Die neue APO

STRIVE Redaktion

Verena Pausder engagiert sich aktiv für digitale Bildung und Gleichberechtigung, so war sie zum Beispiel prominentes Gesicht der Initiativen #StayOnBoard, „Ich bin eine Quotenfrau“ und Unterzeichnerin des Appels für die neue Rechtsform der “Gesellschaft mit gebundenem Vermögen”. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie Expertise aus der Wirtschaft Politik beflügeln kann. Wir haben mit ihr über die politische Initiativen gesprochen, was sich in der Wirtschaft verändern muss und warum die "APO 2.0" einfacher ist als die Berufspolitik.


Ein Interview mit Verena Pausder (Foto: Patrycia Lukas)

Liebe Verena, Sie sind erfolgreiche Unternehmerin, Autorin und Sie engagieren sich vielfältig für die Zukunft in unserem Land. Inwieweit kann die Politik die großen Probleme unserer Zeit lösen oder müssen die Zäsuren aus Wirtschaft und Gesellschaft herauskommen?

Wir brauchen als Gesellschaft einen Neuen Pakt, in dem Menschen aus Unternehmen, Parteien, Vereinen und Familien an einem Strang ziehen, um Lösungsideen zu entwickeln und vor allem umzusetzen. Gerade in der Krise sind unsere Politikerinnen und Politiker – zurecht – vor allem mit Krisenmanagement beschäftigt. Ein Grund mehr, dass die, die es gerade können, sich für neue Ideen und Projekte für die Zukunft unseres Landes engagieren.


Wo liegen die Grenzen der Politik in Sachen Digitalisierung, Klimaschutz, Neues Arbeiten, Bildung und wo liegen die Grenzen von engagierten Menschen wie Ihnen oder auch Bewegungen wie Fridays for Future?

Für mich ist die Aufgabenteilung klar. Die Politik hat die finanziellen Mittel, die regulatorischen Möglichkeiten und die Umsetzungskraft, um die großen Veränderungshebel in unserem Land zu bedienen. Bewegungen wie Fridays for Future oder auch einzelne Antreiberinnen und Aktivisten heben Themen auf die Agenda, machen Druck und liefern im Idealfall mit klaren Forderungen und Lösungsvorschlägen auch Antworten auf die gesellschaftlichen Missstände, auf die sie aufmerksam machen.


Würdesn Sie Bewegungen wie Fridays for Future oder auch #stayonboard als moderne APO bezeichnen?

Außerparlamentarische Opposition trifft es schon ganz gut. Mir ist wichtig, dass Opposition aber nicht immer nur “dagegen” heißt, sondern vor allem auch “dafür”. Wir meckern nicht nur, wir sagen auch ganz klar, was es für die positive Veränderungen bräuchte: Fridays for Future nennt einen klaren CO2-Preis oder ein Enddatum für den Kohleausstieg, #stayonboard schlägt konkrete Änderungen für das Aktienrecht vor, um familienbedingte Auszeiten für Vorständ:innen möglich zu machen.


Wo stehen Sie momentan mit #stayonboard? Was konnten Sie bis heute bewegen?

Unser Vorschlag, eine temporäre Mandatsniederlegung von Vorständ:innen für Familienauszeiten möglich zu machen, hat breite Unterstützung gefunden. Seit Anfang des Jahres gibt es einen Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums, der unsere Forderung aufgreift. Das Gesetz soll noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden. Dieser Entwurf ist in seinen finalen Zügen und regelt jetzt einen tatsächlichen Anspruch auf eine Auszeit im Falle von Mutterschutz, Elternzeit, Krankheit oder Pflege von Angehörigen. Das ist eine große und wichtige Weichenstellung für mehr Menschlichkeit und für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.


Sie schreiben, die Wirtschaft müsse sich radikal verändern. Wie genau?

Die Wirtschaft sollte nachhaltiger, diverser und menschlicher werden. Unser oberstes Ziel als Unternehmerinnen und Unternehmer muss sein, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beizutragen. Wir bauen Unternehmen, die gegen die Klimakrise ankämpfen und sie nicht verschlimmern, wir sind Vorbilder für diverse Führung und wir sehen in unseren Mitarbeiter:innen nicht nur “Human Resources” sondern vor allem Menschen.


