Die Zukunft der Arbeit ist selbstständig

Gastbeitrag | N26, Gorillas, Zalando – Startups und ihre Gründer:innenteams werden gefeiert wie Rockstars. Dabei stellen immer mehr Menschen erfolgreiche Geschäftsmodelle ganz ohne Venture Capital und Angestellte auf die Beine, es bekommt nur niemand mit. Oft mit nachhaltigerem Erfolg. Zeit mit dem Klischee aufzuräumen, dass Solo-Selbständige nicht genauso viel wert sind wie Startup-Gründer:innen.


Christopher Plantener (Foto: Caroline Pitz)

Wer kennt Pamela Reif, die Fitness-Influencerin? Oder Céline Flores Willers, die LinkedIn-Expertin? Beide sind als Solo-Selbstständige gestartet und haben inzwischen kleine Imperien aufgebaut. Während diese beiden Frauen inzwischen sehr bekannt sind, gibt es unzählige weitere Gründer:innen, die aus sich selbst heraus, ohne Fremdkapital und Angestellte, tolle Geschäftsmodelle auf die Beine gestellt haben.

Obwohl es in Deutschland inzwischen 2,3 Millionen Solo-Selbstständige gibt, redet fast niemand über sie, wenn wir über erfolgreiche Gründungen sprechen. Nicht einmal sie selbst. Als Gründer von Kontist, einer Finanz-App für Solo-Selbstständige, habe ich mich mit ganz vielen „Solos“ unterhalten. Oft kehren sie ihre Erfolge unter den Teppich: „Ich habe ja nicht mal Angestellte!“. Besonders Frauen neigen dazu, ihr Licht unter den Scheffel zu stellen.


Diese 4 Beobachtungen habe ich in den letzten Jahren gemacht:

1. Männer und Frauen gründen anders

Wenn Männer gründen, dann oft mit Blick auf finanziellen Erfolg und Wachstum. Sie sammeln Fremdkapital ein und lassen sich nicht davon verrückt machen, wenn ihr Unternehmen erst mal eine ganze Zeit lang keinen Gewinn macht. Frauen gründen anders: Aus sich selbst heraus, meist ohne Venture Capital, nachhaltiger, ohne riesige Skalierung– und damit öffentlich weniger sichtbar. Während nur 15,7 Prozent der Startups in Deutschland von Frauen gegründet werden, sieht das bei der Solo-Selbstständigkeit schon besser aus: 2021 lag der Frauenanteil unter den Solo-Gründungen bei immerhin 38 Prozent. Auch unter unseren Kund:innen sind 37 Prozent Frauen.


Die Hälfte der Frauen ist neben ihrem Hauptjob solo-selbstständig, was nur bei einem Fünftel der männlichen Einzelunternehmer so ist

2. Zeit schlägt Geld

Frauen machen sich häufig in kreativen oder sozialen Bereichen solo-selbstständig; im Vordergrund steht anfangs nicht der finanzielle Erfolg, sondern der Wunsch, seine eigene Chefin zu sein und die höhere Flexibilität. Als Solo-Selbstständige lassen sich Familie und Job besser vereinbaren als bei einer Festanstellung. Sehr viele Frauen bauen ihre Solo-Selbstständigkeit nachhaltig auf und testen sie zunächst im Nebenerwerb: Die Hälfte von ihnen ist neben ihrem Hauptjob solo-selbstständig, was nur bei einem Fünftel der männlichen Einzelunternehmer so ist.

3. Freelancen ist toll, Unternehmer:in sein noch besser

Eine Solo-Selbstständigkeit bietet nicht nur viel Flexibilität, sondern auch gute Einkommensmöglichkeiten. Viele Solo-Selbstständige starten mit einem Zeit-gegen-Geld-Modell. Das bedeutet, dass sie ihr Geld als spezialisierte Freelancer oder Freiberufler:innen verdienen, zum Beispiel als Webdesigner:in, HR-Expert:in oder IT-Berater:in. Solche spezialisierten Experten werden von Unternehmen meist sehr gut bezahlt.

