5 Regeln, mit denen die Startup-Finanzierung klappt

Kolumne | Sabine Engel hat bereits drei Unternehmen aufgebaut. Daher weiß sie: Gründen ist nie leicht. Und eine der größten Hürden ist es, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Im zweiten Teil ihrer Gründer:innen-Serie erklärt sie, wie das klappt.


Sabine Engel hat bisher drei Unternehmen gegründet. Foto: Miomente

Die gute Nachricht: Bei der Finanzierung von Startups kann alles und nichts richtig sein. Unzählige Berichterstattungen, Beiträge, Ratgeber, Podcasts und Bücher zum Thema beweisen das. Und noch eine gute Nachricht: Sie werden viel lernen und vielleicht den ein oder anderen Fehler machen. Jede:r Gründer:in darf ihren eigenen Weg finden. Hinterher sind wir dann noch schlauer. Und ich finde, das ist das Wunderbare am Unternehmer:innentum selbst: Steile Lernkurven, die ich woanders nicht erlebt hätte. Ich zeige Ihnen meinen Weg und die fünf Learnings, die ich daraus gezogen habe.


Bootstrapping. Business Angels. Family, Fools & Friends. Oder doch die Bank? Lieber Venture Capital? Das klingt schick und wichtig. Die Gründer:innen-Presse ist voll von Geschichten, welches Startup wie viel Kapital von wem eingesammelt hat, welches Pitch Deck wo zum Erfolg geführt hat und mit welchen Kniffen ich Investor:innen am besten um den Finger wickle. Nein, ich kann diese Stories nicht mehr hören, sehen, lesen. Denn sie verzerren die Realität. Ich möchte nicht glauben, dass viele Gründer:innen den Sinn ihres Daseins darin sehen, Geld einzusammeln. Traurig macht mich vor allem die Wirkung, die durch diese finanzierungslastigen Berichterstattungen und Gründer-Shows in der Öffentlichkeit entsteht: Zuerst die Kohle, dann kümmern wir uns ums Produkt.


Ich habe es anders gemacht:


1. Zuerst Proof of Concept (PoC), dann Kapitalerhöhung.

Ein gutes Startkapital ist das GmbH-Stammkapital, 25.000 Euro. Anteilig zahlt jede Gründer:in ihren Teil ein. Bei meiner ersten Gründung von Miomente war ich 24 und kratzte mein Erspartes aus verschiedenen Schülerjobs und Halbwaisenrente zusammen. Das eigene Geld sensibilisierte mich sehr zur Sparsamkeit. Für die extrem schmale Kasse baute ich einen funktionierenden Online-Marktplatz auf. Statt vor Investoren zu pitchen, konzentrierte ich mich voll und ganz darauf, ein tolles Produkt zu bauen, arbeitete wie wild und die ersten zwei Jahre ohne Gehalt. Mein Lohn: Umsatz. Die Kunden kauften, empfahlen weiter und kauften wieder. Mit meinem jüngsten Startup Frida & Fritz machte ich es wieder so. Genau so. Denn aus zwei Gründen glaube ich fest an die Kraft des Proof of Concepts: Erstens bleibe ich als Gründerin fokussiert darauf, das Produkt richtig gut zu machen. Zweitens habe ich nach dem Liefern des PoC ein viel besseres Standing; größere Verhandlungsmacht und höhere Unternehmensbewertung.


2. Nur Bares ist Wahres I – Finger weg von Sachkapital

Einer meiner größten Fehler bei Miomente war es, als ersten Investor eine Agentur an Bord zu nehmen, die neben etwas Geld auch Sachleistungen, operatives Onlinemarketing, einbrachte. Das brachte mich in eine massive Abhängigkeit von dieser Agentur. Geld allein gibt mir mehr Freiheit, Leistungen extern einkaufen zu können. Als es in der Agentur nicht mehr lief, wurde diese Abhängigkeit stark ausgenutzt und als Druckmittel gegen mich verwendet. Miomente stand damals kurz vor dem Abgrund. Die Erfahrung, plötzlich in irrationale Machtspiele eingebunden worden zu sein, hat mich zwei Dinge gelehrt: Bei einer Finanzierung ist nur Bares Wahres. Und sollte ich nur den Anflug von Flauheit in der Magengrube verspüren, dass Investor:innen womöglich andere Werte haben als ich selbst: Don´t do it. Absolutely not.


