass die Aussicht auf die Beteiligung am finanziellen Erfolg eine Dynamik von großem Wert kreieren kann. Mitarbeiter:innen können damit Vermögen aufbauen. Und vielleicht finanzieren die heutigen Papier-Millionär:innen bald die Ideen von morgen.


Über die Autorin:

Dr. Sophie Pollok (34) ist Rechtsanwältin im Bereich Venturecapital. 2019 gründete sie ihre eigene Beratung; und ist General Counsel von Choco. Das Berliner Startup digitalisiert die Food Supply Chain. Pollok ist auch Initiatorin der Initiative #stayonboard, die sich für Elternrechte von Vorstandsmitgliedern deutscher Aktiengesellschaften einsetzt.