Hört auf mit dem ökologischen Verzichtsnarrativ!

Kolumne: Neues Unternehmertum | In wenigen Wochen findet die Bundestagswahl statt und im aktuellen Wahlkampf häuft sich ein Bild des Verzichts zugunsten der Nachhaltigkeit. Doch Nachhaltigkeit ist viel mehr als ein Luxus einiger weniger – sondern eine Chance für unsere Gesellschaft. Unsere Kolumnistin Stefanie Kuhnhen erklärt, wie ein Perspektivwechsel gelingen kann.


Nachhaltigkeit wird immer relevanter – für Gesellschaft und Politik (Symbolbild)

Heute wird es ungewohnt politisch in meinen Zeilen. Weil wir uns in den letzten Wochen von dem Bundestagswahlkampf befinden und ich nicht darüber hinwegkomme, dass wir selbst in wirtschaftlichen Leitmedien tatsächlich immer wieder nur vom grünen Verzichtsnarrativ lesen. Dabei ist Nachhaltigkeit doch längst vom persönlichen Lifestyle einiger, „die es sich leisten können“, zum gesellschaftlichen Trend und dem zentralen Wirtschaftsfaktor geworden. Als Chance für jedes Unternehmen – aber auch für uns als Land, das diese Zukunftsbranchen in die Welt exportieren kann. Warum reden wir dann nie über das, was wir gewinnen, sondern nur über das, was wir vermeintlich verlieren?


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Um uns herum sehen wir überall auf der Welt in Echtzeit die Auswirkungen der Klimakrise. Wir lesen, dass alle Worst-Case-Annahmen der Wissenschaftler vor mehr als 30 Jahren durch aktuelle Studien bestätigt werden. Wir wissen demnach alles. Und doch spüre und sehe ich gerade in diesen Tagen des Wahlkampfes noch immer starke Beharrungskräfte, gerade auch in den Leitmedien. Besonders gern, wie auch wieder letzte Woche mehrfach in der Presse geschehen, wird dabei das Verzichtsnarrativ herangezogen. Grün sein ist demnach nur für die Reichen und Privilegierten, denn am Ende muss ja bitte noch Geld verdient werden! Und diesen Verzicht, wer kann den denn wollen?


Ich sehe gar keinen Verzicht. Kurzfristig vielleicht, solange die Technologie uns noch nicht alle neuen Möglichkeiten in unseren Alltag bringen kann. Solange bewegt mich als weltoffene und von der Welt und ihren vielfältigen Menschen inspirierte Persönlichkeit natürlich auch, dass ich nicht mehr drei Mal pro Jahr neue Länder erkunden sollte, zumindest nicht am anderen Ende der Welt.

Aber denken wir mal zehn Jahre weiter. Fliegen wir dann mit Wasserstoff? Forsten wir schneller und intelligenter mit CO2-Kompensationen auf? Oder wird Virtuell Reality vielleicht dazu beitragen, neue Ecken der Welt zu erkunden, ohne physisch dort zu sein?


Die anstehenden Reformen haben wenig mit Verzicht zu tun, sondern mit der Chance, jetzt Alles für Alle zu gewinnen

In allem, was wir tun, können wir schlauer handeln. Eben weil wir heute mehr wissen. Und weil uns die Technologie neue Lösungen ermöglicht! Aus einer Welt, die in Skandinavien Bäume fällt, sie nach Asien verschifft, mit viel Wasser und Energie daraus Pappbecher formt, diese mit Plastik beschichtet (das zuerst gefördert, raffiniert und mit Chemikalien versetzt werden muss), um sie dann zurück nach Europa zu verschiffen, sie mit dem LKW quer durchs Land fährt, um einen Pappbecher für einen Coffee-To-Go fünf Minuten in den Händen zu halten. Und das alles anstatt im Restaurant eine Keramiktasse zu nutzen und zur Abgabe zu bringen, wo sie gespült würde, können wir jetzt eine so viel bessere Welt bauen! Es ist nämlich eben nicht alles gut: Nicht die Natur, die soziale Gerechtigkeit, nicht unsere Gesellschaft, unsere Gesundheit und somit auch nicht unser aller Lebensqualität. All das können wir doch besser! Jetzt allemal! Für mich haben die anstehenden Reformen daher erstmal wenig mit Verzicht zu tun, sondern mit der Chance, jetzt Alles für Alle zu gewinnen! Wenn wir klüger denken. Und klüger handeln. Diesen Anspruch sollten wir alle in uns verspüren! Ich freue mich riesig auf eine regenerative Wirtschaft, Natur, Gesellschaft und Welt! Denn sie wird uns in so vielem reicher und resilienter machen. Auf dem Weg dorthin fordert sie ein paar Opfer, aber am Ende werden wir nicht nur mit vielen neuen Lösungen Geld verdienen, sondern vor allem eine Welt erschaffen, die uns nicht um die Ohren fliegt. Und ein Leben, das viel mehr Qualität in sich trägt.


Von daher appelliere ich an uns alle, die wir das Privileg haben, unsere Welt jetzt besonders mitgestalten zu können, weil wir Unternehmen, Einfluss oder Menschen um uns haben, die uns folgen: Bitte lasst uns nicht mehr über Verzicht reden! Sondern über Gewinn! Lasst uns die Vision einer regenerativen Welt zeichnen und an uns den Anspruch haben, alle in unserer Gesellschaft mitzureißen. Schritt für Schritt. Ab heute. Denn auf diese Bundestagswahl kommt es an!


Ich freue mich schon jetzt auf unseren Austausch, der hier beginnt. Und jederzeit online weitergehen kann: stefanie@killingopposites.com. Über die Autorin

Stefanie Kuhnhen verantwortet als geschäftsführende Partnerin das strategische Produkt von Grabarz & Partner, einer der führenden inhabergeführten, kreativen Markenagenturen Deutschlands und der Welt. Nicht nur ihre Arbeiten für Unternehmen wie IKEA, Volkswagen, EDEKA oder Burger King wurden mehrfach mit nationalen und internationalen Strategiepreisen ausgezeichnet, sondern auch sie selbst. Stefanie Kuhnhen ist zweifache Mutter und hat im Frühjahr 2018 das Trendbuch „Das Ende der unvereinbaren Gegensätze" publiziert. Seit 2019 ist sie Co-Founderin des Startups „Kokoro“. Eine App, die die zentralen Faktoren gesunder Unternehmenskulturen misst und Teams aktiv dabei unterstützt, ihren emotionalen Zustand zielgerichtet zu verbessern.