„Dass die Menstruation ein Tabu ist, ist kulturell bedingt“

Spanien hat viele überrascht, in dem es als erstes europäisches Land einen Menstruationsurlaub von drei Tagen im Monat beschlossen hat. Wir haben mit der Gründerin des Periodenunterwäsche Startups Ooia, Kati Ernst, darüber gesprochen, ob Deutschland auch eine solche Regelung braucht und welcher gesetzlichen Veränderungen es bedürfte, um mehr Gleichstellung zu erzielen.

Kati Ernst, Gründerin des Periodenunterwäsche Startups Ooia. Foto: Jannik Hanne



Wie stehst Du zum Vorstoß Spaniens in Sachen Menstruationsurlaub?

Ich finde die Regelung gut. Kein Mensch, weder Mann noch Frau, ist eine Maschine die jeden Tag gleich gut und konstant „abliefert“. Wir müssen als Arbeitgeber:innen annehmen, dass Menschen an manchen Tagen eben weniger produktiv sind, dafür aber an anderen über sich hinaus wachsen und dass das völlig ok ist so. Die herrschende Arbeitskultur sieht dieses allerdings nicht vor – daher sind sämtliche Flexibilisierungen eine gute Sache, ebenso die Option einer Auszeit, wenn die Menstruation einen eh so umhaut, dass Frau nicht gut arbeiten kann.



Die Bezeichnung als „Menstruationsurlaub“ muss 100 % überdacht werden - was für ein fatales Framing!


Bei uns und sicher in vielen modern ausgerichteten Unternehmen braucht es eine formelle Regelung nicht, da unsere Mitarbeiter:innen ohnehin flexibel ihre Zeit einteilen können und Rücksicht auf ihre Bedürfnisse, auch aber eben nicht nur, ihre Periode nehmen sollen. Aber für Betriebe an denen z. B. eine starke Präsenzkultur herrscht oder man anwesend sein muss, kann eine solche sinnvoll sein.


Braucht Deutschland einen ähnlichen Vorstoß?

Ich bin mir nicht sicher, ob das Modell einer Sonder-Krankschreibung hier der richtige Weg ist, da die meisten Firmen ohnehin erst nach drei Tagen ein Attest verlangen. Es können also schon heute viele Frauen zumindest zwei Tage ohne Angabe von Gründen oder Arztbesuch zu Hause bleiben und sich um sich selbst kümmern. Und die Bezeichnung als „Menstruationsurlaub“ muss 100 % überdacht werden - was für ein fatales Framing!





Was sagst Du den Kritiker:innen, die diese Maßnahme als Stigmatisierung der Frauen empfindet?

Ich verstehe die Bedenken, wir erleben ja schon oft, dass Frauen wegen möglicher Schwangerschaften für Stellen nicht berücksichtigt werden. Hier baue ich auch auf den „War for Talent“: Arbeitnehmer:innen müssen Arbeitgeber:innen-zentrischer Arbeit gestalten und anbieten, damit sie überhaupt die Talente zu sich bekommen. Die Hälfte dieser Talente sind Frauen, und somit müssen die Unternehmen frauenfreundlicher werden, um zu überleben.


Zudem ist das Gegenstück der Periode ja der Eisprung und in der Phase sind Arbeitnehmerinnen unfassbar produktiv, kreativ und leistungsstark. Das gleicht sich sicher aus. So oder so: ohne das Verständnis der Mitarbeiter:innen als Menschen mit super Tagen und nicht-so-super-Tagen (weil die Lieblingsfußballmannschaft verloren hat, der Vater erkrankt ist, eine Sportverletzung zugezogen wurde, das Haustier Probleme macht … was auch immer!) klappt das in Zukunft alles nicht.


Wie schaffen wir es, dass die Menstruation nicht mehr als Tabu Thema gesehen und gerade im Business unter den Tisch gekehrt wird?

Dass die Menstruation ein Tabu ist, ist kulturell bedingt und seit Jahrhunderten in uns verankert. Das kriegen wir nicht so schnell aus den Köpfen. Am wichtigsten scheint es mir bei Themen wie dem „Menstruationsurlaub“ ihnen Worte und Raum zu geben. Zudem wird aktuell viel diskutiert, dass Führungskräfte mehr über die Bedürfnisse menopausaler Mitarbeiterinnen informiert werden müssen, da ein immer größer werdender Teil der arbeitenden Bevölkerung mitten in den Wechseljahren steckt. Da könnte man das Thema Periode direkt mit unterbringen.





Welche anderen Vorstöße würden dir einfallen, die wir gesetzlich verankern sollte, um noch mehr Gleichberechtigung zu schaffen.

Das wäre eine lange Liste! Ich starte mal mit fünf Punkten:

  1. Es braucht z. B. nicht nur einen Anspruch auf Kinderbetreuung, sondern auch qualitativ gute Angebote (die eine bessere Bezahlung von Erzieher:innen bedarf)

  2. Das Elterngeld muss so umgestellt werden, dass auch Selbständige es sinnvoll nutzen können - z. B. um die Betreuung für ihre Kinder in ihren Büros zu zahlen, während sie frühzeitig wieder arbeiten gehen.

  3. Eine vorgeschriebene Verteilung der Elternzeit auf beide Elternteile würde die Stigmatisierung der Mütter verringern

  4. Auch das Verbot von Spielzeugen „für Jungen“ bzw. „für Mädchen“ (wie es Spanien jetzt auch macht) kann dazu beitragen in der nächsten Generation früh Gleichstellung zu fördern

  5. Und last but not least wäre eine verpflichtende Frauenquote in Vorständen, ohne ein konsequenzloses „Opt-out“ für Firmen ein wichtiger Schritt.