Gründen? Dann aber öko, bitte

Kolumne | Michael Fritz, einer der Gründer:innen von Viva con Aqua, findet, dass man heute ohne sozialen oder ökologischen Hintergedanken nicht mehr gründen sollte. Wer versuche, Ökonomie, Ökologie und Soziales in Einklang zu bringen, helfe am Ende allen, schreibt er in seiner Nachhaltigkeits-Kolumne.


Foto: Viva con Aqua

Eine Sache vorweg: Dass ich diese Kolumne schreiben und meine Gedanken in diesem Rahmenöffentlich äußern darf, ist ziemlich unglaublich. Und ein bisschen absurd. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätte mich niemand beachtet. Kein Uniabschluss (immerhin 26 Semester studiert!), keine Ausbildung, ich bin kein Manager und zu meinem Glück und zum Wohle der Organisation auch kein CEO mehr (das ist einfach nicht wirklich meine Stärke). Genau genommen habe ich gar keine ordentliche Berufsbezeichnung. Ich bin Aktivist.

Aber ich habe das Privileg, meinen aktivistischen Drang in aller Freiheit ausleben zu können – und dafür bezahlt zu werden. Denn bei Viva con Agua haben wir irgendwann angefangen, Aktivismus auch wirtschaftlich zu denken. Haben uns soziale Businessmodelle ausgedacht, die immer auch einen Mehrwert für die Projektarbeit von Viva con Agua haben. Ohne, dass eine soziale oder ökologische Komponente integriert ist, macht es meiner Meinung nach keinen Sinn mehr, ein Unternehmen zu gründen, in einer Welt, die vom Klimawandel bedroht ist, in der große Ungerechtigkeit herrscht, in der Menschen noch immer aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Neigung oder einer körperlichen Beeinträchtigung diskriminiert werden. In der knapp 500 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, ohne das sie nicht leben können, und knapp zwei Milliarden Menschen keine sanitäre Basisversorgung.


Wir machen es den Menschen damit einfach, sich sozial zu engagieren – und alle profitieren.

Mein aktuelles Lieblingsbeispiel: die Villa Viva – ein soziales Gasthaus, in dem jede/r Besucher:in schlafend Gutes tun kann. Das erste hat gerade in Kapstadt, Südafrika, eröffnet, ein zweites entsteht derzeit in Hamburg. Mithilfe von Investor:innen, die ihr Geld lieber sozial als rein profitorientiert anlegen, konnten wir ein Modell bauen, das es Viva con Agua ermöglicht, mit ei- nem Großteil der Gewinne aus dem Gasthausbetrieb Trinkwasser- und Sanitärprojekte zu unterstützen. Ohne selbst einen Cent investiert zu haben. Was ich daran so mag: Wir machen es den Menschen damit einfach, sich sozial zu engagieren – und alle profitieren. Die Investor:innen, die das Gesamtpaket offenbar so attraktiv finden, dass sie uns ihr Geld anvertrauen und damit etwas Gutes bewirken. Die Gäste, die einfach nur in der Villa Viva übernachten und das Haus und unsere Vision mit Leben füllen. Viva con Agua selbst und last but definitely not least die vielen Menschen, deren Lebensbedingungen sich durch den Zugang zu Trinkwasser und Toiletten so deutlich verbessern.

Das geht raus an alle Unternehmer:innen da draußen und solche, die es in Zukunft werden wollen: Wenn ich es hinkriege, mir soziale Businessmodelle zu überlegen und erfolgreich umzusetzen, dann könnt ihr das schon lange. Wir alle, gerade in einem Land wie Deutschland, können unsere Zugänge, Ressourcen und Privilegien noch deutlich besser einsetzen und noch viel mehr darauf achten, dass wir anderen Menschen nicht schaden, niemanden ausbeuten und so wirtschaften, dass nicht nur wir selbst profitieren. Die Zeit der individuellen Profitmaximierung ist vorbei. Jetzt kommt die Ära der Impact-Maximierung und des All-Profit!


Über die Autorin:

Michael Fritz (39) ist Mitgründer von Viva con Agua, einer internationalen Organisation, die sich weltweit für den Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt. Er ist aber vor allem Konzeptionsaktivist und der Meinung: Etwas zu gründen, das keinen gesellschaftlichen Mehrwert hat, hat in der heutigen Zeit keinen Sinn mehr. vivaconagua.org