Nachhaltiges Unternehmertum ist gerade ein großes Thema – ein Vorschlag dabei ist eine neue Rechtsform. Was halten Sie davon?

Ich bin auch Unterzeichnerin des Appells für die neue Rechtsform der “Gesellschaft mit gebundenem Vermögen”. Aus einem Familienunternehmen stammend weiß ich, wie wichtig langfristiges unternehmerisches Handeln ist und finde es daher gut, diese langfristige Perspektive auch in die Startup-Welt zu übertragen und den Familienbegriff auszuweiten – z.B. auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gibt mehrere Wege, nachhaltige Unternehmen zu bauen. Die Rechtsform „Gesellschaft mit gebundenem Vermögen“ ist dafür genauso eine Option, wie auch die Idee der nGmbH, die ich in meinem Buch „Das Neue Land“ vorschlage.


Wenn es die von Ihnen im Buch vorgeschlagene nGmbH geben würde, was meinen Sie wie viele Gründer würden sich dafür entscheiden? Hapert es aus Ihrer Sicht eher an der Bürokratie oder am Menschen?

Die nGmbH würde sicher nicht die klassische GmbH ablösen, sodass alle plötzlich diese Rechtsform wählen würden. Worum es mir mit der nGmbH geht ist, dass wir einen rechtlichen, steuerlichen und administrativen Rahmen schaffen, der es einfach und attraktiv macht, ein nachhaltiges Unternehmen aufzubauen. Ein Beispiel: In der nGmbH würden 15% der Unternehmensanteile den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehören. Das ist in Deutschland momentan extrem kompliziert und bringt steuerliche Nachteile. Wenn die nGmbH zudem komplett online gegründet und verwaltet werden könnte, bin ich mir sicher, dass viele Unternehmerinnen und Unternehmer diesen Weg des nachhaltigen Unternehmertums wählen würden.


So kurz und knapp wie möglich: Was sind Ihre Kernvorschläge in „Das Neue Land“? Wie sieht es aus?

Ganz oben auf der Agenda des neuen Landes stehen die Themen Digitalisierung, Bildung, Gleichberechtigung und Klimaschutz. Wir bauen Schulen, die unsere Kinder zu Gestaltern der Welt von morgen machen, investieren massiv in digitale Infrastruktur und setzen auf Open Source-Lösungen. Wir legen einen CO2-Preis fest, der ab heute mit 50 Euro gilt und bis 2030 auf 130 Euro ansteigt.


Wie setzen wir diese Vorschläge von Ihnen konkret um? Was müssen wir tun, damit sich die Politik bewegt?

Zuallererst müssen wir aufhören immer nur auf “die Politik” zu schauen und zu warten und hoffen, dass von ihr alle Probleme gelöst werden. Das Neue Land ist von Macherinnen und Machern geprägt. Wir kommentieren den politischen Betrieb nicht mehr nur von der Seitenlinie, sondern wechseln aufs Spielfeld und bringen uns ein. Wenn wir was bewegen wollen, dann haben wir alle eine Verantwortung mitzumachen – und sei unser Schritt, Projekt oder Beitrag noch so klein. Wenn ganz viele Menschen klein starten entsteht trotzdem etwas Großes. Das hat bei #stayonboard und #wirfürschule geklappt und das ist auch weiterhin der Plan, Umsetzungsvorschläge zu konkreten Themen zu machen, bei denen die Politik am großen Hebel sitzt.


Was meinen Sie, ist die APO einfacher als die Berufspolitik? Auf jeden Fall! Ein Buch, das mich letztes Jahr sehr bewegt hat, ist “Alleiner kannst du gar nicht sein”. Dort wird der Alltag von Berufspolitiker:innen beschrieben und wie hart der ist. Deshalb habe ich großen Respekt vor all denen, die ihre Arbeits- und Lebenszeit in der Politik verbringen. Ich bin überzeugt, es braucht beides: Berufspolitiker, die mit Leidenschaft in der Politik streiten, und die “APO”, die mitdenkt und -diskutiert und konkrete Lösungsvorschläge anbietet.