Die Klimakatastrophe verhindern – das geht nur mit Technologie!

Kolumne Startup | Der Klimawandel und seine Auswirkungen sind als Thema omnipräsent. Nicht zuletzt durch die sich häufenden Naturkatastrophen – wie die jüngsten Überschwemmungen im Westen Deutschlands – ist das Problem bei fast jedem angekommen. Nur wenige Ewiggestrige glauben noch, dass die globale Erderwärmung nicht menschengemacht ist. Dennoch scheinen mir die Dimension dieses existenziellen Menschheitsproblems immer noch nicht hinreichend verinnerlicht und die Debatte über mögliche Lösungen häufig verkürzt und nicht ausreichend zielführend.


Wie heiß ist zu heiß? (Symbolbild)

Aber beginnen wir doch mit einer nüchternen Bestandsaufnahme: Die Erde hat sich seit Beginn der Industrialisierung um 1,2 Grad Celsius erwärmt. Trotz aller Diskussionen und Anstrengungen konnten wir diesen Prozess bisher nicht aufhalten. Im Gegenteil: Die Geschwindigkeit der Erderwärmung nimmt zu und übersteigt sogar bisherige Prognosen. Trotz der steigenden Anstrengungen zur Reduktion von CO2-Emissionen, insbesondere in den Industrieländern, nimmt der globale Ausstoß aufgrund der steigenden Emissionen in den weniger entwickelten Ländern zu. Die Treiber sind Bevölkerungswachstum und höherer Energiebedarf infolge eines steigenden Lebensstandards. In anderen Worten: Die aktuellen Steigerungen des CO2-Ausstoßes in den weniger entwickelten Ländern sind höher als die Einsparungen in den Industrieregionen.


"Die Geschwindigkeit der Erderwärmung nimmt zu und übersteigt sogar bisherige Prognosen." - Dr. Hendrik Brandis

Das heißt: Trotz aller Anstrengungen in Europa (Green Deal) und anderen entwickelten Ländern werden wir das proklamierte Zwei-Grad-Ziel vermutlich verfehlen. Vielmehr ist eine Erderwärmung um 3,5 Grad das wahrscheinliche Zukunftsszenario, wenn wir nicht neue Wege einschlagen. Bei einer Erderwärmung um 3,5 Grad werden Regionen, in denen heute 90 Prozent der Weltbevölkerung leben, ohne umfangreiche technische Hilfsmittel praktisch unbewohnbar – und zwar noch in diesem Jahrhundert. Ein Szenario, das sich niemand genauer ausmalen möchte.


Keine Frage, Europa und Nordamerika machen Fortschritte in Richtung Klimaneutralität. Dennoch wird der Kampf gegen den Klimawandel nicht dadurch entschieden, ob Europa oder Nordamerika im Jahr 2045 oder 2050 klimaneutral werden. Vielmehr hängt der Ausgang dieses existenziellen Kampfes der Menschheit davon ab, wie schnell wir den derzeit noch wachsenden CO2-Ausstoß in den weniger entwickelten Ländern unter Kontrolle bringen und reduzieren können. Um das 3,5-Grad Szenario wirklich abzuwenden, brauchen wir bis spätestens 2050 die globale Klimaneutralität. In den Entwicklungsländern werden die beiden wesentlichen, emissionstreibenden Faktoren „Anzahl Menschen“ und „Energieverbrauch pro Mensch durch steigenden Lebensstandard“ in Zukunft noch weiter wachsen. Zumindest hinsichtlich des steigenden Lebensstandards ist dieses auch wünschenswert. Daher kann das Problem nur durch eine flächendeckende, CO2- neutrale Bereitstellung von Energie auch in den Entwicklungsländern gelöst werden. An etablierten Technologien stehen dafür nur die Kernspaltung und Verfahren zur erneuerbaren Energieerzeugung – vornehmlich Wind, Wasser, Solar und klassische Biothermie – zur Verfügung. Leider ist das Potenzial der erneuerbaren Energien in der uns verbleibenden Zeit zu begrenzt, um das globale Klimaproblem lösen zu können. Der Anteil erneuerbarer Energien am Weltenergieverbrauch liegt aktuell bei gut elf Prozent. Dieser Anteil ist in den letzten zehn Jahren gerade mal um rund 2,5 Prozentpunkte gestiegen. Selbst wenn es gelänge, die Ausbaugeschwindigkeit in den kommenden Jahrzehnten zu verdoppeln, ist im besten Fall ein Anteil der erneuerbaren Energien von 25 bis 30 Prozent bis 2050 erreichbar. Wir brauchen aber 100 Prozent!


„Ohne technische Hilfe werden bestimmte Regionen unbewohnbar sein.“ - Dr. Hendrik Brandis

Aus diesem Grund wirbt Bill Gates in seinem Buch „How to Avoid a Climate Disaster“ für den aggressiven Ausbau modernisierter Kernspaltungsreaktoren. Das scheint ein technisch gangbarer Weg, bringt aber die bekannten Risiken der klassischen Atomenergie hinsichtlich Sicherheit und des radioaktiven Abfalls mit sich. Für den Ausbau der klassischen Atomenergie lassen sich deswegen in vielen Gesellschaften keine Mehrheiten gewinnen.


Der einzig realistische Weg zur Vermeidung der Klimakatastrophe liegt daher in der schnellstmöglichen Fertigentwicklung disruptiver Technologien zur skalierbaren, CO2-freien Energieerzeugung. Dafür gibt es vielversprechende Ansätze. Beispiele sind die kalte Kernfusion oder die tiefe Biothermie. Beide Technologien könnten jede für sich die Lücke zur Versorgung der Welt mit CO2-freier Energie schließen. Die Energieschöpfung bei der Kernfusion liegt um Faktoren über der der klassischen Kernspaltung in aktuellen Atomreaktoren. Und man schätzt, dass bereits 10.000 bis 15.000 rund zehn Kilometer tiefe Erdbohrungen mit angeschlossenen Biothermiekraftwerken den Weltenergiebedarf decken können. Nur mit fundamentaler technologischer Innovation werden wir das Ruder noch so schnell herumreißen können, dass eine globale Klimakatastrophe vermieden werden kann. Deswegen sollten wir alles tun, um diese und andere neuen Technologien schnellstmöglich fertig zu entwickeln – ganz so, wie wir uns als Menschheit beeindruckend erfolgreich auf die Entwicklung eines Covid-19-Impfsto$s konzentriert haben. Diese positive Erfahrung müssen wir nun für die Bewältigung des Klimawandels nutzen. Daher wäre eine engagierte Debatte über Möglichkeiten zur Entwicklungsbeschleunigung weit wichtiger als die aktuell geführten Diskurse beispielsweise über die Geschwindigkeit des Ausbaus von Elektromobilität oder des Verbots von Kurzstreckenflügen. Natürlich gilt hier: das eine tun und das andere nicht lassen – nur sollten wir die richtigen Prioritäten setzen!

Über den Autor:

Dr. Hendrik Brandis ist Co-Gründer und Partner beim Venture Capital Fonds Earlybird. Sein Interessensschwerpunkt liegt auf techgetriebenen Geschäftsmodellen.