3. Nur Bares ist Wahres II – Die Sache mit dem Netzwerk

Investor:innen sind stolz auf ihr – zweifelsohne – großes Netzwerk. Oft bringen sie das als wertvolles Add-on in ihrer Kommunikation ein. Das Netzwerk darf jedoch kein Grund sein, sich aufeinander einzulassen. Ich mache die besten Erfahrungen damit, mein eigenes Netzwerk aufzubauen. Ich verlasse mich nicht darauf, dass Investor:innen mich permanent im Kopf haben und somit automatisch daran denken, dass dieser oder jener Kontakt hilfreich für mich sein könnte. Warum nicht? Die meisten Investor:innen haben sehr viele verschiedene Portfoliounternehmen mit tagtäglich Tausenden verschiedenen Herausforderungen im Kopf. Da denke ich lieber für mich selbst und spreche ihn/ sie bei Bedarf an. Ein fremdes Netzwerk hat für mich keinen Einfluss auf die Bewertung, sondern ist ein nice-to-have.


4. Wie lange es dauert

Sie sind an dem Punkt, dass Ihr Produkt funktioniert? Sie sehen klar die Schritte, die jetzt getan werden müssen, um es vom Startup zum Scaleup zu schaffen? Sie kennen ihr Wunschszenario, welcher Investment-Typus in welcher Form wie viel Geld investieren muss? Sehr gut. Denn damit haben Sie die drei allerbesten Voraussetzungen für einen überzeugenden Pitch: Eine solide Geschäftsbasis. Eine kluge, starke Story. Eine dicke Portion Selbstsicherheit, dass Ihr Plan funktioniert.


In der Finanzierung von Startups ist alles und nichts richtig. Finden Sie Ihren eigenen Weg. Lieben Sie den Prozess und die Lernkurve. Hinterher sind Sie immer schlauer.

Wenn ab jetzt alles richtig gut läuft, dauert es im Durchschnitt sechs Monate, bis das Geld auf dem Konto ist. Was, so lange? Genau, ich denke auch jedes Mal, der Plan ist so klar, die Chancen so eindeutig, das geht doch jetzt ratzfatz. Leider Pustekuchen, Verhandlungen, Urlaub, Krankheit, Due Diligence, wechselndes Management. Es dauert, glauben Sie mir.


5. Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

„(...) Der Wahn ist kurz, die Reue lang.” Friedrich Schiller hat Recht. Ich habe die Erfahrung gemacht und durfte lernen, wie langwierig, wie schwierig und am Ende des Tages wie teuer es ist, einen Gesellschafter wieder loszuwerden. Zweimal.


Mein oberstes Kriterium, eine Gesellschafterbeziehung einzugehen, ist für mich seitdem eine Wertekonformität. Meine persönlichen Werte sind Freiheit, Mut, Kreativität und Leidenschaft. Wenn in der sich anbahnenden Geschäftsbeziehung damit eine Konformität, also eine Übereinstimmung, nicht notwendigerweise eine Gleichheit besteht, dann ist für mich der Zeitpunkt, mich ins Abenteuer zu stürzen.


In der Finanzierung von Startups ist alles und nichts richtig. Finden Sie ihren eigenen Weg. Lieben Sie den Prozess und die Lernkurve. Hinterher sind Sie immer schlauer.


Über die Autorin

Sabine Engel hat bisher drei Unternehmen gegründet: Miomente, ein Portal, das kulinarische Erlebnisse für Genießer:innen vermarktet, Frida & Fritz, eine D2C-Rösterei für entkoffeinierten Kaffee und ihre Digitalberatung SAE Ventures. Auf STRIVE-Online berichtet sie über ihren eigenen Weg zur Gründerin.