Richtig spannend wird es aber dann, wenn Solo-Selbstständige ihr Angebot von der Arbeitszeit entkoppeln und unternehmerisch tätig werden. Gerade die Digitalisierung und die diversen Social Media-Plattformen bieten unendliche Möglichkeiten, dem Markt aus den eigenen Fähigkeiten heraus ein lohnendes Angebot zu machen.

Das sieht man an den beiden Frauen, die ich am Anfang erwähnt habe: Pamela Reif ist mit Fitness- und Gesundheitsthemen auf Instagram gestartet, wo sie inzwischen acht Millionen Follower hat. Später hat sie ein erfolgreiches Buch geschrieben, Youtube-Videos veröffentlicht, eine Unterwäsche-Kollektion und gesunde Schokoriegel auf den Markt gebracht und sich so ein Fitness- und Fashion-Imperium erschaffen. Auch Céline Flores Willers hat erst als freiberufliche Unternehmensberaterin gearbeitet, dann als Moderatorin, sich anschließend einen Namen als „Miss LinkedIn“ gemacht (wo ihr heute über 100.000 Menschen folgen) und dann das erfolgreiche Unternehmen „The Personal Branding Company“ aufgebaut.


Ich habe in den letzten Jahren so viele tolle Ideen gesehen, die teilweise aus mangelndem Selbstvertrauen nicht umgesetzt wurden

4. Liebe Solos, seid selbstbewusst!

Nicht jede:r von uns muss so durchstarten wie Pamela oder Céline. Aber, liebe Solo-Selbstständigen und, vor allem, liebe Frauen: Bitte glaubt an euch! Ich habe in den letzten Jahren so viele tolle Ideen gesehen, die teilweise aus mangelndem Selbstvertrauen nicht umgesetzt wurden. Um dieses Selbstvertrauen aufzubauen, ist es wichtig, ein tragfähiges Geschäftskonzept zu erarbeiten, das ein Kundenproblem löst. Hier können Handelskammern oder Gründungsberatungen helfen. Es gibt aber auch viele gute Blogs für Solo-Selbstständige, zum Beispiel von der Österreicherin Lilli Koisser.

Wenn ihr das Gefühl habt, in einem oder mehreren Themen richtig gut zu sein, dann traut euch! Denkt nicht, dass ihr noch vier Fortbildungen oder drei offizielle Zertifikate braucht. Lasst euch nicht verunsichern von kritischen Stimmen in eurem Umfeld – wer sich selbst nie selbstständig gemacht hat, der wird euch erfahrungsgemäß auch nicht dazu raten.

Good news: Die Community der Selbständigen wächst

Ein Blick in die USA zeigt, wohin die Reise geht: Bis 2030 sollen Selbstständige dort fast die Hälfte aller Berufstätigen ausmachen. Spezialisierte Experten werden für die Innovationskraft unserer Wirtschaft immer wichtiger. Leider ist das in der deutschen Politik und Gesellschaft noch nicht ganz angekommen, weswegen es immer noch Vorurteile und bürokratische Hürden zu überwinden gibt. Deswegen meine Bitte: Seid selbstbewusst solo-selbstständig, lasst euch nicht vom Startup-Hype irritieren, sprecht über eure Erfolge und seid damit Vorbild für viele andere Solo-Selbstständige, die die Arbeitswelt der Zukunft mitgestalten wollen. Ich bin schon jetzt euer größter Fan!


Über den Autor

Christopher Plantener ist Gründer und Co-CEO von Kontist, einer Finanz-App für Solo-Selbstständige, mit der sich Banking, Buchhaltung und Steuerberatung unkompliziert regeln lassen. Vor der Gründung von Kontist hat Christopher sieben weitere Unternehmen aufgebaut und war lange selbst als Solo-Selbstständiger unterwegs.